Die Zukunft ist jetzt, Bertz + Fischer
Die Zukunft ist jetzt, Bertz + Fischer

Die Zukunft ist jetzt

Science-Fiction-Kino als audio-visueller Entwurf von Geschichte(n), Räumen und Klängen

(Hg: A. Power (u.a.), Mai 2016)

"Die Zukunft ist Jetzt" ist eine heterogene Sammlung an unterschiedlichen filmessayistischen Beiträgen, lose geordnet unter dem Leidfaden "Geschichte(n), Räume und Klänge". Paradox ist, dass der Titel mehr vermuten lässt, als nur die zwingende Aktualität des Genres mit einem Schlagbegriff auf den Punkt zu bringen. Schließlich steht die film-soziologische These, dass die omnirelevante Naturwissenschaft (Science) die Geheimnisse und Fiktionen (Fiction) längst über- und eingeholt hat, auf immer stabileren Füßen. Bereits 2009 konstatierte Stefan Herbrechter, dass das Genre der „technologischen Entwicklung und Realität nur noch hinterherzueilen scheint“ (1). Wer ein Beispiel benötigt, sollte sich an INTERSTELLAR erinnern, quasi ausgeführte Theorie der Quantenphysik, geformte Fakten innerhalb eines (aus)fiktional(isierten) Films.


Was in der Einleitung als „Sphäre des Unbekannten“ (S. 7) beschrieben wird, gilt es zu problematisieren: Es stellt sich die Frage, ob dieses Unbekannte noch fremd im fantastischen Sinne einer Imagination ist oder lediglich befremdlich in seinem Umgang, da noch nicht gesellschaftlich erprobt, aber längst technisch entwickelt und bereitgestellt. Wer auf das Silicon Valley schaut, weiß, dass  „moonshots“ nicht im Kino stattfinden. Neben der begrifflichen Rückkopplung auf das Jetzt taucht bei einem an sich sehr klugen Satz der Autoren eine methodische Problematik auf:

 

„Das Genre oszilliert zwischen Plausibilität und Weithergeholtem, unheimlich bekannten und verwirrend Fremden und wird auf diese Weise durch inhärente Paradoxien bestimmt: Es ist einerseits analytisch zu erschließen und entzieht sich andererseits durch seine fantastische Weitschweifigkeit hartnäckig jeder Definition (…)“ (S.7)

 

Sprachlich treffend wird das Changieren zwischen Paradoxien beschrieben, was scheinbar nur dem SF-Genre innewohnt. Doch könnten diese Filme nicht durch ein dialektisches Denkmodell lesbar werden, eines, welches jene Paradoxien bestehend aus empirischer Analysierbarkeit, fantasievoller Fremdheit und soziologischer Verhaftung bestimmbar macht? Ein solches Modell wäre dementsprechend praktikabel, würde es Definitionsversuche auf höhere Ebenen verhelfen können oder zumindest Sphären neuer Erkenntnisse eröffnen.

Insgesamt wird der Sammelband seinem Anspruch nach Aktualität nicht immer gerecht, gleich in zwei Beiträgen wird zum Beispiel der Film SOYLENT GREEN von 1973 behandelt, was ein wenig weltlos anmutet. Stattdessen wird es versäumt dem Begriff der Digitalisierung, welcher in der Einleitung Erwähnung findet, Raum zu bieten (bis auf das fabelhafte Essay zu HER), obwohl sich ein wegweisender Film wie THE CONGRESS von Ari Folman wunderbar für eine Untersuchung digitaler wie posthumanistischer Potenziale anbieten würde. Dass der Über-Begriff des Post- oder Transhumanismus kein einziges Mal fällt, gilt es kritisch zu monieren, auch wenn einige Essays dennoch auf die Fragen nach Singularität und Künstliche Intelligenz eingehen und damit das vielleicht wichtigste Thema des 21. Jahrhunderts nicht gänzlich vernachlässigen. Es sind die einzelne Beiträge, die diesen Band schlussendlich wertvoll machen.

 

Im Überblick

Einen Höhepunkt bildet der Beitrag von Vivian Sobchack, die das abjekte Selbstbild des Menschen (S. 19) nach dem 11. September reflektiert und dabei feststellt, dass sich im Science Fiction Kino die Unfähigkeit der Gesellschaft sich die Zukunft überhaupt oder positiv zu imaginieren, widerspiegelt. Die besondere seismographische Fähigkeit des Genres unterstreicht sie mit Verweis auf den Film PREDESTINATION, eine gekonnte Fingerübung der Spierig-Brüder, die die Zukunftsverdrossenheit klug auf den Punkt bringt. Dass die Autorin letztlich die Hoffnung auf bessere Zeiten hegt, wirkt unstimmig, lässt sich doch bereits im zeitgenössischen Kino erkennen (CHAPPIE), dass die Negation der Abjektion im Posthumanismus münden soll. Wird der Mensch in Anbetracht der aktuellen Katastrophen immer kleiner und verschwindet hinter kämpfenden Superhelden, wie Sobchack argumentiert, wird er gezwungen sein, sich technisch aufzurüsten.

