Atomic Blonde (R: David Leitch D/SWE/USA 2017) ©universal
Atomic Blonde (R: David Leitch D/SWE/USA 2017) ©universal

Atomic Blonde (D/SWE/USA 2017)

Demjenigen, der dafür kämpft WONDER WOMAN in die Riege der feministischen Meisterwerke zu hieven, sei empfohlen, seinen Blick auf ATOMIC BLONDE zu richten. Hier ist der Körper einer Frau verprügelter und prügelnder Leib, kein Statthalter symbolischer Vulgärpolitik. Statt einer Amazone, die ihrem makellosen Schicksal ausgeliefert und damit Widersacher jeder emanzipierten Aufklärungspolitik ist, kämpft Charlize Theron als Agentin Borghton: Sie schlägt, wird geschlagen, tritt, wird getreten, schießt, wird angeschossen, stöhnt, schwitzt und schreit in einer beachtlichen Plansequenz, welche Körperpolitik als martialischen Kampf choreographiert und Emanzipation nicht über altmodische Mythologien versperrt, sondern als körperliche Performance inszeniert. Dieser kinematographische Fokus erübrigt Fragen nach der Sexualisierung, denn im Nahkampf gibt es kein Geschlecht. Die höhere Ordnung der Geschichte bildet die Allmachtstellung der USA im Hintergrund: so trifft der Feminismus auf geopolitische Ursachenforschung. Das ist die subversive Pointe, die anderswo nur herbei geschrien werden kann.

von Lucas Curstädt


Showdown in Berlin! Im Bannkreis der Ideologien macht David Leitch es sich zur Aufgabe in seinem eigens kreierten Fade-To-Grey-Berlin eine unkonventionelle Erzählung der Deutschen Wiedervereinigung zur Schau zu stellen. Blondes Haar und die Eigenschaft einer Atombombe als die Menetekel ihrer Gegner sind hierbei eine nicht ganz unüberlegte Wahl, verkörpert Geheimagentin Lorraine Broughton doch die Trias aus Spionierkunst, Sinnlichkeit und Brutalität. Liebe zum Detail, Musik, Style sind hierbei Agenten subversiver Kommentare, mit der Mission patriarchalische Strukturen aus ihren Verankerungen zu reißen. George Michaels Father Figure als eine Form der Symphonie gegen die Staatsgewalt bildet einen der signifikanten Höhepunkte des Films. ATOMIC BLONDE, samt seiner Subjektivierungsstrategie des Rückblenden Debriefings, ist die Versinn- bildlichung einer gebrochenen Seele inmitten einer gespaltenen Stadt, die sich die Akkumulation von Gewaltexzessen als kommunikativen Begriff zu eigen macht. Nicht umsonst führen Lorraines Tiraden sie mithilfe der Kinoleinwand hin zu Tarkowskis Zone aus STALKER.

von Vasco V. Ochoa