Schloss aus Glas (The Glass Castle, R: Dustin Daniel Cretton USA 2017) ©studiocanal
Schloss aus Glas (The Glass Castle, R: Dustin Daniel Cretton USA 2017) ©studiocanal

»Die Kriminalisierung der Utopie«

 

Wer im Vater-Tochter-Drama SCHLOSS AUS GLAS eine differenzierende Unterschiedsstudie zu erkennen meint, irrt gewaltig: Dieser Film lobpreist Leistung, nivelliert die Klassengesellschaft und phantasiert derweil vom längst ausgeträumten American Dream.

eine Kritik von Lucas Curstädt

Im neumodischen alternativ-chic Kino muss einem Andersdenkenden ein persönlicher Makel anhaften. Nur so kann sein Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Hegemonie über kurz oder lang sabotiert werden. In CAPTAIN FANTASTIC, ein Vertreter dieses Kinos, spielt Viggo Mortensen einen zwar rhetorisch geschliffenen Systemkritiker (Ben), der seinen Kindern abseits der Zivilisation zu einem erfüllten Leben verhelfen will, aber eben auch einen militanten Patriarchaten. In SCHLOSS AUS GLAS spielt Woody Harrelson nun einen zwar rhetorisch geschliffenen Luftschloss-Architekten (Rex), der seinen Kindern abseits der Zivilisation zu einem erfüllten Leben verhelfen will, aber eben auch einen arbeitsunwilligen Alkoholiker. Während in Filmen wie MONEY MONSTER stets behauptet wird, dass Einzelne für Störungen im System verantwortlich sind, das System aber selbst tadellos funktioniert, genügen in diesem Fall die Verfehlungen des Systemkritiker Ben/Rex, um die alternative Lebensidee als solche ad absurdum zu führen. Der Film wird so zur Symbiose aus Bakterie und Immunsystem. Damit das gelingt, bleibt das dem alternativen Lebensentwurf strukturfeindliche System unsichtbar, Rex also wird nie bei der Arbeit, bei der Arbeitssuche oder in der Auseinandersetzung mit den Behörden der Institutionen gezeigt. Der Alkohol dagegen – und der Entzug gleicht einem Exorzismus – mutiert zum Damoklesschwert des Progressiven: Sein Missbrauch, so die Logik, ist ein Grund für die Armut und nicht seine Folge. Zwangsläufig produziert diese Perspektive keine Nachahmungsgefahr, die Kinder flüchten gen Bürgertum. Wer würde es ihnen vorwerfen? Die radikalste der kulturkritischen Formeln – »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen« – impliziert, dass selbst der Versuch scheitern muss.

 

Dabei kann keiner der anderen Protagonisten Rex’ Gesellschaftskritik Kontra bieten. Nachdem er bereits mit einem Arzt und einem Bademeister aneinander geraten ist, eskaliert eine Auseinandersetzung mit seinem Schwiegersohn in spe, der nicht zufällig an der Börse arbeitet: David hat den Vorwürfen wenig entgegenzusetzen, doch anstatt den letzten verbalen Punch zu landen, fordert Rex seinen Widersacher zum Armdrücken heraus, um darüber zu entscheiden, wer Recht hat. Im Gebrüll dieser Groteske ist der Kraftakt stärker als das Argument, ist das Symbol mehr wert als die Zahl. Pragmatismus triumphiert über die Idee. Rex verliert, aus dem verbalen wird ein echter Punch, Davids Nase blutet. Revoluzzer sind nämlich an sich gewaltbereit. Diskussion beendet.

 

Dabei wird zunächst die konträre Lebensweise als romantische Alternative verklärt: »Rich city folk living in fancy apartments, but their air is so polluted they can’t even see the stars. We’ve got to be out of our minds to trade places with any of them«, sagt Rex zu Beginn des Films, um ein paar Szenen später mit dem rostigen Familienauto aus der Markierung des Straßen- und Lebensverlaufs auszubrechen: Denn Lernen heißt leben. Auf struktureller Ebene ähnelt damit der Film dem Genre des Gangsterfilms. Was beim letztgenannten die materiellen Verlockungen und das moralisch Verwerfliche sind, ist hier die wohlfeile Sprache, die politische Klugheit und die idealistische Haltung, die beim steigenden Unmut über die kapitalistischen Auswüchse anziehend wirken. Der Andersdenkende ähnelt damit massenpsychologisch dem Gangster, der im Zuschauer die Lust nach Rechtsbrüchen befriedigen, seine umgehende Bestrafung aber gleichzeitig abschreckende Wirkung erzielen soll. Genau das, nur raffinierter, geschieht auch am Ende von SCHLOSS AUS GLAS, wenn Rex schwerkrank stirbt. Wo dem Gangster die Re-Integration in das bürgerliche Modell verwehrt bleibt, hebt der Zusammenhalt der Familie Walls diese Problematik und damit Rex Lebensidee der Nichtanpassung auf, indem sie ihn bei Anekdoten und Umtrunk auf seine Verschrobenheiten reduzieren.

 

Dem Film fehlt es dazu nicht an Symbolik. Beispielhaft dafür ist eine Szene im Schwimmbad, in der Jeannette Schwimmen lernen soll und dazu von ihrem Vater mehrmals ins Wasser geworfen wird. Seine Begründung: Du musst schwimmen lernen, damit du später nicht untergehst! Leistung führt zum Erfolg, impliziert diese Haifischbecken-These und am Ende wird das kleine Unterschichtsmädchen Journalistin; der Beweis, dass der amerikanische Traum funktioniert. Das Narrativ der Geschichte tut ihr Übriges: Das Vor- und Zurück und das Hier gegen das Damals der Zeitsprünge erlaubt dem Film, die außerfamiliären Transitmomente auszusparen, weswegen das, was Christian Baron beschreibt [1], nie thematisiert wird: Um in der Gesellschaftsschicht aufzusteigen, muss man seine Klasse verraten. Verraten wird hier aber nur das Familienoberhaupt.

 

SCHLOSS AUS GLAS ist so nicht mehr als eine schallende Ohrfeige für alle, denen das zunehmend plutokratische System Amerikas nichts mehr bieten will. Die innere Verlogenheit des Films soll durch eine Authentizitätsmauer abgeriegelt werden, die dokumentarische Aufnahmen um die wahre Begebenheit als Totschlagargument gegenüber denjenigen Kritikern einsetzt, die die Kriminalisierung der Utopie nicht auf sich beruhen lassen wollen.

[1] Christian Baron, Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linke die Arbeiter verachtet, Berlin 2016