Snowden (R: Oliver Stone, USA/D/F 2016) / ©universum
Snowden (R: Oliver Stone, USA/D/F 2016) / ©universum

»Ein Denkmal aus Gold«

 

Es sind die richtigen Bilder und es ist der richtige Film. Dennoch produziert SNOWDEN neue, falsche Mythen, die den NSA-Überwachungsskandal nur noch kryptischer werden lassen.

eine Kritik von Lucas Curstädt

 „Regierungen zeigen uns, wie leicht die Menschen zu betrügen sind, ja wie sie sich zu ihrem eigenen Vorteil so gar selbst betrügen“, schreibt Henry David Thoreau 1849 in seinem Essay „Vom Ungehorsam gegen den Staat“ und an anderer Stelle heißt es: „Ich denke, wir sollten in erster Linie Menschen sein und erst danach Untertanen.“ Oliver Stone hat den Ungehorsam gegen den Staat in seinen Filmen zu Bildern der Anklage gegen Regierungen verdichtet, mit einer Wut im Bauch und dem Herzen am linken Fleck. Seine Filmographie ist durchsetzt vom Kampf des Individuums gegen den Staat. Tom Cruise als Ron Kovic, James Woods als Richard Boyle, Kevin Costner als Jim Garrison und nun Joseph Gordon Levitt als Edward Snowden. Stone ist längst der Sisyphus des politischen Films. Dieses unermüdliche Engagement macht Stone quasi zum Auserwählten, wenn es um die Adaption des weltweiten Spionage-Skandals geht, der, gemessen an der Reaktion der Öffentlichkeit eigentlich nie einer war. Dieser Verbissenheit gilt es idealistischen Respekt zu zollen, da nichts unmöglicher scheint, als einem Publikum zum Ungehorsam zu verhelfen, welches eher bei einem Shutdown der sozialen Netzwerke kollabieren würde, als bei der Gewissheit, durch diese totalüberwacht zu werden.

 

Mit diesem wunden Argumentationspunkt, der Ich-habe-nichts-zu-verbergen Floskel, wird auch Stone spielen und dennoch keine Anklage an jene liberal-demokratische Politik formulieren, die so zu Zynikern ihrer eigenen Zunft wurden. Stattdessen setzt Stone alles auf den Personenkult seines Titelhelden und liefert in 134 Minuten politisches Unterhaltungskino besonderer Güte ab, fesselnd inszeniert, gut gespielt und routiniert erzählt. Doch SNOWDEN wird nicht den Kinosaal überwinden und Protest oder Widerstand erzeugen, das ist eine Utopie, an die nicht einmal Stone geglaubt haben wird. Der Film erzeugt etwas anderes. Aus dem Mythos Snowden wird ein Kinomythos.

Der von Joseph Gordon-Levitt fiktionalisierte Snowden stilisiert seine reale Vorlage zu einem Kinohelden, der nicht zufällig einen ähnlichen Werdegang wie sein Regisseur durchlebt hat: Vom Zinnsoldaten zum politischen Ankläger, vom Untertan zum kritischen Patrioten. Stone zieht alle Register im Showdown des Films, der mehr politisches Appell als Thrill ist. Der Whistleblower steht dann höchstpersönlich für die politische Botschaft zur Verfügung, aus der Snowden-Mimesis wird der echte Snowden. Der bereits medial präsente Snowden wird so für die Kinoleinwand selbst weiter mediatisiert, Gordon Levitt und Edward Snowden verschmelzen ineinander, weil der Bilder-Übergang keine Diskrepanz etabliert, sondern einen Fluss, natürlich bedingt durch die naturalistischen Ambitionen des Schauspielers, der sichtlich Mimik und Sprachduktus seiner Vorlage einstudiert hat.

 

Im Trubel des Wow-Effekts über die Präsenz des echten Snowdens mag das gerne untergehen, doch abstrahieren die Kinobilder Edward Snowden nicht von seiner Nachahmung, sondern verleiben ihn sich ein. Wie auch der NSA-Komplex als ein spannendes Thrillersujet mit Popcorn und Bier verdichtet und damit politisch konsumierbar wird, also die „echte“ CIA zur Kino-CIA verkommt, die man so auch im neusten Jason Bourne Film sieht, wird auch Snowden zur Actionfigur. Indem Stone Snowden zu SNOWDEN macht, wird er Teil der Bilderwelt der Kulturindustrie. Indem Stone Snowden durch das Kinobild SNOWDEN zu entschlüsseln versucht, verschlüsselt er es durch das Kinobild zu einem neuen, falschen Mythos, nämlich zu einem tollen Unterhaltungsakt, weltlos gefangen, eben nicht politisch. Schlussendlich, wenn in SNOWDEN Snowden auftaucht, ist es für all das, was die Dokumentation CITIZEN FOUR vermochte, zu spät: Einen Riss zwischen Erwartung und Erfahrung zu erzeugen, jenen Riss, der den Kunstcharakter sichern würde. SNOWDEN baut so für den echten Snowden nur ein filmisches Denkmal aus purem Gold.

 

Und dieses Denkmal wird dann am Lagerfeuer einer Hipster-Bohème sitzen und die Machenschaften der USA als Unrechtsstaat problematisieren, die stärkste Szene des Films, weil sie polarisiert und als ein ganz eigener Snowden-losgelöster Moment einen Zwischenraum eröffnet, der durch sein Widerpart ergänzt wird. Dort stampfen dann Snowden und sein Chef Corbin O’Brain durch die eisige Idylle Amerikas und erlegen gemeinsam Wildvögel, während die Vaterfigur seinem Sohn eine Predigt über ein besseres Amerikas hält. Zwei Urmomente, schaut man sich die Wahl der ikonischen Kulissen an, vereinigen sich hier zu einer Sprache, die der Film durch sich und nicht durch seine determinierende Vorlage spricht. Diese Vaterfigur wird dann kurz vor Schluss zum übergroßen Panoptikum des Big Government, Stones Antwort für all diejenigen, die nichts zu verbergen haben. Man solle sich diesen riesigen Rhys Ifans also noch heute über das Bett hängen, um auch dem filmischen Symbol der NSA ein Denkmal zu setzen.