Alles was kommt (R:  Mia Hansen-Løve, F/D 2016) ©weltkino
Alles was kommt (R: Mia Hansen-Løve, F/D 2016) ©weltkino

Alles was kommt (F/D 2016)

Dieser Film ist Kritik am Bilder-Überdruss im Kino und gleichsam poetische Antwort darauf, so unkorrumpierbar wie die Philosophielehrerin Nathalie, Protagonistin in ALLES WAS KOMMT. Vor allem aber ist Mia Hansen-Løves Werk eine filmische Reflexion über den Überdruss an Emotionen und der sich anschließenden Frage: Was braucht es, um emotional zu berühren und wie sehr haben Dramen-Konventionen des Kinos ertauben lassen, wenn eine dramatische Situation (der Tod der eigenen Mutter) nicht überzeugend sein soll, weil statt mit ausgestellten Affekthandlungen (nur) auf den Moment der Situation eingegangen wird. Statt Spektakel und Überbietungskampf versucht sich Hansen-Løve an einem emotionalen Realismus, der Effekte negiert und in der alltägliche Impressionen auch einmal seine Heldin um das Weinen wegen weinen lässt. Der Zuschauer, der nur noch hassen kann, legt dies als Ereignislosigkeit aus und vergisst dabei auf die Immanenz des Moments zu achten. Darin spiegelt sich der Antrieb der intellektuellen Nathalie, deren Gedanken immer den Schlag ihres Herzens übertönen werden.

ALLES WAS KOMMT ist wie ein Spaziergang an einem Weg, an dem man immer wieder anhalten könnte. Die Raststätten sind gesäumt mit Plot-Points – diesen ekligen Begriffen, mit denen selbsternannte Drehbuch-Gurus vermutlich ganze Autoren-Generationen versaut haben. Aber was macht Mia Hansen Løve an diesen Stellen? Sie winkt vielleicht, aber geht souverän vorüber. In diesem wunderbar unaufgeregten Film erscheinen immer wieder Momente, die uns, die wir dramaturgisch konditioniert sind, die paukenschlagartigen Wendepunkte wittern lassen. Doch dann war’s das. Das Leben geht weiter. Die möglichen Schicksalsschläge, die drastischen Veränderungen im Leben der Philosophielehrerin Nathalie, sie fühlen sich nicht an wie nach dem Drehbuch Einmaleins verfasst, die Momente der Bedeutung müssen sich nicht mehr als solche ausweisen, selbstverständlich sind sie dennoch hier. Sie gehören zu all dem was kommt und dann kommt noch was und etwas anderes geht dafür. Den roten Faden darin fangen wir erst gar nicht an zu suchen und das ist auch gut so.


von Lucas Curstädt


von Roman Paul Widera