Independence Day: Wiederkehr (R: Roland Emmerich, USA 2016) / ©fox
Independence Day: Wiederkehr (R: Roland Emmerich, USA 2016) / ©fox

»Das Ende der Zerstörung«

 

INDEPENDENCE DAY: WIEDERKEHR ist absehbar dummer Filmbombast. Eine digitale Effekteorgie, deren Größenwahnsinn nach zwei Stunden in allzu menschlichen Liebeleien und Umarmungen verpufft. Doch ein Dilemma wird sichtbar.

eine Kritik von Lucas Curstädt

US-Blockbuster befinden sich in exponentiellen Zwickmühlen. Einerseits wollen sie die Konkurrenz an visuellen Schauwerten überbieten; eine Schaufel drauflegen, obwohl die Geschwindigkeit die Lokomotive in der nächsten Kurve aus der Bahn werfen wird. Anderseits hängt da das Damokles-Schwert des ungeliebten Originals schwebend über ihren Köpfen, es finden sich ja unter den hochgezüchteten Filmen kaum mehr Unikate, die keine Fortsetzungen abwerfen oder nicht auf einer bereits zum Kulturgut erhobenen »große Geschichte« der Kulturindustrie basieren. Zwar monierte Emmerich, dass er stolz auf sein originelles Sequel sei, aber was soll er auch anderes sagen. Der Druck dieser »too big too fail« Produktionen muss so hoch sein, dass gleich fünf Drehbuchautoren im Falle von INDEPENDENCE: WIEDERKEHR engagiert wurden, um den worst case zu verhindern. Das wäre nämlich, wenn es dem Zuschauer nicht mehr genügt zu wissen, was er gleich serviert bekommt und zu Hause bleibt.

 

Das Drehbuch kann liebevoll als routiniert bezeichnet werden. Einfallslos trifft es wohl eher und selbst die ironischen Spitzen – z.B. der Vater, der seinem Sohn hinterher ruft, dass sie sich wohl nur noch beim Weltuntergang sehen – garnieren die Einfallslosigkeit nur mit Zynismus. Jeff Goldblum und Judd Hirsch scheinen sich sowieso nur noch alle 20 Jahre auf der Kinoleinwand zu treffen, aber das ist eine andere Geschichte. Wermutstropfen bleibt die hübsche Utopie von der Einigung der gesamten Menschheit durch die symbolische Bedrohung aus dem All. Keine Kriege, keine Konflikte. Nur noch Harmonie und Frieden. Afrikanische Warlords bleiben zwar für immer Warlords, doch Emmerich ist schließlich kein Kulturanthropologe oder Menschenliebhaber, sondern Herr der Zerstörung und der Milliarden Todesopfer im Off.

Doch auch Emmerichs Hoheitsgebiet spendet keinen Trost. Die Zerstörungswut verliert in seiner schieren Größe jegliche Relation zur Sehkapazität und ist weder für das Filmbild noch für die Genussfähigkeit des Zuschauers zu fassen. Wenn also in Star-Wars-Manier das große Mutterschiff über die Köpfe der Zuschauer donnert, fehlt der Maßstab. Es mag sehr groß sein, doch an Größe gewinnt dieses Bild nicht.

 

Natürlich ist das alles gut am Computer berechnet und streckenweise auch hübsch anzusehen, doch wie oft sieht der Zuschauer noch London in Schutt und Asche? Die postmoderne Mediatisierung zeigt ihr hässlichstes Gesicht: Bilder dieser Größenordnung entleeren ihren Sinn durch ihre permanente Aufbereitung. Der größte Schrecken löst sich auf, wenn alles schrecklich wird. Diese Bilder haben sich sattgesehen, ganz zu schweigen von der narrativen Folgelosigkeit des Films. DISTRICT 9 von Neil Blomkamp bleibt wohl für immer die einzige Alternative zum geschulten Zynismus. Was das heißt, zeigt sich in einer morbiden Postkarteneinstellung des gänzlich zerstörtes Paris am Ende des Films. Irgendwie hat es der Eiffelturm unbeschadet durch diese Krise geschafft.

 

INDEPENDENCE DAY: WIEDERKEHR ist irgendwo bierernst und platte Seifen-Oper zugleich, gefangen im Aktions- und Bewegungsbild des neoklassischen Hollywoods. Egal wie viele Zeitangaben und Countdowns die Figuren auch während der 120 Minuten erwähnen, von 20 Jahren bis zwei Minuten findet sich alles, was Suspensepotenzial bieten würde. Weil es aber nie um Zeit als wirkliches narratives Merkmal geht, steht der große Zeiger auf Irgendwo, obwohl alle davon reden das es längst fünf vor zwölf ist. Es dreht sich einzig um Momente, um Aktionen der Protagonisten und ihre Bewegungen von A nach B. Durch all die hektische Action spannt sich so ein großes Sicherheitsnetz und federt Hoffnungen auf Unerwartetes ab. Ein paar alte Helden werden sich opfern, unwichtige Nebendarsteller treten in aller Kürze ab und am Ende erhält jeder eine neue Freundin, außer der schwarze Pilot. Emmerich betreibt ja auch kein Dating-Portal. Das alles war in 2012 amüsanter, weil die neuen Dimensionen der Zerstörung etwas Betörendes hatten, obwohl der Ausgang ähnlich gewiss war.

 

Deutlich politischer wird es, wenn sich abzeichnet, dass es in nur noch zwei Arten von Menschen braucht, die gegen die Aliens in den Kampf ziehen. Soldaten und (Natur)Wissenschaftler. Weit hergeholt ist das nicht, schließlich stammt der größte Anteil des Budgets für die US-Technoscience vom Pentagon. Politiker wie die amerikanische Präsidentin müssen den Kürzesten ziehen, wahrscheinlich weil sie keine Kampfflugerfahrung wie ihr Vorgänger besitzt und wird ersetzt durch, keine Überraschung, entschlossene Generäle, die den Vereidigungsvers heimlich auswendig gelernt haben. Der einzige Nicht-Soldat und Nicht-Wissenschaftler ist ein Bürokrat, ein nerviger Sidekick unter zu vielen. Am Ende, weiterhin keine Überraschung, ist er zu einem ziemlich passablen Soldaten geworden.