The Whispering Star (R: Sion Sono, J 2016) / ©rapideyemovie
The Whispering Star (R: Sion Sono, J 2016) / ©rapideyemovie

»Die Schatten ihrer Selbst«

 

In Sion Sonos leisem Science-Fiction Traum THE WHISPERING STAR liegt die Selbstvergewisserung des Menschen in der Katharsis. Ein schmerzhafter Film, der durch sein posthumanistisches Szenario nicht philanthropischer sein könnte.

eine Kritik von Lucas Curstädt

Tote Zeit beherrscht Sonos Film. Zeitangaben machen das deutlich und führen es ad absurdum. Im Sekundentakt der Erzählzeit springt THE WHISPERING STAR von Tag zu Tag, Montag auf Dienstag, Dienstag auf Mittwoch, vielleicht auch irgendwann von Montag auf Freitag. Wer weiß und merkt das schon in einer endlos erzählten, sich wiederholenden Zeit in der Handlung und Dauer auseinanderfallen und nie eingesammelt werden. Ein tropfender Wasserhahn wird zum Anker dieser aufgelösten Koordinaten, sein Rhythmus zum heimlichen Score des Films, sein Erscheinen zur Klammer der Geschichte. Zwischen Raum, Dauer und Wiederholung oszillieren sich 102 Minuten Spiellaufzeit und irgendwann wird es doch konkreter ohne dabei immanent zu werden. Dann ist auf einmal ein ganzes Jahr vergangen und die Abwesenheit einer irgendwie gearteten Relation wird umso merklicher. Plötzlich wissen wir genau wann wir sind. Mehr aber auch nicht. Zu spüren bekommt der Zuschauer das repetitive Gefühl träger Endlosigkeit. Dieser Film dauert Jahrzehnte. Deleuze würde sich erfreuen.

 

Zu spüren bekommt er die Stille und das Flüstern, weil Lärm für den Menschen tödlich geworden ist. Verortet ist der Film irgendwo und irgendwann in einem postapokalyptischen Szenario, Menschen sind vom Aussterben bedroht, weil sie in ihrem Wesen längst ausgestorben sind. Jedenfalls scheint der Mensch sich als Subjekt aufgelöst zu haben, verschwunden hinter einer Wand aus Schatten, die von Menschlichkeit erzählt, die es nicht mehr gibt. Textinserts behaupten, die Wissenschaft habe sich vollendet. Statt positivistischer Jubelströme lebt dieser Film aber einen posthumanistischen Alptraum. Der Fortschritt droht das Ziel zunichte zu machen, das er verwirklichen soll – die Idee des Menschen. Das haben einmal Adorno und Horkheimer geschrieben. THE WHISPERING STAR erzählt von dieser Vernichtung durch die Abwesenheit des Menschlichen. Durch das Erleben des mechanischen Alltags eines Roboters.

 

Eindrucksvoll wird das von Sono in Szene gesetzt, wenn 722 Yoko Suzuki den Boden ihres Raumschiffes putzt, welches den utopischen Zukunftsglauben an eine hybride Mischform aus antiken Trends und neuster Technologie nährt: Eine Hipster-Illusion aus cooler Technik und der Renaissance schrulliger Bauhaus-Innenausstattungen. Das Putzen wird zu einem algorithmischen Fetisch aus Hin und Her, A nach B, B nach A und wieder und wieder und wieder. Sonos exzessiver Kamerablick ermüdet das menschliche Auge, doch was interessiert sich ein Roboter schon dafür? Er interessiert sich lieber für sein Logbuch. Warum er es anfertigt, sagt er uns: Für den nächsten Mieter, wenn diesem langweilig ist. Natürlich wird der auch ein Roboter sein, der wohlmöglich den Sprachcode aus den Befehlen L-a-n-g-w-e-i-l-i-g versteht, nicht aber den ursprünglichen Sinn. Ob 722 Yoko Suzuki und sein Bordcomputer eine Sprachverständnis oder eben nur einen simulierten Sprachcode besitzen, ist von keiner Bedeutung. Der Roboter, die Summe seiner Teile, das hohe Gut der Logik und Rationalität, die alles erklären kann und in der es keine Sinnlosigkeit gibt, darf ein Mysterium bleiben.

 

Der Mensch dagegen, der durch Teleportation überall und immer sein kann, will nun warten, um etwas zu spüren was von Wert ist. Warten auf kleine Pakete, die bis zu drei Jahre Verspätung haben und von einem hybriden Humanoiden geliefert werden, der nicht wissen kann was Zeit ist. Sie sitzen an Stränden und stehen herum wie Geister, die sich nicht entscheiden. Der Zuschauer fühlt sich in diesem Kinozeitdelirium irgendwann entsinnlicht, körperlich verwahrlost, nervös auf die Uhr schauend, weil das alles so lang geht, aber nicht lakonisch ist. Ein Wermutstropfen, der dem geschulten Auge lyncheske Querverweise präsentiert, bleibt und alle danken dem Ende des Films, welches dann umso mehr die Sinne auflodern lässt. Aus der platonischen Höhle hinein in den Lärm der Stadt. Das klingt durchaus naiv und hübsch, in Zeiten aber in der Denken nur mit Mathematik gleichgesetzt wird und alles andere irrational ist, wird ein Film, dessen emotionaler Höhepunkt das Zerquetschen einer Getränkedose ist, unangenehm und schrecklich ätzend sein, um dann aber umso wichtiger zu werden.

 

Wichtig, weil er durch seine stählern-ausdauernde Trägheit eine Dichotomie belebt, die einer akuten Klar- und Einheit der Welt gewichen ist. Mensch sein heißt, sterben zu dürfen und leben zu müssen. Dieses Schicksal bleibt 722 Yoko Suzuki verwehrt, die darum auch nicht trauert, weil es in diesem Film nicht um Gleichstellung geht, sondern um Differenzen und Unterschiede. Filme befreien ja bekanntlich den Kopf. THE WHISPERING STAR befreit uns von transhumanistischen Vorstellung in dem er uns verdeutlicht, dass diese Idee den Tod des Subjekts als Tribut fordert.