David Seeds Essay zur marsianischen Zukunft ist historisch detailliert und gewissenhaft vorgetragen, doch fehlt ihm das, was Delia Gonzalez de Reufels in ihrem Text „Das Ende des American Way Of Life“ gelingt: Die Verbindung zwischen der soziologischen und geisteswissenschaftlichen Untersuchung mit den Sci-Fi Topoi der 70er Jahre, also die neo-malthusianische Angst vor Überbevölkerung im Rückblick auf das Kino. Das Ergebnis hier ist eine abgerundete und vollständige Retrospektive, wenn auch ohne großartigen Bezug zum Jetzt.

Die Lücke zwischen beiden Arbeiten, die Erkundung neuer Fronten, füllt Christian Pischel, dessen Ansatz Kurt Maetzigs Film DER SCHWEIGENDE STERN nicht aus Genre-Perspektive, sondern im Blickfeld des DDR-Staatsauftrags zu untersuchen, ein lesenswerter ist. Gerade diese Arbeit sollte Aidan Powers Hilfegesuch nach einer großen Untersuchung des europäischen Sci-Fi Films gerecht werden, der in seinem Essay erst eine filmgeschichte Einordnung vornimmt, um dann eine Bewerbung für weitere Forschungsarbeiten zu schreiben.

Faszinierend ist Sherryl Vints Arbeit zum kontrafaktischen Science-Fiction Film, weil sie sich nicht nur einem Sub-Genre widmet, einer Nische zwischen Dokumentation und historischem Schraubendrehen, sondern ihre Filmbeispiele abseits des etablierten Filmkanons wählt und in gewisser Weiße als Vorgriff zu Sobchaks Essays lesbar ist. Die abjekten Zeiten nach dem 11. September könnten auf einer „Unfähigkeit, uns die Zukunft als einen Ort des radikalen Unterschieds vorzustellen“ (S. 76) fußen. Kontrafaktizität lebt nicht vom Neudenken des Schienen-Netzwerks der Geschichtlichkeit, sondern von der Umstellung der Weichen. Die Umgebung aber, so das Fazit, bleibt bestehen. Unter den Pessimismus in Sobchacks Essay mischt sich nun ein gewisser Determinismus.

Die Verstrickung von Big Government, Big Data und Cyborgisierung kristallisiert sich in Karin Harrassers Essay heraus, die die Dimensionen der Biopolitik, „also der Regierung des Lebens“ (S. 86) kritisch betrachtet und dabei neben einer klugen Retrospektive Donna Haraways Arbeit zum Feminismus den Zeitgeist der Gouvernmentalität in Rückkopplung zwischen Kino und Gesellschaft offenlegt. Denn es „lässt sich nie so genau sagen, ob man sich selbst regiert oder ob man regiert wird, da die Selbstregulierung ja die dominante Regierungsform ist.“ (S. 91) Da kann wohl nur noch das Kino Abhilfe leisten.

Aus dem Rahmen fällt Winfried Pauleits medienwissenschaftlicher Beitrag über den visuellen Diskurs zu Archiv und Museum, da er bemüht, aber nicht sonderlich überzeugend versucht aufzuzeigen, dass das europäische Kino den Archivdiskurs „reflektiert, kommentiert und in manchen Fällen sogar vorwegnimmt.“ (S. 106) Doch Fremdkörper sind machmal still und heimlich die ertragreichsten.

Ivo Ritzer ist ein großartiges Essay gelungen, trotz einer nicht weiter gedachten Conclusio: Bei seiner postkolonialen Betrachtung der soziokulturellen, ethnographischen und ökonomischen Rahmen- bedingungen in CHAPPIE mit besonderem Augenmerk „auf die multiplen Konsequenzen der neoliberalen Ordnung“ in Afrika, beschreibt er den „ideale[n] Nährboden für einen ausschließlich auf Profitmaximierung ausgerichtete[n] Kapitalismus“ (S.127). Doch vernachlässigt er die positivistischen Aspekte des Films, weil er ihre Verbindung nicht erkennt. Es ist also umso dringlicher, die klugen Gedanken des Autors um die transhumanistischen Ideale des Körper- und Geistbildes in Blomkamps Film zu erweitern, weil sich daraus eine Lesart verdichten lässt, die gar die gravierendste Form der »antizipierenden Präfiguration des Neoliberalismus« herauszuschälen vermag, nämlich die positionsergreifende, ideologische Unterfütterung der technophilen Singularität durch den Film selbst. Denn Transhumanismus bedeutet die neoliberale Profitmaximierung im menschlichen DaSein.

