François Ozon, Psychosozial-Verlag, Gießen 2019
François Ozon, Psychosozial-Verlag, Gießen 2019

François Ozon: Täuschung und subjektive Wahrheit

Timo Storck, Andreas Hamburger, Karin Nitzschmann, Gerhard Schneider, Peter Bär (Hg. 2019)

 

Das Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie hat einen weiteren Band der Reihe „Psychoanalyse und Filmtheorie“ herausgegeben, diesmal mit dem Schwerpunkt François Ozon. Insgesamt finden sich zehn zugängliche und sprachlich versierte Beiträge zum französischen Regisseur, verfasst aus diversen Fachperspektiven. Dabei werden die Beiträge von solchen Fächern dominiert, die der geneigte Leser des Verlagnamens durchaus vermuten kann: Psychoanalyse und Film-/Medienwissenschaft. Flankiert wird dieser Zugang zum Film mit einem Beitrag aus der Musikwissenschaft (Dietrich Stern) und zweien aus der Filmkritik (Gerhard Midding, Rüdiger Suchsland). Will man einmal vom Band als solchem abstrahieren und einen größeren Blickwinkel einnehmen, so fällt auf, dass die alte Forderung Thomas Koebners, der Filmwissenschaftler sei ein Freibeuter der Fächer, Fragen und Methoden (1), sich auch wieder umkehren kann, so wie es einmal war, bevor sich das (Spezial)Fach der Filmwissenschaft etabliert hatte.


Und als ob die Zeit in diesem so wie es einmal war stehen geblieben wäre, betätigt sich die Filmbetrachtung aus dem Blickwinkel anderer Fächer weiterhin im Einzugsgebiet der Autorentheorie. Als hätte es die kritische Beäugung dieser seitens der feministischen Filmtheorie, der Gender-Studies, des Neoformalismus und und und nicht gegeben. Sicher, jeder Filmwissenschaftler darf sich freuen, wenn alte und geliebte Zugänge neu durchschritten werden, daher ist es auch die fehlende Reflexion über den Zugang, die auffällt und nicht der Zugang selbst, der weiterhin seine Vorteile besitzt. Doch was ist mit der fehlenden Reflexion gemeint? Es werden häufig Interviews des Regisseurs als argumentative Stütze oder gar als Ausgangspunkt des Denkens übernommen. Um nur ein markantes Beispiel zu nennen: Im Beitrag von Jochen Hörisch heißt es: „Dass die Grenzen zwischen beiden Sphären zunehmend erodieren, ist allen, die diesen Film wahrnehmen, sofort ersichtlich, und das ist vom Regisseur auch ausdrücklich intendiert.“ (S. 77) So aber wird der Autor als Herr über sein Werk zur Implikation der Analyse und damit Anlaufstelle zur vermeintlichen Legitimation der Interpretation, als ob nur die „formulierten Absichten“ (2) zählen, die der Künstler erklärt und für wichtig hält, wie es jüngst Timon Karl Kateyta in der FAZ klug beschrieben hat. Dabei können die cues, die die Filme Ozons liefern, doch für eine stringente Argumentation mehr als genügen.

Auffällig ist auch, dass erst der Beitrag von Timo Storck das Problem des methodischen Transfers zwischen Film und Psychoanalyse/Psychotherapie thematisiert, während einige andere Texte den Film lediglich als Folie für psychoanalytische Betrachtungen verwenden – ohne dabei besonders auf seine ontologischen wie epistemologischen Eigenarten einzugehen. So ist vielleicht nicht ganz zufällig Storcks Beitrag das Highlight dieses Bandes, denn ihm gelingt es nicht nur, die psychoanalytischen Dimensionen der Lüge in Ozons Film FRANTZ (D/F 2017) zu beleuchten, sondern die Bedeutung der Lüge für die Kunst und seine Funktion im Film klug mit dem Gedachten über Ozon zu verbinden. Dadurch eröffnet sich ein neuer Horizont der Betrachtung: Frantz kommt nach Quedlinburg, nicht nur um Buße zu tun, sondern ebenso unbewusst, „um eine Lüge zu erzählen, auch um die unerträglich grauenhafte Geschichte seines Tötens um eine erotische Komponente seiner Begegnung mit Frantz zu ergänzen.“ (S 98)
Ozons Filme sind also Filme darüber, was Filme sind, zitiert hier Storck Marcus Stiglegger. Dieser baut in seinem eigenen Beitrag auf die von ihm formulierte Seduktionstheorie des Films („Das Medium Film als flüchtige Projektion“, als Verweigerung der Erfüllung des Begehrens, S. 27) auf und präsentiert eine gewohnt kluge Assoziationskette zwischen dem philosophischen Essay und den filmischen Mitteln des Erzählens. Darin unterstreicht er wiederum das filmphilosophische Potenzial des Mediums: einen meist kontraintuitiven, theoretischen Nenner finden, der Ausgangslage für hermeneutische Entdeckungen bildet.

Hervorzuheben sind ebenfalls die Beiträge von Isolde Böhme und Sabine Wollnik, die es beide verstehen, dass dominierende Motiv des Bandes – die dispersive Situation, das Spiel mit dem Zuschauer, die unzuverlässige Narration – zugunsten einer Betrachtung gesellschaftskritischer Konnotationen in Ozons Werk auszuklammern: Denn Ozons Filme erzählen auch immer von Entfremdungsprozessen in einer bereits entfremdeten Welt (Vgl. S. 53), die kein Scheitern und keine Schwäche vorsieht (Vgl. S. 58).

von Lucas Curstädt

Anmerkungen

(1)  Thomas Koebner: Die Komplexität der Filmbilder. In: ders.: Halbnah. Schriften zum Film. St. Augustin 1999 (zweite Folge), S. 216–230, hier: S. 221. (2) Timon Karl Kaleyta, Die große Abholung vom 12.02.2019, https://bit.ly/2TMnv0h 

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