Mother! (Daren Aronofsky, USA 2017) ©paramount
Mother! (Daren Aronofsky, USA 2017) ©paramount

»Aus jeder Pore Symbolismus!«

 

Aronofskys MOTHER! zwingt seinen Zuschauer zum Rückgriff auf die Mottenkiste der Hermeneutik. Bleibt nur die Frage, ob es da wirklich etwas zu interpretieren gibt.

eine Kritik von Lucas Curstädt

Noch am ehesten ist Daren Aronofskys neuer Film mit THE FOUNTAIN vergleichbar, bei dem bis heute der Esoterik- und Pantheismus-Vorwurf des zeitgenössischen Feuilleton nachklingt. Schließlich schaute man einem baumkuschelnden Hugh Jackman dabei zu, wie er eins mit der Welt alles tat, um seine krebskranke Frau zu retten. Mögen andere Stimmen diesen Science-Fiction Anteil eher als das Unterbewusstsein eines Psychodrama interpretiert und damit jenen Vorwürfen widersprochen haben, nach MOTHER! wird es ein Einfaches sein, den alten Spielball wieder aufzugreifen und mit aller Wucht in Richtung Regisseur zu werfen (man lese die Worte von Dietmar Dath in der FAZ). Denn diesmal sind die Gegenargumente noch rarer.

Jennifer Lawrence spielt die Mutter, die mit ansehen muss, wie ihr grundsaniertes Heim von Fremden überlaufen wird (Ed Harris als erster Eindringling wird im Abspann als „Man“ bezeichnet. Nicht zu verwechseln mit mankind). Javier Bardem dagegen mimt einen schreibblockierten Dichter, der im Abspann nur als „Him“ aufgeführt wird und dessen Selbstbeschreibung so tautologisch wie göttlich klingt: »Ich bin ich« antwortet er irgendwann auf die Frage seiner panischen Gattin, wer er denn eigentlich sei. Das Heim wiederum scheint im unbestimmten Nirgendwo zu liegen, umrahmt von einer Lichtung und einem Waldstück, welches paradiesisch anmutet: Aus jeder Pore dieses künstlichen Ortes trieft Symbolismus.

Die elliptische Erzählform der Geschichte schreit danach, als Öko-Allegorie gelesen zu werden und so  öffnet sich die Mottenkiste wie von selbst: Lawrence ist Mutter Natur und nicht zu trennen von ihrem Heim. Sie ist das Heim. Immer wieder nähert sie sich den (eigenen) Wänden ihres Hauses und hört dessen/ihren Herzschlag. Bardem, der schieren Aufmerksamkeitssucht verfallen, ist nicht wirklich greifbar und als Leerstelle damit am besten mit einem unergründlichen Gott zu assoziieren, der nur ein wenig Inspiration benötigt, um ein neues (testamentarisches) Pamphlet zu schreiben, welches die Menschen – anthropologisch als abergläubische Horde von Mördern charakterisiert – zu Glauben und Glaubenskrieg (ver)führt. Auch Kain und Abel haben ihren Auftritt als streitende Brüder, passend gespielt von den Schauspielbrüdern Gleeson. Michelle Pfeiffer als falsche Schlange zu bezeichnen, ist nur auf den ersten Blick klischeehaft, spiegelt aber schlussendlich den Anspruch des Films sich selbst gegenüber.

Lawrence wird ihren in jeder Hinsicht impotenten Mann dann dazu herausfordern, sie endlich mal zu ficken. Ein Gotteskind wird schnell geboren und natürlich, nachdem es in die Welt entlassen wurde (es ist Gott, der seinen Sohn gegen den Willen der Natur entsendet!), landet Klein-Jesu (Sohn einer Zimmererin!), sobald er einmal durch menschliche Hände gereicht wurde, prompt am symbolischen Kreuz. Das Heim ist derweil zur heiligen Stätte und zum Plünderungsort umfunktioniert worden und versinkt in menschlicher Sünde. Am Ende dieser hermeneutischen ABC-Analyse im Schnelldurchlauf lautet Aronofskys pantheistische Botschaft mit christlicher Ikonographie dementsprechend: Behandelt die Erde besser, sonst folgt bald die nächste Sintflut (hier eher im trump’schen Sinne: fire and fury).
So bettelt dieser filmische Umweltaktivismus förmlich nach jener Rezeption von 2006, und auf diese Perspektive als Anthropozän-Kritik beschränkt, ist der Film nicht nur unzufriedenstellend, sondern auch altmodisch. Die Rezeption besteht einzig aus der Wiedererkennung dessen, was zuvor als das Unheimliche etabliert wurde (eine Art whodunit), um dann dieses Unbehagen schlussendlich plausibel und vertraut zu machen. Was der Film als Auszeichnung auffasst, ist keine: Er liefert seinen eigenen Lektüreschlüssel brav beim geschulten Publikum ab und bedankt sich für dessen Eintrittsgeld.

Dabei ist Aronofsky in der ersten Hälfte auf besten Wege, eindringliches Körper-Kino zu inszenieren, wenn er die Erzählung auf zwei Blicke beschränkt: den der Mutter auf die Welt und ihren eigenen Blick auf diese. Diese Inszenierung, die das Haptische und Sensuelle auf den Sehsinn zu übertragen versucht und damit einen eigenen Erfahrungsraum der Intensität schafft, könnte eine phänomenologische Dimension eröffnen, die MOTHER! vor all den Unkenrufen schützen würde, die einzig den diskreditierenden Vergleich mit ROSEMARIES BABY anführen. Doch bleibt es nur bei einem Aufflackern, weil Aronofsky statt dem Home Invasion Movie zu einer kinetischen Erfahrung zu verhelfen, seinen Stil lieber in den Dienst seiner Botschaft stellt. Dazu passt, dass er die Subjektivierung in der Mitte des Films erst bedeutungsschwanger bricht, den dann folgenden dritten Blick aber nicht in seinen Stil zu integrieren weiß. Dieser Blick bleibt ebenso Fremdkörper wie der des Zuschauers, der bei all der exploitativen Groteske im Schlussakt nicht vergisst, welch simples Ziel der Regisseur verfolgt. Aronofsky wäre gut daran gelegen, seinen kommenden Filmen einen rigiden Ikonoklasmus zu unterziehen.