Ein Dorf sieht schwarz (R: Julien Rambaldi, F 2017) ©profilm
Ein Dorf sieht schwarz (R: Julien Rambaldi, F 2017) ©profilm

»I am your (Dr.) Negro«

 

EIN DORF SIEHT SCHWARZ versteht sich in populistischen Le-Pen-Zeiten als französisches Flaggschiff der liberal-demokratischen Utopie, verharmlost aber dafür kurzerhand Rassismus und provinziellen Menschenhass und opfert den notwendigen Diskurs für ideologische Masturbation.

eine Kritik von Lucas Curstädt

Zu seinen beiden Kindern sagt der kongolesische Arzt Seyolo Zantoko Sätze wie: Bildung ist das wichtigste im Leben, vor allem wenn du schwarz bist. Wütend wird er, wenn die Kinder zu Hause ihre eigene Muttersprache sprechen. Oder noch schlimmer: Fußball schauen. Denn er selbst möchte ein vorbildhafter Ausländer sein, der seinen schwarzen Sonderstatus anerkennt: Er hat ein Medizin-Studium in Frankreich abgeschlossen und ist dafür unendlich dankbar. Er spricht Französisch besser als so mancher Einheimischer, lässt es diese aber nicht spüren. Er ist ein guter (afrikanischer) Christ, schämt sich aber für seine Verwandten, wenn diese in der Kirche lautstark Gospel-Gesänge anstimmen. Und er lässt auf sich schießen und lacht darüber, anstatt zur Polizei zu gehen. Heutzutage würde er für Akzeptanz wohl auch ein Flüchtlingsheim anzünden. Denn diese anderen Fremden sprechen ja nicht die eigene Sprache, sind ungebildet, glauben nicht an Jesus Christus und vor allem nicht an das überlegende, westliche System. Er hätte ja auch der korrupte Leibarzt des kongolesischen Königs werden können, liebt aber Liberté, Égalité und Fraternité.

 

Dass durch diese Figur eine umfassende Exklusion geleistet wird, zeigt der Film in seinem reduktionistischen Umgang bezüglich des culture-clashs. Die Abwesenheit des eigentlich Fremden im Verhältnis zum Eigenen und der sich daraus ergebenden Eruption des vermeintlich Gegebenen macht alles so simpel. Diese grundlegende Konfliktscheu, die das Dorf Marly-Gomont zum nostalgischen Paradies für Kosmopolitologen macht, wird unterfüttert von einem falschen psychologischen Realismus, der es dem Zuschauer erlauben soll, aus der abscheulichen Realität  eigentlich banaler rassistischer Charaktere zu entkommen, um Sinn, Nachvollziehbarkeit und Verständnis zu konstruieren: Die Botschaft der liberal-demokratischen Doktrin ist omnipräsent und unverrückbar: Im Sinne der Unvollkommenheit des demokratischen Systems gibt es zwar Rassisten, doch diese lassen sich erziehen und die Ausländer, seht her, integrieren sich gemäß der bürgerlichen Standartideologie von selbst. Dass der Rassist den Farbigen bei einer Autopanne hilft oder mit ihm Dart spielt, soll den Umstand neutralisieren, dass er ihn erst auf Grund seiner Hautfarbe mutwillig erschießen wollte. Der Film heuchelt lieber »echte Emotionen« vor, doch liegt die ethische und moralische Wahrheit im Außerhalb, also in dem, was die Figuren tun.

 

Im "Außerhalb" sind die Anwohner praktizierende Rassisten, denn sie boykottieren ihren neuen Arzt einzig auf Grund seiner Hautfarbe. Mehr Angriffsfläche bietet er ihnen nicht. Doch dieser Rassismus ist nur ein Rassismus light, nämlich die abstruse liberale Idee von einem rassistischen Menschen, der es nur noch nicht besser weiß, aber es, so der Inklusionsgedanke, noch lernen kann, weil er an sich ganz liebenswürdig ist und der Neger ihm gegenüber auch. Die Anwohner beleidigen die Neuankömmlinge noch nicht mal rassistisch, das wäre ja irreversibel verletzend. Einzig die Schulkinder werden ausfallend und diesen kann man die politische Inkorrektheit problemlos verzeihen, es sind ja schließlich Kinder. Nur wer hat es ihnen beigebracht?

Beispielhaft für diesen Irrglauben rassistischer Funktionsweise ist jene menschelnde Szene, in der eine hochschwangere Frau (an Heiligabend!) sich nur widerwillig von Zantoko behandeln lässt und ihn mit Hasstiraden überzieht. Danach entschuldigt sich die Rassistin für ihren kleinen Fauxpas und schaut mit ihrem Neugeborenen im Arm ganz lieb. Als am Ende des Films die Schulklasse diese Geschichte in einem Theaterstück aufführt, schauen sich die beiden Eltern im Publikum verschmitzt an, fast so, als würden sie sich sagen: Mensch, waren wie damals doch ulkige Rassisten. Das sind wir zwar immer noch, aber nicht in Bezug auf unseren (Dr.) Negro. Der ist ja ganz anders als die anderen. Gott sei Dank, dass wir (und der Zuschauer) diese nie zu Gesicht bekommen.

 

Dieser Film entwirft so in erster Linie das Bild vom fröhlichen Sklaven, der nun ein gutgekleideter Bourgeoise ist, aber immer noch von Ideologie und Willen des weißen Mannes abhängig ist. Raoul Peck hat in seiner Dokumentation I AM NOT YOUR NEGRO dieses mediale Konstrukt als eines vom weißen Mann geschaffenes zu entlarven versucht, Julien Rambaldi verkehrt diese Erkenntnis erst einmal um und glättet dann die Wogen mit einer Heldenreise, in der Zantoko lernen muss, dass es zur Assimilation eben noch mehr braucht: Zum Beispiel eine fußballspielende Tochter, die sich als Junge verkleiden muss, um spielen zu dürfen.

 

In THE INTRUDER von Roger Corman spielt William Shatner einen jungen Demagogen, der den rassistischen Süden noch weiter gegen die Schwarzen aufhetzt. Das gleiche Figurenprofil Jahrzehnte später, hier der rechtspopulistische Bürgermeisterkandidat, darf für die liberal-demokratische Utopie als antagonistischer Blitzableiter herhalten: Er allein ist es, der die Masse verführt hat, er allein ist es, der sie so rassistisch werden ließ. Das sagt man übrigens auch über Le Pen. Wenn sie die baldige Wahl gewinnt, war natürlich niemand wirklich schuld. Denn wie in diesem Film gezeigt, sind wir alle in Wirklichkeit sehr unschuldig und sehr sehr menschlich.