The Square (R: Ruben Östlund, SWE, D, F, DK 2017) ©alamode
The Square (R: Ruben Östlund, SWE, D, F, DK 2017) ©alamode

»Platz der Ausgestoßenen«

 

Es der gesellschaftlichen Ignoranz im Umgang mit ihrem ärmsten Teil formal-ästhetisch gleichzutun, erweist sich als kluge Dialektik: THE SQUARE ist dementsprechend keine Kunstmarktfarce, sondern ein Film über das größte gesellschaftliche Tabu: Über die Ausgestoßenen.

eine Kritik von Lucas Curstädt

In bester Tati-Tradition irren unzählige kleine und große Anzugträger auf einen Bahnhofsvorplatz umher. Unter ihnen Kurator Christian, der wie alle anderen körperlich abwesend ist, weil Smartphone-Ära. Doch dann – und das wird THE SQUARE rahmen – erhört Christian einen Hilferuf und blickt auf. Östlund begrenzt nun die Kameraperspektive auf ein minimales Blickfeld. Ein starres Rechteck spiegelt den Mikrokosmos des Kosmopoliten wider: Nicht sehr groß. Denn das Außerhalb bleibt im hors-champ und lässt nur Geräusche zu. Irgendwann eskaliert die Situation, eine Frau dringt in den Raum, ein aggressiv wirkender Mann stürmt dazu und ein Moment später ist das Spektakel schon wieder vorbei. Erst später wird Christian bemerken, dass er bestohlen wurde.

Dieser Überfall löst die weitere Handlung aus, bedeutend ist die Szene aber aufgrund der unmittelbaren Reaktion der Anwesenden: Die beide Männer, neben Christian ist noch ein weiterer involviert, klatschen sich frenetisch ab und bejubeln die Aktion. Hans Ulrich Gumbrecht hat einmal geschrieben, dass sich Kunst und ästhetische Erfahrung früher zu einer Außenwelt des Alltags zusammengefügt haben, „zu einer – manchmal himmlischen – Alternative gegenüber der Prosa des Lebens.“ (1) Hier ist das Gegenteil der Fall: Kunsterfahrung ist nicht mehr Außenwelt des Alltags, sondern immanenter Teil des Erlebnis: ein Raubüberfall und sein Täter werden zum performativen Akt degradiert und dadurch in den Prozess des Kulturschaffens zwangsintegriert. Die Straftat wird zum Happening, dem ein weiteres folgt: Die Erpressung des Täters als Mutprobe.

Der einzige Tauschwert des Kurators – dies wiederholt sich beim Sex zwischen Christian und einer amerikanischen Journalistin oder bei der ohrenbetäubenden Autofahrt mit einem Kollegen – bildet die Intensität, der Rausch des Momentums, der KICK und die Ekstase: „Hast du auch so ein Herzklopfen“, fragt der eine Anzugträger den anderen und freut sich über die Eventisierung der morgendlichen Routine. Der Philosoph Tristan Garcia hat ein ganzes Buch über diese moderne Obsession geschrieben (2), THE SQUARE braucht nur wenige "intensive" Bilder um damit die Kraft des Mediums Film zu unterstreichen. Ein paar Szenen später die gleiche Farce nochmal: Kunstrentner eilen während der Vorstellung des Menüs zum Buffett, gierig auf das nächste Fressen. Die Opposition reagiert nur auf die Gesten: Hier der wütende Koch, wenige Szenen später ein noch wütender Jungendlicher.
Ausgerechnet ein Heranwachsender, der durch Christian in existenzielle Bredouille gerät, wehrt sich und bildet die hoffnungsvollste Geste einer an sonst abjekten Zukunftsdiagnose. Wer sich dagegen beömmelt, warum sich der Knirps so sehr darüber aufregt, dass ihm PlayStation und Fußball-Verbot aufgebrummt wurde oder sich echauffiert, dass eine Bettlerin dummdreist (!) ein Hähnchen-Baguette ohne Zwiebeln (!) sich erbittet, darf einen haneke’schen Gestus am eigenen Körper erfahren: Du und dein angeblich so liberaler Geist gehören zum Problem! Im Film selbst wird dieses Toleranz-Gehabe zum Fallen gebracht, indem das Stören einer langweiligen Podiumsdiskussion durch die Rufe eines am Tourette-Syndrom leidenden Mannes zum Kollaps des liberalen Scheins führt.

Östlunds Thema ist also nicht die plumpe Exploitation der Ärmsten der Gesellschaft oder ihr generelles Verschweigen. Er bugsiert sie eher aus ihrer Passivität heraus ohne ihren Status als Ausgeschlossene zu verleugnen. Sie bleiben das „Andere“, das „Fremde“ (wie der Menschenaffe). Alles andere wäre profilierungssüchtiger oder ethischer Raub. Denn ihre Sichtbarmachung wäre ein Akt der Vereigenlichung, ihre Aneignung Zerstörung ihres Da-Seins. THE SQUARE aber – und das ist nun die dialektische Reißprobe – betreibt beachtende Nichtbeachtung, rückt die Ausgestoßenen immer wieder ins Bild, lässt sie aber an ihrem von der Gesellschaft zugewiesenen Rand zurück. Nur so hat der Film die Macht, Verlogenheit aufzudecken, weil er selbst nicht verlogen ist. Wie beispielsweise in einer Pressekonferenz, in der Journalisten lieber den routinierten Kampf für Pressefreiheit kämpfen und dadurch jenes Vorhaben, eben jene Bettler ins Licht der Aufmerksamkeit zu rücken, souverän parieren. Das am Ende ein von der Presse verschmähtes Video Christian den Kopf kosten wird, bildet Höhepunkt dieser Schieflage, denn natürlich hätte das Erpresserschreiben dafür sorgen müssen. Doch das interessiert niemanden.
Östlunds Strategie zur heimlichen Sichtbarmachung der Verheimlichten geht so auf und erzeugt etwas, was einer Politisierung der Kunst im Sinne Jacques Ranciere nahekommt: Der Film eröffnet einen politischen Raum, der die Stimme denjenigen stärkt, die sonst nicht hörbar sind. THE SQUARE ruft, wenn auch nicht auf den ersten Blick ersichtlich, den ärmsten Teil der Gesellschaft zur Machtausübung an, verleibt sich aber ihre Stimme nicht ein.

Irgendwann wird Christian die unmögliche Initiative ergreifen und den von ihm stigmatisierten Jungen suchen, doch finden wird er ihn nicht. Denn an einem gewissen Punkt der Ausbeutung angelangt, können die Entehrten nicht mehr auffindbar gemacht werden. 

(1)  Hans Ulrich Gumbrecht, Unsere breite Gegenwart, Berlin 2010, S. 76f

(2) Tristan Garcia, Das intensive Leben, Berlin 2017