Während Marc Bonner mit seiner Arbeit zum Retrofuturismus die Verwendung von Architektur in Science-Fiction Filmen thematisiert und damit einen wertvollen Beitrag zur Filmarchitektur liefert, bezieht sich Matthias Grotkopp auf das Verhältnis von Technik und Natur und versucht einen ökologischen Daumenabdruck in diesem Sammelband zu hinterlassen. Mag seine Metapher der Erde als ein Raumschiff „ohne Notausgang und ohne Werkstattservice oder Ersatzteillager“ (S. 143) heikel bis herbeigeredet sein, so ist sein Fazit, dass gegen die Gleichgültigkeit des Menschen der Natur durch Sci-Fi Tropen, Figuren und Themen anzukämpfen sei, noch weniger originell.

Dagegen ist der Beitrag von Brian Willems leserlich strukturiert und klug argumentiert, dessen Untersuchung des Klangs im Weltall nicht nur den aktuellen Stand der Naturwissenschaft für Filmanalysen tauglich macht, sondern auch die Wirkungsmächtigkeit des Klangs als „Sphäre des Unbekannten“ reflektiert und damit gerade für die Körpertheorie des Films Vorschub leistet. Ein Rückbezug auf Linda Williams Essay "Filmkörper" wäre mit Sicherheit produktiv.

Philosophisches Highlight ist der Text zu HER. Rüdiger Zill, der mit seiner Idee vom Film als „narrative Philosophie“ (S. 163) neben Adornos Idee der "ästhetischen Philosophie" verortbar ist, emanzipiert den Film von seinem Status als Beiwerk der theoretischen Untersuchung im Fachbereich der Philosophie. Seine Liebe zur (Kunstwerk)-Wahrheit fließt in die Darstellung seiner Gedanken ein, die zeigen wollen, welch immens emotionale Strahlkraft das Genre inmitten von kalten Maschinen und abjekten Zeiten besitzen kann.

Rasmus Greiners Funktechnik-Essay arbeitet mit den Kinoerfolg GRAVITY am Puls der Zeit, seine Verweise auf die geschichtliche Entstehung des Kinos und der Funktechnik (S. 176) sind plausibel, auch wenn die Bezugnahme auf Bela Balazs, gerade weil er dessen Ideen zur Gebärdensprache und zum kinetischen Kino außen vorlässt und nur von der „internationalen Sprache des Films“ spricht, nicht ganz geglückt ist.

Die beiden letzten Essays zu SNOWPIERCER (Tobias Haupts) und UNDER THE SKIN (Simon Spiegel) besitzen zum Teil Pioniercharakter, sie legen klug nahe, warum es sich bei den beiden Science Fiction Filme um besondere, wenn nicht sogar wegweisende Meisterwerke handelt. Haupts beleuchtet die besondere Funktion des Eises als konträrer Gegenpol zum dunklen All und arbeitet den gesellschaftskritischen Impetus des Films gekonnt heraus, auch wenn er den pessimistischen Ton dieser Revolutions-Metapher nicht gänzlich auf den Punkt zu treffen vermag. Simon Spiegel gelingt ein großer Text. Gezielt nimmt er die aktuelle Gender-Diskussion um den Film auf und entwickelt im Bezug auf die aktuellen soziologischen Ideen der Humandifferenzierung ein Modell, Fremdheit und Stereotype durch den Film neu zu erblicken. UNDER THE SKIN ermöglicht es gesellschaftliche Konventionen neu zu sehen: „Nicht wir schauen auf etwas Fremdes, sondern das Fremde schaut auf uns.“ (S. 198) Sci-Fi, die uns entlarvt.

 

Endnote:

Mag das Design der Ausgabe etwas altbacken wirken, ist der Band ein hochwertiger, robuster Druck, einziger Nachteil sind die fehlenden Farbbilder.

 

Besonders empfehlenswerte Lektüre:

Abjekte Zeiten - Vivian Sobchack zu PREDESTINATION (u.a)

In fremder Haut und mit fremden Blick - Simon Spiegel zu UNDER THE SKIN

Den richtigen Ton treffen - Rüdiger Ziel zu HER

Theorie aus dem Süden - Ivo Ritzer zu CHAPPIE

 

(1) Stefan Herbrechter, Posthumanismus: Eine kritische Einführung, 2009, S. 95

von Lucas Curstädt