Die dunkelste Stunde (Darkest Hour, R: Joe Wright USA/GB 2017) ©universal
Die dunkelste Stunde (Darkest Hour, R: Joe Wright USA/GB 2017) ©universal

Die dunkelste Stunde (USA/GB 2017)

Tragisch an DIE DUNKELSTE STUNDE ist das cineastische Dahinsiechen seines Regisseurs Joe Wright, der seinem Zuschauer mit ABBITTE und WER IST HANNAH noch filmische Entwürfe anbot. Dabei ist ihm der Versuch nicht abzusprechen, wenn er immer wieder den Topshot bemüht, um den strategischen Blick der Politik auf die Karte des Kriegs zu verdeutlichen. Doch dieses Aufblitzen eines Konzepts wird nie zwingend und damit filmisch nie aussagekräftig. Auffällig ist Wrights nahezu puritanischer Glaube an einen fairen und gerechten politischen Kampf; und das in jenen verdrehten Zeiten, in denen das Kino nicht mehr kann, als zu dem von Wright beschworenen Image des aufrechten Politikers zurückkehren, will es nicht von der Medienshow im Weißen Haus absorbiert werden. Doch Wright torpediert auch dies. Am Ende erteilt der König deus ex machina seinem Premierminister den Rat, auf das Volk zu hören, und so stimmt Churchill seine Rivalen um. Während dieser Szene, die aus Politik ein wärmendes Märchen macht, sollte man sich Angela Merkel in einer Berliner U-Bahn vorstellen.

von Lucas Curstädt


Sehenswerte Biopics sind Ausnahmen. Joe Wrights Churchill-Porträt muss jedoch problemlos zum Standardwerk dieses heiklen Genres zugerechnet werden. Das fleißige inszenatorische Bemühen, dem kühlen Image eines mächtigen Staatsmannes etwas mensch- liche Weiche zu verleihen, fühlt sich lästig, mechanisch an. Für seine Gattin ist Winston „Pig“ Churchill nur ein Mann wie alle andere – welch Überraschung! Gleichzeitig ist für eine nuancierte, glaubwürdige Darstellung, welcher sich eine regelgerechte Filmbiografie wie diese verpflichtet, der Unterschied zwischen dem durchdachten, vorgeschriebenen Reden für die Öffentlichkeit und dem vermeintlich spontanen Sprechen hinter geschlossenen Türen unzulänglich: Beides ist meistens zu sauber, gereinigt im Dienste einer jeweiligen Funktionalität der Aussage. Letztendlich dient die partielle Entgötterung Churchills nur als Vorlauf für eine neue, absurdere Mythenbildung, deren Pathetik in der dunkelsten Viertelstunde des Films in einer agitpropmäßigen U-Bahn-Szene ins Lächerliche kippt und somit ihren peinlichen Höhepunkt erreicht.

von Maryna Zaporozhets