Opfer (R: Andrei Tarkowski, SWE / GB / F  1986) / ©absolutmedien
Opfer (R: Andrei Tarkowski, SWE / GB / F 1986) / ©absolutmedien

»Die Narben der Zeit«

eine Retrospektive von Lucas Curstädt

Sobald der Verstand den Aberglauben besiegt hat, gebietet er mit dem Mikroskop als Knüppel über die entzauberte Natur. Dann lösen sich die Mythen auf, die Einbildung wird durch Wissen gestützt und alles, was sich nicht dem Maß der Nützlichkeit und Berechenbarkeit fügen will, gilt der Aufklärung, von der hier die Rede ist, als anrüchig, ja als verdächtig. Was ihren Parametern zuwiderläuft, wird normiert oder externalisiert. Ihr Erbe tritt sie so aus jener Position an, der sie einst den Kampf ansagte: als absolutistische Naturmacht. Aufklärung schlägt fortschreitend in Mythologie zurück.
Ihr katastrophales Vermächtnis ist im 20. Jahrhundert der Umschlag in Barbarei: Auschwitz. Kein Sonderfall der Geschichte, sondern perverseste Konzentration des eigenen Knochenmarks. Tarkowskis letzter Film OPFER verhandelt diesen kulturdiagnostischen Subtext im Rahmen einer Passionsgeschichte: Die Dialektik der Aufklärung findet sich in diesem Film ebenso wieder, wie Sündenfall und Apokalypse. All das mündet im ultimativen Opfer des Herrn Alexander, ein Gelehrter der Philosophie, Religion und Ästhetik. Ein faustischer Held, der im Pakt mit Gott den Tag des jüngsten Gerichts ungeschehen machen will. Fail-Safe, das Prinzip des Algorithmus und des Computers, funktioniert in OPFER nicht. Wenn Düsenjets über das Haus donnern und der Fernseher das Notsignal sendet, erstarrt das Leben davor, wie das Leben in Hiroshima und Nagasaki danach.
Das jüngste Gericht, dass ist die Vollendung jener Barbarei im atomaren Weltkrieg, den die Menschheit im Jahr 1986 zittrig erwartet und der in Tarkowskis Film ihren Anfang nimmt. Zur Rettung von Welt und Mensch braucht es den Rückschlag zur überwunden geglaubten Mythologie, braucht es die Wiederherstellung des sensomotorischen Bandes – oder wenigstens den Glauben daran.

Den Glauben daran hat Otto, der Briefträger, der über Umwege Gottesbeweise sammelt: Eine Frau, die ihren Sohn einst im Weltkrieg verloren hat, so erzählt er, erblickt sein junggebliebenes Gesicht auf einer zwanzig Jahre später entwickelten Fotographie, direkt neben ihrem gealterten Antlitz. Otto sucht behäbig weitere Beweise, kennt ähnliche Fälle, ist im Besitz jener Fotographie. Doch die Reaktion auf seine Geschichte ist stets die selbe: Wollen Sie uns auf den Arm nehmen? Er wird mit jenem Satz antworten, der für immer mit Tarkowski in Verbindung gebracht wird und der in seinem letzten Werk  einen faszinierenden Sog der Täuschung entfaltet: Wir schauen nur aber wir sehen nicht!
Dieser besondere Reflexionsgestus obliegt allen Bildkompositionen des sowjetischen Filmemachers, aber unvergessen, gerade wegen seiner schieren Simplizität, bleibt jene Szene in Erinnerung, in der Otto und Herr Alexander zueinander flüstern, minutenlang, eng aneinander stehend. Erst der sich plötzlich abzeichnende Atem an einer zuvor unsichtbaren Fensterscheibe macht die Distanz zwischen ihnen ersichtlich und dadurch erst die Täuschung, der wir im vermeintlichen Anblick der „Wahrheit“ verfallen sind. Kein plumper Trick, im Gegenteil, Tarkowski lotet mit einfachsten filmischen Mitteln den Umschwung zwischen Schauen und Sehen aus – der Beweis, das Empirismus und Positivismus die Welt nicht ausreichend erschöpfen.

Am Ende von OPFER wird Herr Alexanders Stoßgebet als Akt größter Verzweiflung erhört, schenkt er nun nicht nur Briefträger Otto, sondern auch der guten Hexe Maria Glauben und dreht damit die Zeit nach der Apokalypse zurück; ohne von vorn zu beginnen. Es kristallisieren sich Zeitbilder heraus, dynamische Überlappungen und Mannigfaltigkeiten, aus deren Falte ein Greis sich der foucault'chen Straflogik unterwerfend auf den Weg macht und dem Mann im weißen Kittel die Hand reicht, während ein Jüngelchen durch den Eintritt in die Sprache das Paradies verlässt, zum Subjekte wird, indem er sich der Norm unterwirft und dadurch seine Unschuld für immer verliert: Am Anfang war das Wort zitiert das Kind seinen Großvater und drückt in einem letzten Satz das fear and desire aus, welches das Menschengeschlecht seit der Genesis umtreibt: Warum, Papa?

Mit dem Sprechakt heißt Jüngelchen den Schein des Wissens willkommen und wird ebenfalls auf die Suche nach jener Lebenswahrheit gehen, die bereits seine Väter umtrieb. Die Genealogie des faustischen Männertyps wird als Kreislauf skizziert, der einem Rhizom ähnlich kein Anfang und kein Ende besitzt und dadurch auch nicht auflösen kann, ob der Morgen nach der Apokalypse der Tag vor der nun ausbleibenden ist - oder das Scheitern der Deutung Platz für Mannigfaltigkeiten in Zeit, Raum und Denken eröffnet. Herr Alexander hat noch einmal Geburtstag, Strom und Telefon funktionieren wieder, doch unverkennbare Narben der Zeit zeichnen sich ab. Der Film endet wo er anfängt, startet deswegen aber nicht neu. Unsere Messgeräte der Berechenbarkeit liefern keine Erklärung, laufen heiß und schmelzen.

Der bereits todkranke Tarkowski mag sich mit Blick auf das kommende Jenseits ein überreligiöses Denkmal gesetzt haben. Die Zuwendung zum Obskuren führt ihn aber nicht in die Dunkelheit, sondern aus ihr heraus. Ins gleißende Licht.