The Assassin (R: Hou Hsiao-Hsien, TWN/CHN/HK/F 2015) ©delphifilmverleih
The Assassin (R: Hou Hsiao-Hsien, TWN/CHN/HK/F 2015) ©delphifilmverleih

The Assassin (TWN/CHN/HK/F 2015)

THE ASSASSIN ist geprägt von einer kontinuierlichen Ästhetik des Schleierhaften, wortwörtlich zu verstehen. Der Zuschauer wird auf Distanz gehalten, sei es durch die Wahl der Kameraperspektive, die aus Middle- und Longshots besteht, sei es durch die Ausstattung, beispielsweise Vorhänge und Schleier, die die Sicht immer wieder wie von Geisterhand verdecken; durch Gesten der Figuren, die an ihren Emotionen nicht Teil haben lassen oder Bewegungen vom tanzenden Körper im Mittelgrund, die das narrative und bildliche Zentrum der Geschichte verdecken. THE ASSASSIN kommt so ohne filmischen Vordergrund aus, selbst die Kadrierung auf 1.37 : 1 scheint das Sichtfeld des Zuschauers beschneiden zu wollen, so sehr wird unser Sehen als heimlich, unangebracht, unbeteiligt und statisch inszeniert. Später erleben wir den Blick auf einen Kampf von ganz außerhalb, ausgeschlossen aus einem Film, dessen hermetische Poesie uns den kinematographischen Handschlag zum Sich-Verlieren verweigert und so eine reizvolle Studie der Beharrlichkeit ist.

von Lucas Curstädt


Konsequent verweigert sich Hou Hsiao-Hsien den Konventionen des augenscheinlich gewählten Genres, des wuxia. Die ausufernd choreographierten Kampfszenen werden auf kurze, präzise Handgriffe reduziert, das sonst unendlich ausgebreitete Leinwandformat verengt sich auf klassische Academy Ratio. Einmal ändert er das Format für einige Minuten, in einer Szene, die eine Verbreiterung nicht mehr rechtfertigen würde als andere – vermutlich nur, um uns daran zu erinnern, dass über den Rand hinaus die Dinge weiter sichtbar sein würden, wenn er sie uns zeigen wollte. Aber das will er nicht, und auch sparsam bleibt er damit, uns das, was in den Bildern geschieht, leicht konsumierbar zu servieren. Spärliche Dialoge, voyeuristische Kameraperspektiven durch Vorhänge hindurch in Räume, die sich Ebene für Ebene durch neue Kompositionslinien und Repoussoirs verschachteln. Und so wird THE ASSASSIN mehr ein Film der Augen als der Schwerter, der ständigen Observierung, statt direkter physischer Auseinandersetzung. Aus der kinetischen Eleganz des wuxia wird eine Anmut des Wartens und der Ruhe.

von Roman Paul Widera