Ästhetik des Drastischen, Bertz + Fischer Verlag
Ästhetik des Drastischen, Bertz + Fischer Verlag

Ästhetik des Drastischen

Welterfahrung und Gewalt im Horrorfilm

(A: Benjamin Moldenhauer, Juli 2016)

Den Versuch einer Theorie des modernen Horrorfilmes vollzieht Benjamin Moldenhauer in seiner für die Veröffentlichung im Bertz & Fischer Verlag überarbeiteten Dissertation und fasst die Zuschauer-Erfahrung im jüngeren Horrorkino als eine „Ästhetik des Drastischen“ zusammen. Dabei liegt der Fokus auf einem gesonderten Aspekt des Genres: der Gewalt. In ihrer Exzessivität, so der Autor, bestimmt sie das Genre (auch wenn sie punktuell mittlerweile auch Einzug in anders gelagerte Genrefilme des Mainstreams gefunden hat). Um sich dem Kino im Hinblick auf diese Exzesse und ihrer Inszenierung zu nähern, zeichnet Moldenhauer zuerst eine kurze Geschichte der Gewalt in der abendländischen Kultur – von Höhlenmalereien, die Gewaltakte zeigen über christliche Märtyrerikonographie, Shakespeare’s Titus Andronicus und schließlich Francis Bacons deformierten Körpern im Schlachthaus.


Den Horrorfilm zeichnet Moldenhauer jedoch nicht als einfachen Strang der modernen Kunst fort, sondern versteht ihn in seiner spezifischen Medialität, die genre-intern eigenen Entwicklungen unterworfen war und ist. Deshalb folgt, bevor exemplarische Filmbeispiele untersucht werden, ein historischer Abriss des Horrorkinos, unterteilt in zwei maßgebliche Kategorien: Der unheimliche (klassische) Horrorfilm mit seinen aus der gothic-literature entstammenden Monstern, deren freudsches Interpretationspotenzial heraussticht und der drastische (moderne) Horrorfilm, der mit PSYCHO (1960) angekündigt und sich in den 1970ern schließlich manifestierte. Wie sich die Filme in dieser Zeit von den übernatürlichen Monstern abgrenzte, so entledigt sich Moldenhauer auch der diese Filme bestimmende Lesart der Psychoanalyse und zeigt in einem Exkurs die Grenzen der freudianischen Filmhermeneutik auf.

 

Die theoretische Basis für die anschließende Analyse gestaltet sich vielfältig und zitierfreudig – im Kern zielt die vom Autor entworfene Theorie besonders auf den Körper des Zuschauers. Moldenhauer begreift diesen Körper als integrale Komponente der Bedeutungskonstitution bei der Filmrezeption. Wenn in den Filmen, die in den Korpus des „Drastischen“ genommen werden, Gewalt an menschlichen Körpern gezeigt wird, dann bleibt es, so Moldenhauer, nicht beim Zeigen. Stattdessen versuchen die Filme mit formalästhetischen Methoden den rezipierenden Körper des Zuschauers zu malträtieren. Intensiv widmet er sich vier exemplarischen Filmen: Zwei aus den 1970ern, die den Grundstein für die zu erforschende Drastik legten und zwei zeitgenössische Beispiele nach der Jahrtausendwende. Die Kenntnis der vier Werke – THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974), THE LAST HOUSE ON THE LEFT (1972), THE HILLS HAVE EYES (2006) und THE DEVIL'S REJECT (2005) – ist vorteilhaft, da sich die Erkenntnisse vor allem in Bezug auf die Erstsichtung besonders ergiebig zeigen. Dazwischen finden kürzere, gleichwohl erhellende Analysen zu verwandten Filmen statt, z.B. I SPIT ON YOUR GRAVE (1978/2010) oder WOLF CREEK (2005), wie auch zu etwaigen Remakes oder Vorbildern der Kernwerke. Die Sichtung dieser Filme vor der Lektüre ist aufgrund der Konzentration auf das Affektive, mitunter auch Unvorhergesehene in der Rezeption ebenso fördernd für den Nachvollzug der Argumentation. Wer sich den Exzessen erst nachträglich, mit der neu erlangten theoretischen Basis aussetzt, nimmt mitunter automatisch die intellektuelle und kritische Distanz ein, um deren Rückstellung (nicht zu verwechseln mit Negierung) vor der rein körperlichen, affektiven Empfindung des Horrors es Moldenhauer gerade geht.

 

Dabei bleibt der Autor stets auf Augenhöhe mit einem, davon geht er aus, vergleichsweise (genre-)bewandertem, jugendlichem Publikum, dem Konventionen genauso wie eine gewisse Historie bekannt sein dürften und das eine gewisse (Angst-)Lust am Konsum des Horrorkinos mitbringt. Um ein Nobilitieren geht es dabei nie, wer die Dissertation liest, der braucht sowas auch nicht. Gleichsam bewahrt Moldenhauer die Ambivalenz, im Falle von THE LAST HOUSE ON THE LEFT auch die mitunter vorhandene Uneindeutigkeit der Filme. Es handelt sich also nicht um ein Versuch, problematische Filme zugunsten einer Aufwertung ins rechte Licht zu rücken. Stattdessen erfrischen und leuchten die Deutungsangebote ein, bei denen differierende Ansätze nicht ignoriert, sondern in den Fluss der Argumentation übernommen werden und der Blick auf das Werk wie auch die Zuschauerrezeption nie in einer Perspektive verweilen.

 

Die knapp 350 Seiten Text lesen sich flüssig, das reichhaltige Literaturverzeichnis regt zur zusätzlichen Recherche an. Wie üblich bei Bertz & Fischer in Paperback Form, dafür auf sehr robustes, gestrichenes Papier gedruckt, was das Markieren mit dem Textmarker ohne Verschmieren der Tinte ermöglicht. Zahlreiche schwarz-weiß Fotografien sind direkt in den Fließtext eingefügt, im Mittelteil gibt's eine Reihe Farbfotos von Kerneinstellungen der untersuchten Filme.

 

Eine erfreuliche Veröffentlichung, die sich in den mittlerweile deutlich angewachsenen Katalog an Horrorfilm-Forschungsbeiträgen im Verlag einreiht. Die „Ästhetik des Drastischen“ bietet einen gleichsam interessanten, wie auch mit der Praxis der Filmrezeption im Kino angenehm verbundenen Ansatz sich den Exzessen des Horrorkinos zu nähern.

von Roman Paul Widera