Get out (R: Jordan Peele, USA 2017) ©universal
Get out (R: Jordan Peele, USA 2017) ©universal

»Der sichtbare Mensch«

 

Hinter der modernen Fassade des wohlhabenden weißen Mannes offenbart sein liberaler Geist nicht nur Intoleranz, sondern posthumane Hybris. Da gilt es nicht nur für den Schwarzen den Ausgang zu suchen. Wie, zeigt GET OUT: Durch das Kino selbst.

eine Kritik von Lucas Curstädt

1922 hatte der russische Filmtheoretiker und Regisseur Dziga Vertov eine klare Auffassung von den revolutionären Möglichkeiten des kinematographischen Apparats. Dieser Apparat, bis dato eher wegen seiner vermeintlichen Fähigkeit zur Reproduktion der Wirklichkeit verschmäht oder gar nicht erst als solcher wahrgenommen, sollte dabei helfen den »neuen Menschen« zu schaffen. Während das »Kinoglaz« unendlich optimiert werden könne, so Vertov, sei das menschliche Sehorgan von beschränkter Natur und müsse durch jenes technische Augen im metaphorischen Sinne ersetzt werden. »Ich bin Kinoglaz« (1) schreibt Vertov inbrünstig und liebäugelt wie viele formalistische Kollegen seiner Zeit nicht nur mit einer kommunistischen, sondern auch einer posthumanen Utopie.   

In GET OUT schlummert der prometheische Immortalitätsgedanke nicht in einem technischen Apparat, sondern verbirgt sich hinter dem schönen Schein einer sich abseits der Großstadt und der Suburbia abgeschotteten Familienbande, welche das Ideal aufgeklärter, liberaler Reicher verkörpert: Der Vater ist renommierter Arzt, die Mutter arbeitet als Psychotherapeutin, der Sohn ist ein wenig eigen, aber auf dem richtigen beruflichen Weg und die hübsche Tochter bringt ganz selbstverständlich ihren farbigen Freund mit nach Hause. Selbst die deplatzierten farbigen Angestellten, die wie ein Klischee aus vergangenen Zeiten wirken, sind Teil der großen, liebevollen Familie.
Eine Inklusions-Idylle also, in der das ungeliebte Rauchen, das Symbol (!) der glutenfreien Ernährungs- und Gesundheitsökonomie par excellence, per Hypnose geheilt und Barack Obama, zweifelsohne der beste und coolste Präsident aller Zeiten, am liebsten noch ein drittes Mal gewählt worden wäre. Auch ist es kein Zufall, dass Mutter Missy als Therapeutin arbeitet: Die Therapie ist das neumodische Lieblingsspielzeug all derjenigen, die sich jedes erdenkliche Wehwehchen teuer behandeln lassen wollen und auch können.

Natürlich verbirgt sich hinter der sichtbarsten Form der Toleranz tiefe Intoleranz, doch ist es eine gegenüber dem Leben selbst. Das Menschliche, so bemerkt es Hauptfigur Chris und der Zuschauer recht schnell, ist bei allen Weißen einer merkwürdig regungslosen Persona gewichen. Leblos und seltsam surreal wirkt das Treiben in und um das Anwesen und das diese Standardsituation  sich nicht an den Kinderkrankheiten des Horror-Genres ansteckt, ist der großen inszenatorische Souveränität von Regisseur Jordan Peele zu verdanken, der durch ein Auge für symmetrische Kompositionslinien und ein Gespür für die dramaturgischen Möglichkeiten der Raumtiefe über genau jenen Blickwinkel verfügt, den der erblindende Kunstliebhaber Jim Hudson am jungen Photographen Chris angeblich so schätzt: GET OUT ist stilistisch schnörkellos, direkt und konsequent. Und genauso konsequent ist die ideologische Implikation, in der die Therapie zum allumfassenden Symbol der Herrschaftskontrolle verkommt. Dann redet sich das Familienoberhaupt in einen Rausch über die Unsterblichkeit, das Kaminfeuer spiegelt sich leicht in seinen Brillengläsern und die Überlegenheits-Hybris ward perfekt: »Hier sitz' ich, forme Menschen nach meinem Bilde«. Dass dieses Bilde nun das eines Farbigen ist, bleibt nur eine der Gründe, warum GET OUT ein fabelhafter Film ist.

Was diesen Film erst besonders macht, ist die Umkehrung der vertov’schen Prämisse zur Schaffung des »neuen Menschen«. Der hypnotisierte Farbige, menschlicher Ersatzkokon und Garant für das Überleben der weißen Oberschicht, wird von jener psychotherapeutischen Behandlung einzig durch das Auslösen des Fotoblitzes befreit. Nicht nur wird hier der legendäre Hitchcock-Moment aus REAR WINDOW verkehrt, sondern grundlegender gesprochen, die Menschlichkeit durch den Fotoapparat gerettet. Dieser macht den ursprünglichen Mensch wieder sichtbar, lässt ihn aus seinem Hypnose-Gefängnis auftauchen. Wo das Kino bei Dziga Vertov einen Akt der Transformation zwischen Mensch und Maschine fordert (2), also die Menschlichkeit regelrecht abschaffen will, ist der Fotoapparat und damit repräsentativ das Kino in GET OUT das entscheidene Instrument zur Befreiung des Menschen aus seinem ideologischen Gefängnis, also aus jener ideologischen Hypnose, die bereits John Carpenter in THEY LIVE! durch die schwarze Sonnenbrille brüchig werden ließ. Rauchverbot, Therapiesitzung und Obama-Sucht verwendet GET OUT als Symbole post-ideologischer Machtstrukturen, die in ihrer kosmopolitischen Idee von Toleranz nur ein Mittel zur Sicherung des status quo sehen. Wenn Chris sich am Ende des Films seinen Peinigern entledigt hat, kann man nur hoffen, dass er diesen Weg im Sinne Nat Turners konsequent weitergehen wird.

Die Sonne, so schrieb einmal George Melies, sei die Freundin des Photographen. Nun, während wir uns in prometheischer Hybris genau an dieser verbrennen, wird die Photographie zum Erretter der Menschlichkeit, weil sie uns im buchstäblichen Sinne sichtbar macht.

(1) Vertov, Dziga, Wir. Variante eines Manifestes. In: Texte zur Theorie des Films, Reclam, S. 42

(2) ebd. S. 32: »Die Seele der Maschine enthüllen, den Arbeiter in die Werkbank verlieben (…)«