American Honey (R: Andrea Arnold, USA/GB 2016) ©universal
American Honey (R: Andrea Arnold, USA/GB 2016) ©universal

»Der Banalität wegen«

 

Das Problem mit Andrea Arnolds Roadmovie ist, dass der Film der Ideenlosigkeit seiner Protagonisten, ja der amerikanischen Gesellschaft, nichts entgegenzusetzen hat. Stattdessen fügt er sich, passt sich dieser an.

eine Kritik von Lucas Curstädt

AMERICAN HONEY ist eine Bilder-Reise durch die (Ge)Schichten der amerikanischen Gesellschaft. Erzählt aus der Perspektive einer jungen Frau, die dem Ruf eines streunenden Business-Man folgt und sich einer Gruppe von Magazin-Abo-Verkäufern anschließt, wird die Geschichte schnell als ewige Reise konserviert. Eine Handlungsdramaturgie ist spärlich vorhanden, gewissermaßen beabsichtigt, soll es sich doch mehr um Atmosphäre, Beziehung, Gefühl, eben um das Menschsein (!) und das Frei-Sein (!!) drehen. Im strikten 1.37:1 Format einer wenig experimentierfreudigen Handkamera gedreht, folgt der Film etappenweise einem Ziel, welches keines ist. Unzählige Enden hat dieser Film, nur keinen wirklichen Anfang. Er ist mehr ein Sammelsurium an Ansätzen, doch kein Mosaikfilm, dafür ist das stilistische Konzept des Films über diese Laufzeit nicht tragfähig. Das Problem liegt im Fehlen einer ästhetischen Opposition, im Fehlen einer stilistischen Divergenz, die mehr produziert als wacklige, von der Grasnarbe fokussierte Bildmontagen.

 

Während Harmony Korine in SPRING BREAKERS eine interessante Provokation schuf, ein Film, der zwischen ästhetischen Querbezügen zur Postmoderne (man halte sich nur James Francos Cover von Britney Spears „Everytime“ vor Augen) und einer narrativen Ernsthaftigkeit zu changieren wusste, ist AMERICAN HONEY nicht fähig den Status seiner perspektivlosen Protagonisten zu durchbrechen, mehr zu sein, als das romantische Beiwerk unzähliger Popsongs, die im übrigen unterstreichen, wie konservativ die Dramaturgie des Films schlussendlich angelegt ist. Mögen die Songs auch vergleichsweise weniger laut aufgedreht sein wie im deutschen Wohlstandskino, so bedröhnen sie doch mehr, als sie betören und lassen erkennen, dass dem Zuschauer 163 Minuten nur Häppchenweise zugetraut werden.

 

Wäre AMERICAN HONEY ein kritischer Kommentar zur gesellschaftlichen Müdigkeit Amerikas, dann wäre in irgendeiner Form ein Bruch zum künstlerischen Ausdruck gebracht worden. Ein gewisser Charakterzug, ein Merkmal, statt sich das Schwelgen im Delirium seiner Figuren zur Tugend zu machen, was im Laufe des Film unnötige Redundanzen erzeugt. Das Ergebnis: Hatten die EASY RIDER vor fast einem halben Jahrhundert noch eine politische Utopie, träumen die Außenseiter in diesem Film nur noch vom Träumehaben und die Regisseurin schließt sich dem an.

 

Dabei sind dem Film gewisse politische Ansätze nicht einmal madig zu machen: Nach den reichsten Bevölkerungsschichten folgt die Mittelschicht und vollenden Slums, Armuts- und Elendsvierteln die heldenlose Reise. Die Gruppe Jugendlicher dient in gewisser Weise als kapitalistisches Klebemittel zwischen den Schichten, denn egal welche Zielgruppe vor ihnen steht, sie wollen ihre Magazine verkaufen. Egal wie groß das Außenseitertum ist, das Geld ist entscheidend und die Mittel oben wie unten die selben. Umso holzschnittartiger wirkt es, dass diese Einblicke eng an Rollenerwartungen geknüpft sind. Die reichen Cowboys sind in erster Linie gelangweilte, aber seriöse alte Herren, während die hart arbeitende Mittelschicht vor allem unter Einsamkeit leidet und sich nach etwas Liebe sehnt, egal wie horrend der Preis ist. Warum Arnolds ausgerechnet die Unterschicht in einer Betroffenheitsmontage auflöst, zeigt schlussendlich nur, dass nicht nur die Bilder, sondern auch die Motive in AMERICAN HONEY weichgewaschen und ohne größeren künstlerischen Ausdruck sind. Während Arnold sich die kommentatorische Position sonst verkneift, ergreift sie hier Partei, da geht selbst der fragmentarisch gesetzte Schnitt nicht als Ausrede durch.

 

Dass sie auf das aussagekräftigste Motiv des Films nicht mehr eingehen möchte, als daraus eine Dreiecks-Beziehung zu entwickeln, wird zum Knackpunkt des Films: Das autoritär geführte Regime unter der patriarchalischen Leitung von Krystal hätte genug Anhaltspunkte gehabt, um das Verhältnis zwischen den Gruppenmitgliedern und ihrer neoliberalen Sektenführerin auszuloten. Da es aber nur bei ritualisierten Schlägereien für die schlechtesten Verkäufer der Woche bleibt und auch die hübsch ausgeformte Businesssprache im Sinne der Hire-and-Fire Ideologie von Krystal nur eine Attitüde im Umgang mit Star bleibt, verpufft diese Kritik an universalen amerikanischen Urwerten, Kapitalismus und Familie. Es scheint, als würde dieses Potenzial entweder nicht wahr- oder nicht ernst genommen werden. Denn selbst die körperliche Performanz, Ausdrucksform und Leitmotiv von AMERICAN HONEY, entwickelt keine Immanenz, die über einen moralisierenden Warenfetisch hinausreichen würde.

 

So verweilt der Film lieber beim Melodram zwischen Star und Jake ohne melodramatisch zu sein und schnell ist das alles in erster Linie banal. Und zwar nicht der Banalität wegen. Das ist das selbstverschuldete Dilemma dieser Geschichte.