Die bitteren Tränen der Petra von Kant (R: Rainer Werner Fassbinder, D 1972) ©filmverlagderautoren
Die bitteren Tränen der Petra von Kant (R: Rainer Werner Fassbinder, D 1972) ©filmverlagderautoren

Die Bitteren Tränen der Petra von Kant (BRD 1972)


Rainer Werner Fassbinder, das enfant terrible des westdeutschen Kinos und der wohl entschiedenste Vertreter des Neuen Deutschen Films inszeniert mit DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT einen wortwörtlich zu verstehenden Frauenfilm. Männer in ihrer leiblichen Präsenz sind abwesend, höchstens in abschätziger Nachrede oder in der genitalen Dominanz auf einem Gemälde von Nicolas Poussin. Fassbinder klagt: Identitäten und ihre Abbildungen elaborieren sich durch die Blicke Anderer und erzeugen zerbrechliche Hierarchien; die äußere Persona ist wichtiger als die innere Überzeugung, unabhängig von Geschlecht oder Gender. Kant, die sich vom Manne emanzipieren will, da jener in ihr zu viel Schmerz verursacht hat, geißelt sich am Ende durch die Liebe an eine Frau. Klassifikationen nach Geschlecht, Liebende und Angebetete, Mutter und Tochter, Tochter und Mutter werden also bei Fassbinder durch die Letztinstanz des Leides aufgehoben. Keine Utopie zu haben, ist die einzig mögliche. Die Konklusion: Wie soll man leben, wenn man nicht sterben will? Ja, wie, fragt sich auch Petra von Kant.



von Lucas Curstädt