Germania (R: Lion Bischof, D 2018) ©HFF
Germania (R: Lion Bischof, D 2018) ©HFF

Germania (D 2018)

Der entscheidende Moment lauert im letzten Satz. Bei einem Meeting verweist der Kopf einer Verbindungsgruppe auf die Gäste im Raum und verbindet damit die Bitte, Interna folglich erst später zu bereden. Damit endet GERMANIA und verkehrt die vom Film bis dahin evozierte Grundhaltung dem dokumentarischen Gestus gegenüber, nämlich die, dass die Kamera als Aufzeichnungsapparat die vorgefundene Realität autonom und damit synonym die Wahrheit sichtbar werden lasse. Deswegen agiert der Film auch zurecht im Modus der Observation, wie eine Fliege an der Wand. Doch der filmische Blick in die Verbindung, die wie ein Unternehmen auf neoliberales Teambuilding setzt, Politik nur als Spurenelement ausgibt, sich auffällig banal verhält und darin auch Peinlichkeiten zulässt, damit alles schön menschlich wirkt, muss ein fragiler sein und weil der Charme der Harmlosigkeit beinahe nur noch das Schaf ohne den Wolf in dessen Pelz sehen lässt, ist die letzte Szene so wichtig. Da wird klar: Hier arbeitet Öffentlichkeitsarbeit gegen Öffentlichkeitsarbeit – nur, dass der Film sich reflektieren kann.

Wenn junge Möchtegern-Männer nicht genug Zorn haben, um sich durch Rebellieren zu beweisen, kommt die selbstbestätigende Wirkung des bürokratischen Schreibaktes zu Hilfe, während die sichere Verankerung in einer Corps-Hierarchie von den Qualen der Orientierungslosigkeit in einer viel zu komplexen Welt zumindest partiell befreit. Ohne sich zu sehr um formalästhetische Spielereien zu bemühen, bleibt Lion Bischof in der Tradition des beobachtenden Dokumentarismus und lässt die Corpsmitglieder für sich selbst sprechen. Durch doppelte Selbstinszenierung bringen sie ihre Sehnsucht nach einer lenkenden Hand, das willige Klammern an nicht hinterfragbare Werte und Regeln sowie das verdrängte Homoerotische zum Ausdruck. Dies natürlich nur zwischen den Zeilen, die vielmehr auf dem Toleranzprinzip und der charakterstärkenden Funktion beharren sowie die Wichtigkeit der eingehaltenen Traditionen inklusive alltäglicher Sauferei zu begründen versuchen. Die Jugend braucht die Organisation, um die verwirrende Adoleszenz zu überwinden, aber wofür die Organisation sie braucht bleibt hors-champ.


von Lucas Curstädt


von Maryna Zaporozhets