Loveless (Nelyubov, R: Andrei Swjaginzew, RUS 2017) ©sonypictureclassic
Loveless (Nelyubov, R: Andrei Swjaginzew, RUS 2017) ©sonypictureclassic

Loveless (RUS 2017)


Ein ungebetener Junge verschwindet. Seine Eltern, im Scheidungsstreit vertieft, bemerken sein Fehlen erst gar nicht, so sehr verachten sie das leidige Produkt ihrer Beziehung. Im Gegensatz zu Antoine Doinel in Truffauts Langfilmdebüt gibt es für Alexey also nur Schläge. Regisseur Zvyagintsev nutzt diese Synopsis, um in stilistischer Anlehnung an den frühen Haneke die versteckten Neurosen einer post-zaristischen und post-kommunistischen Gesellschaft direkt am Leichenbefund zu sezieren. Menschen wie Umfeld, verlassene Industrielandschaften, Erholungsbäder, Raumfahrtzentren, werden als gefallene Autoritäten, als überholte Utopien porträtiert und aus ihnen schreit die unmittelbare Direktheit ausgehärteter Fassaden. Eindrucksvoll ist Zvyagintsevs humanistisches Bestreben, dieses Land und seine verhassten Figuren zu lieben – gnadenlose Geschöpfe in unwirtlicher Umgebung – und so stellt er ihnen eine seltsame Solidarität zur Seite. Denn während der Staat seine Unfähigkeit unmissverständlich zugibt, hilft eine ehrenamtliche Organisation den Eltern bei der Suche. Doch Alexey denkt da gar nicht mehr an Rückkehr.



von Lucas Curstädt