The Killing Of A Sacred Deer (R: Yorgos Lanthimos, GB/USA/IR 2017) ©alamode
The Killing Of A Sacred Deer (R: Yorgos Lanthimos, GB/USA/IR 2017) ©alamode

»Der Chirurg und der Magier«

 

Um die Verwundbarkeit einer gefestigten Maschinerie zu demonstrieren, reicht manchmal nur ein wenig Überdruck in den Röhren. In THE KILLING OF A SACRED DEER (über)dreht Regisseur Yorgos Lanthimos das Bar der Vernunft, um die Dialektik der verdrängten Mysterien freizusetzen.

eine Kritik von Lucas Curstädt

Nichts bringt Arzt Steven Murphy aus der Ruhe. Souveränität und Funktionstüchtigkeit sind für den Chirurgen höchste Tugenden. Auch sein Verhältnis zu Martin, Sohn eines Patienten, ist weniger von Schuldgefühlen oder Sorge um den etwas verschroben wirkenden Teenager als von eingeübter Professionalität geprägt. Selbst als dieser ihm seinen sinistren Racheplan offenbart, brodelt es in Murphy nur unter der Oberfläche. Derweil fesselt dieser Plan seine Kinder längst ans Bett. Ihre plötzlich auftretenden Krankheitserscheinungen lassen Murphy, seine medizinischen Kollegen und sogar die einberufenen Spezialisten ratlos zurück.

 

Immer wieder rücken Murphys schöne Hände als die aristotelischen Werkzeuge ins Blickfeld, Sinnbild menschlicher Macht, welche aber erst im Keller seines Anwesens zum Hässlichsten greifen werden. Im Tageslicht bleibt das Sexuelle und Rohe des Leibes im sozial normierten Körper verborgen. Hier herrscht er und wird er beherrscht von der präzisen Sprache der Logik, von der Unfehlbarkeit des medizinischen Fortschritts und der Diagnose. Auf einem Ärzte-Kongress der Schönen und Reichen wird er seine Rede genau damit schmücken. Seine Frau Anna, selbstredend auch Medizinerin, erinnert ihn im Anschluss nicht zufällig an den nächsten Arbeitstag.

Innerhalb der Familie werden Umgangsform gepflegt, die von Strukturen des Befehls und der Aufgabenausführung geprägt ist. Haushalt, Schulaufgaben. Sex. Jede (Sprach)Handlung ist vom Überschüssigem bereinigt. Die Direktheit des Dialogs ist so ernsthaft, dass dem Zuschauer ein zufälliger Lacher darüber regelrecht peinlich ist. Verkürzt und rationalisiert ist die Sprache in THE KILLING OF A SACRED DEER, ohne emotionale Tiefe, und damit genauso flächig und kalt, wie es die Bildkompositionen des Kameramanns Thimios Bakatakis sind.

 

Regisseur Lanthimos bebildert die leichte Verschiebung der gesellschaftlichen Norm, die zarte Überhöhung eines so scheinbar allgemein akzeptierten Phänomens wie das der Umgangsform und der Sprache, mithilfe einer leicht verschobenen Perspektive auf die Welt. Dieser Blick ist kein verkanteter, hier liegt keine Welt offensichtlich im Argen, sondern sie ist lediglich ihrer phänomenologischen Tiefe beraubt. Statt emphatisch, justiziabel oder gar hysterisch zu reagieren, nur einige Möglichkeiten für solch krude Rache-Pläne, schneidet Chirurg Murphy mit einem stumpfen Skalpell Problem vorbei – ohne sich darüber klar zu werden, dass er immer stetiger von diesem absorbiert wird. Murphy erinnert an Walter Benjamins Hilfskonstruktion im elften Kapitel des Kunstwerkaufsatzes: Während der Chirurg tief in das Gewebe eindringt und damit eine neue Ordnung platzieren will, wahrt der Magier die Distanz zum Objekt. Der Magier in diesem Sinnbild ist Martin, der Murphy und damit das gesamte Gebäude der Aufklärung einreißt, indem er die Hilflosigkeit des vermeintlich allmächtigen Chirurgen unter Beweis stellt. Murphys Ordnung zerfällt vor seinen Augen (ohne dies verhindern zu können) und muss sich dennoch an ihre Struktur klammern. Die Frage ist recht einfach. Ist 1 mehr als 4? Eine fatalistische Zahn-um-Zahn-Logik erstreckt sich über die Welt.

 

Diese den Zuschauer empörende und ratlos zurücklassende Logik manifestiert sich zuvor in der Wahrnehmung dieser Welt, die durch den leicht versetzten Kamerablick das Absonderbare sicht- und spürbar werden lässt: Auffällige Untersichten konterkarieren die Sehkonvention, irritierend distanzierte Establishment-Shots öffnen den Raum, ohne ihn zu durchschreiten, Aufsichten weisen auf Hierarchien zwischen den Figuren hin, die doch nur in sich zusammenfallen. Verschiedene Brennweiten irrealisieren das Alltägliche, die stetige, wenn auch meist nur minimale Kamerabewegung lässt dem Zuschauerblick auch in bildkompositorischer Stille keine Ruhe. Beherrscht wird all das von einer Flächigkeit des Bildes, die räumliche Tiefe nur suggeriert. Wer die Tiefe länger beobachtet, erkennt, dass er nicht in sie hineinfallen kann. Auf 35mm gedreht, weckt THE KILLING OF A SACRED DEER die Hoffnung auf eine ernstzunehmende, neo-analoge Ästhetik.

 

Lanthimos und Bakatakis könnte man als Schklowski-treue Formalisten beschreiben: Verfremdung und Entautomatisierung sind die herrschenden Komponenten einer versierten Ästhetik in THE KILLING OF A SACRED DEER. Versiert heißt hier, dass Regisseur und Kameramann nicht das Offensichtliche und das Plakative des Verfremdungspotenzial, sondern lediglich die feine Überdrehung des Alltäglichen suchen. Lanthimos liegt nicht viel am aggressiven Moment, Gewalt als Schockbild einmal ausgeklammert, sondern mehr daran zu zeigen, dass die so vehement verteidigte Normalität der bürgerlichen Mitte nur ein Hauch von seiner eigenen Monstrosität entfernt ist.

 

Yorgos Lanthimos Kulturdiagnose der Moderne erschüttert so die falschen Gewissheiten der Aufklärung und bringt die verschwundenen Rätsel und Geheimnisse an die glatte Oberfläche der Welt zurück. Die Antwort kann aber keine Rückkehr zum Archaischen sein, dafür ist das alttestamentarische Band zwischen Opfer und Peiniger zu überspannt. Oder? Denn am Ende dieses cineastischen Rätsels bleibt vor allem Unwohlsein über diese Unklarheit.