grenzkontakte, Martin Schmitz Verlag
grenzkontakte, Martin Schmitz Verlag

grenzkontakte

exkursionen ins abseits der filmgeschichte

(Marcus Stiglegger, 2016)

 

Vom Verführten, der ein Buch schrieb

 

An einer Stelle in seinem Werk „Spielräume des Kinos“ schreibt der Philosoph Jacques Rancière: „Nicht zu wissen, was man liebt, und warum man liebt, so sagt man, ist charakteristisch für die Leidenschaft.“ (1)


In gewisser Hinsicht trifft dieser Satz auf Prof. Dr. Marcus Stiglegger zu, der in seinen beiden Hauptwerken „SadicoNazista“ und „Ritual & Verführung“ Leidenschaft und Liebe im und am Film untersuchte: Einerseits das von (sadomasochistischer) Macht geprägte sexuelle Verlangen in exploitativen Filmen, andererseits die tiefste Struktur, diejenige, die (Film-) Leidenschaft erst erweckt; die dem Medium immanente Seduktion, der er eine eigene Medientheorie folgen ließ.


Doch Stiglegger steht in einer weiteren Korrelation zum einleitenden Zitat, nämlich in seiner eigenen Leidenschaft zum Film und dieser hat er nun ein eigenes Buch gewidmet: Das film-autobiographische Werk „grenzkontakte: exkursionen ins abseits der filmgeschichte“. Ein Werk im Sinne des „Abseitigen und Nonkonformen“, erwartungsgemäß, möchte man meinen, ist doch Stiglegger dafür bekannt, sich an jene Grenzen der Filmgeschichte zu wagen, die sonst nur als Rest des Trivialfilms belächelt werden. Doch Stiglegger hält dagegen, wenn er die Vorteile seiner Methode in „Ritual & Verführung“ beschreibt: „(…) zweitens kann man auf einer solchen analytischen Basis auch den Reiz reißerischer oder gar exploitativer Inszenierungen analysieren, die sich einer Analyse von Film als einem Medium der Kunst bisher meist entzogen haben.“ (2) Stiglegger ist gewissermaßen postmodern, denn in seinen Werken gibt es keinen Unterschied mehr zwischen low, middle und high culture.

Dieses Argument greift er in seinem neuen Werk wieder auf, nun erweitert um das persönliche Anliegen, der eigenen Leidenschaft Ausdruck zu verschaffen. So schreibt er, dass dies ein Versuch sei, sich „der mitunter spirituellen Erfahrung des Films mit den Prothesen der Worte und Sätze zu nähern.“ (3) Das Ergebnis ist kein filmwissenschaftliches Buch, eher eine Art wissenschaftliches Risiko und vielleicht hat Stiglegger gerade deswegen sein eigenes Konterfei als eine Vorweg- und Stellungnahme gegen seine Kritiker auf das Cover drucken lassen. Überzeugten Neoformalisten mögen sich die Haare sträuben, doch im Informationszeitalter, in der empirische Analyse-Tools und Datenbanken selbst die Filmwissenschaft mit einem positivistischen Flair überziehen, ist ein hermeneutischer Hybrid aus persönlichen Erfahrungen, geisteswissenschaftlicher Expertise, kulturwissenschaftlichen Background und filmwissenschaftlichen Scharfsinn mehr als eine vergnügliche Lektüre an den frontiers der Filmgeschichte.

In den verschiedenen Essays, in denen besonders die Beiträge über Andrzej Żuławski, Michael Mann, Bruno Dumont und Benedek Fliegauf  im Gedächtnis bleiben, verweist Stiglegger nicht selten auf Béla Balázs, Friedrich Nietzsche, Michel Foucault und natürlich Sigmund Freud, Autoren, die Kennern von Stigleggers Werken alleine durch seine Publikationen bekannt sein sollten. Ein Begriff der Psychoanalyse, welcher im Rahmen der Kritischen Theorie vorallem Verwendung fand, kommt aber nicht vor: Die Sublimierung, gemeint ist die Veredlung. Diesen Vorwurf müssen sich Texte von Stiglegger im Allgemeinen, wie im Detail gefallen lassen, so wirken einzelne Verweise zu großen Denkern mehr wie nachträgliche Adelungen, verstärkt dadurch, das beschreibende Passagen mehr der Inhaltswiedergabe, als der schlussendlichen Diskussion dienen. Das beispielsweise noch schnell der Titel Siegfried Kracauers Schrift „Die Errettung der physischen Realität“ Einzug in den Text zu „Jenseits der letzten Grenze“ findet, ist einer der Gründe, warum die Qualität der einzelnen Beiträge teilweise schwankend ist. Doch ein präziser Lektüreblick verhilft auch hier zur Differenzierung: Stigleggers Beitrag zu Liliana Cavanis DER NACHTPORTIER zum Beispiel ist ein besonders erquickender Beitrag und zudem eine großartige Ergänzung zum Text in „SadicoNazista“.

Die Auswahl der Texte ist im Sinne Umberto Ecos unstrittig, denn man spricht schließlich gerne über Dinge, die einem gefallen (4). Und Eco zitiert an gleicher Stelle Edgar Morin, der schreibt: „Auch ist es wichtig, dass der Beobachter am Gegenstand seiner Beobachtung Anteil nimmt. In gewissem Sinne muß ihm das Kino Freude bereiten, muß es ihm Spaß machen, ein Geldstück in die Jukebox zu stecken (…)“. Genau diese Freude ist es, welches Stigleggers Buch beim geneigten Leser auszulösen vermag. Der Verführte, der so oft über die seduktiven Methoden des Kinos gesprochen und geschrieben hat, stellt an seiner eigenen Biographie jene Strategien plastisch da und versucht seinen Leser zu verführen.

An anderer Stelle hat Rancière übrigens geschrieben: „Das sind die Grenzen dessen, was ich vermag. Der Rest gehört euch.“ (4) Das mag auch für dieses Buch gelten. Eine warme Empfehlung für den Weg ins Kino.

 

Literatur
(1) Jacques Rancière, Spielräume des Kinos, Passagen-Verlag 2011, S. 13 (2) Marcus Stiglegger, Ritual & Verführung, Bertz & Fischer, S. 34 (3) Marcus Stiglegger, Grenzkontakte, Markus Schmitz Verlag, S. 8 (4) Umberto Eco, Apokalyptiker und Integrierte, Fischer Taschenbuch-Verlag, S. 9 (5) Jacques Rancière, Spielräume des Kinos, Passagen-Verlag 2011, S. 39

von Lucas Curstädt