Steven Spielberg - Zwischen Arthouse und Effektkino, Reclam Verlag
Steven Spielberg - Zwischen Arthouse und Effektkino, Reclam Verlag

Steven Spielberg - Zwischen Arthouse und Effektkino

(Thomas Koebner, 2016)

 

An einer Stelle im neuen Spielberg-Buch des Filmwissenschaftsveterans Thomas Koebner gewinnt man den Eindruck, er kommuniziere unmittelbar mit seinem Kollegen Georg Seeßlen, dessen 2001 erschienenes Werk zu Spielberg in diesem Jahr eine erweiterte Neuauflage erhalten hat und welches sich grundlegend von Koebners Ansatz unterscheidet: Koebner widmet sich gerade dem in der Retrospektive meist vergessenen Film ALWAYS und erweist sich als großer Fan der Szene, in der der tote Pete vom Engel Hap (Audrey Hepburn) die Haare geschnitten bekommt. Er beschreibt dies als einen „verblüffende[n] Einfall, um Alltag im Jenseits zu illustrieren (…)“ (1) und fügt direkt in Klammern hinzu: „Und ein Akt, der nicht gleich spitzfindig als symbolische Kastration gedeutet werden sollte.“ Erinnern wir uns an das Seeßlen-Werk, so hat der Autor dort vom Weißen Hai als „Vagina dentata“ gesprochen. Es könnte also Seeßlen in den Klammern gemeint sein.


An diesem Beispiel wird deutlich, worin die unterschiedlichen Ansatzpunkte zwischen Seeßlens älteren und Koebners Neuerscheinung über Spielberg liegen und weshalb das Koebner-Buch für den Filminteressierten eher zu empfehlen ist, auch wenn der geneigte Leser an einem Scheideweg steht: Entscheidet er sich für Seeßlen, der eine Art populärwissenschaftliche Pyro-Show anbietet, die das Werk von Spielberg an Referenzen und Bezügen permanent überbietet und sich überwiegend an dessen biographischen Urmotive orientiert. Oder doch lieber Koebners Buch, welches dagegen regelrecht nüchtern ist, aber filmwissenschaftlich präzise und „erdiger“ als das „abgehobene“ Seeßlen-Werk.

Der große Vorteil in Koebners Werk: Der Filmwissenschaftler orientiert sich im Bezug auf die Theorie der Autorenschaft im Zweifel eher am Werk, als an den Aussagen des Künstlers. Deswegen wird nach einer kurzen biographischen Einleitung der Rückbezug auf Spielbergs selbstgetätigten Auskünfte problematisiert oder ausgeklammert. Koebner ist kein Spekulant.
Im Kapitel zu JAWS beispielsweise analysiert der Autor den Kampf zwischen Monster und Mensch als einen kontinuierlichen Ur-Konflikt, der sich durch das Werk Spielbergs zieht, problematisiert dies aber zugleich, indem er die These in den Konjunktiv setzt (2). Ausschweifende Thesen sind Koebner eher  fremd, er ist mehr daran interessiert stilistische, motivische, kompositorische oder inszenatorische Feinheiten übergreifend herauszuarbeiten, als sich auf einer starken These auszuruhen und ihren Wiederhall in weiteren Werken zu suchen.

Koebner ist also keiner, der ein unverrückbares Bild in Stein meißelt, weil er eine Entdeckung gemacht hat und diese verifizieren will, sondern in erster Linie ein begabter und ausdauernder Beobachter, der es versteht immer wieder zum Filmbild zurückzukehren, also am Material selbst seine Thesen zu belegen. Das ist mitunter oftmals sehr beschreibend und trocken - doch nach knapp 300 Seiten ergibt sich ein differenziertes und vielschichtiges Bild vom Regisseur Steven Spielberg. Darin wird ein Unterschied zwischen populärwissenschaftlicher und filmwissenschaftlicher Analyse eindeutig.

Koebner geht noch weiter: Sein (Film)Bild entfernt sich von filmographischer oder produktionskontextueller Linearität und arbeitet vertikal, indem neue Gruppierungen vorgenommen werden. Im Kapitel zum „Krieg“ (S. 118 bis 163) beispielsweise werden 1941, DAS REICH DER SONNE, DER SOLDAT JAMES RYAN und GEFÄHRTEN im Kontext des Krieges besprochen. Es werden also zwischen Filmen unterschiedlicher Produktionsjahre neue Verknüpfungen hergestellt. Ein Vorteil, der neue Interpretationsansätze ermöglicht und am Ende auch eine spannende These über Spielberg zum Vorschein bringt:

Spielberg ist nach Koebner kein Anhänger von tröstlichen, sentimentalen Schlüssen (3), in ihnen stecke noch zu viel Bitterkeit, als dass die Bruchstellen verschwinden könnten, die Spielberg zwar immer wieder zusammenleimen und heilen möchte, aber niemals unübersehbar machen kann. Die Narben verschwinden nicht, Spielberg ist nicht einzig ein großer Versöhner, wie ihn andere zuvor dargestellt haben. Was Koebner in der Einleitung risikoreich ankündigt - Spielberg legt die Finger in politische Wunden - vollzieht der Autor über sein Werk hindurch und überrascht damit die Erwartungen des Lesers. Koebner denkt recht neu über Spielberg nach und das macht die Lektüre trotz gewisser Längen lesenswert.

 

Literatur
(1)  Vgl. Koebner, Thomas, 2016, S. 88 (2)  Vgl. e.d. S. 36 (3)  Vgl. e.d. S. 277

von Lucas Curstädt