Targets (R: Peter Bogdanovich, USA 1968) ©paramount
Targets (R: Peter Bogdanovich, USA 1968) ©paramount

Targets - Bewegliche Ziele (USA 1968)

Bis auf eine Konvergenz durch ein Fadenkreuz am Anfang vollziehen sich in TARGETS lange Zeit zwei Filme gleichsam. Die Geschichte des alternden Horrorfilmstars, Boris Karloff, der sich quasi selbst spielt, daneben der unerklärliche Amoklauf eines unscheinbaren jungen Mannes, des perfekten Schwiegersohnes, der mit seinem Gewehr eine Blutspur vom Elternhaus angefangen durch die ganze Ortschaft zieht. Beide Stränge kulminieren bei der Filmaufführung im Drive-In-Kino, wo der Schütze eine ganze Zuschauer- schaft und, ein weiteres Mal, Karloff ins Visier nimmt. Der will sich aus dem Kinogeschäft zurückziehen, da er keinen Platz mehr für seine antiquierten Monstren sieht. Der Terror im Kino ist im Wandel begriffen und TARGETS "reflektiert [diesen Wandel] in einem Moment, in dem sich die Ästhetik der Drastik erst zu entwickeln beginnt." (1) Mit der Schlachtung durch den Hecken- schützen und dem Gothic-Horror der Vergangenheit stehen sich wie zwei Spielarten gegenüber, letztere wird gerade abgelöst. Die Menschen selbst werden furchteinflößender als alles Übernatürliche es sein kann. Und als hätte Bogdanovich den Paradigmenwechsel beschworen, fingen tatsächlich im gleichen Jahr die Menschen im Kino damit an sich selbst zu fressen.

Am Ende dieses ersten Spielfilms von Peter Bogdanovich schießt es wortwörtlich aus der Kinoleinwand. Der amoklaufende Bobby Thompson hat sich hinter einer solchen verschanzt und attackiert wahhlos die Besucher eines Autokinos. In letzter Konsequenz erschießt er auch den älteren Filmvorführer, noch läuft der Film autonom weiter. Ein wiederholter Blick der Kamera auf die Filmspule verdeutlicht, was Paul Virilio meinte, als er sagte: Krieg ist Kino und Kino ist Krieg. Denn die Spule dreht sich wie die Trommel eines Revolvers und so kehrt TARGETS zur Genesis des Kinos zurück, zum Fotopionier Etienne-Jules Mareys und zu seiner Erfindung der chronophotographischen Finte von 1882: Mit einem Objektiv im Lauf und einem Trommelschloß, in dem eine photographische Platte rotiert. Der Kinematograph, so Virilio, geht mit dem Krieg dieselbe Verbindung ein, wie das Zielfernrohr mit dem Gewehr und so tut es auch TARGETS: Immer wieder erleben wir den Krieg, den Thompson entfacht, aus der Perspektive des Zielfernrohrs, das Filmbild ist das der Optik der Waffe. Im Finale verkehren sich die Vorzeichen. Erst die übergroße Kinoleinwand stoppt Thompson und beendet den Terror.


von Roman Paul Widera

(1) Moldenhauer, Benjamin: Ästhetik des Drastischen. Welterfahrung und Gewalt im Horrorfilm. Berlin 2016, S. 56.


von Lucas Curstädt