American Assassin (R: Michael Cuesta USA 2017) ©studiocanal
American Assassin (R: Michael Cuesta USA 2017) ©studiocanal

»Hurra, die Welt geht nicht unter!«

 

Beruhigend am CIA-Thriller AMERICAN ASSASSIN ist das wiederentdeckte atomare Bedrohungsszenario. Solange nämlich die Atombombe auf der Leinwand explodiert, kann dem Publikum außerhalb des Kinosaals nichts geschehen.

eine Kritik von Lucas Curstädt

Die Ekstase des Realen ist die Simulation [1] , so der Philosoph Jean Baudrillard und folgt man dieser Annahme, ist AMERICAN ASSASSIN eine solche Ekstase: Iranische Politiker und Militärs stören sich am Atomabkommen mit den USA und versuchen, an eine russische Bombe zu gelangen, um ihren Erzfeind Israel auszulöschen. Da müssen Auftragskiller der CIA natürlich eingreifen. Simulation heißt hier, dass eine Überhöhung des Realen stattfindet, dass ein Punkt überschritten wird, am dem die eigene Widersprüchlichkeit getilgt wird, nämlich einerseits die, dass Amerika keinen rechtmäßigen und moralischen Auftrag als Weltpolizei hat und andererseits die, dass es vielmehr der eigene Präsident ist, der für Zank beim Irandeal sorgt.

 

In dieser »filmischen Realität« sind aber die CIA die Guten und die Iranis die bad guys. Mag die Weltlage deutlich verstrickter sein, der Film folgt stur dieser ekstatischen US-Realität des Weißen Hauses, die Trumps aktuelle Agenda rechtfertigt. Als hätte der gesamte Film nur darauf hingearbeitet, mündet das Finale in einer entscheidenden Kulminationsszene: Der, dass ein guter amerikanischer Bürger seiner Pflicht nachgeht und im Dienste der CIA-Geschichte (wir erinnern uns an Mohammad Mossadegh) einen unliebsamen Staatsmann einer souveränen Nation ausschaltet, damit das große Unheil abgewendet wird. Süffisant daran ist, wie cool Hauptfigur Mitch Rapp im Fahrstuhl sein Opfer begrüßt, bevor die letzte Klappe fällt. In dieser Hinsicht ist AMERICAN ASSASSIN ein Film der Trump-Ära. Keine Fragen stellen, sondern machen. Keine weiteren Gedanken verschwenden, sondern Aggression und Stärke zeigen. Widerworte werden nicht geduldet. Loyalität ist alles. Period! Kein Zufall, dass Diplomatie zu Beginn des Films als hoffnungslos dargestellt wird.

Die Simulation dieses schmalen Weltbildes ist bereits so fortgeschritten, dass eine andere globale Bedrohung, der IS, zu einem plumpen Aufhänger der Handlung degradiert wird, es nicht einmal mehr Erwähnung findet, warum der Urlaubsstrand, an dem unsere Geschichte anfängt und unser Held seine Verlobte verliert, von Terroristen angegriffen wird, damit er Rache schwörend in den Krieg ziehen kann. Der Böse ist unmissverständlich der, der im Sand haust, dessen Sprache arabisch klingt und der den Koran als Einstellungsgrundlage abfragt. Das unlängst der von Algorithmen betriebene Drohnenkrieg auch dieses Szenario entpersonalisiert, würde dagegen das Bild nur stören. Der Trumpismus ist eben immer auch ein bisschen Wilder Westen.

 

Dazu passt der vorgeschobene Handlungsstrang um den abtrünnigen Ex-Schüler „Ghost“ des Ausbilders Stan Hurley, der den Verrat seines Mentors mit einem eigenen kleinen atomaren Angriff auf Amerika sühnen will. Diese Dreierkonstellation zwischen Onkel Sam (Hurley) und den zwei CIA-Brüdern (Rapp und Ghost) predigt Loyalität und verteufelt das Individuum: Während der eine sich gerne für sein Land opfert, empfindet der andere diese Opferung als Verrat am eigenen Leben und ist, gelinde gesagt, ungehorsam gegenüber der CIA. Entscheidend ist der immer wieder erwähnte Anspruch an den Agenten „nichts persönlich werden zu lassen“. Im Endeffekt aber geschieht genau das – on many sides. Auch hier folgt man also dem Präsidenten, der jeden Tweet persönlich nimmt und dadurch zum unberechenbaren X in der Gleichung globaler Weltpolitik wird. Agenten-Thriller handelten zwar schon immer von Gesetzüberschreitungen und Befehlsverweigerungen, vom inneren Kampf zwischen Aufgabe und Hingabe. Doch AMERICAN ASSASSIN serviert plumpen Staatsopportunismus, weil Loyalität nur der Obrigkeit gegenüber richtig sein darf, nicht aber gegenüber einer allgemein gültigen Ethik, einer Charta oder der eigenen Moral. So werden zwar beide Brüder Befehlen nicht Folge leisten, der eine hat aber passenderweise das Gute (der Regierung) im Sinn und der andere, dem echter Verrat (durch die Regierung) widerfuhr, erscheint als abgrundtief böse (er foltert z.B. seinen ehemaligen Ziehvater und das machen gute Amerikaner nicht). Dass sich Onkel Sam im Showdown dazu erbarmt, seinen neuen Schützling gegen das Credo, welches ihn einst bei „Ghost“ in Missgunst brachte, zu retten, torpediert natürlich irgendwo den bis dato praktizierten Trumpismus, passt aber zu der schizophrenen Amtszeit des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten.

 

Hyper-rational dagegen ist das Motiv der Atombombe als sicherndes Bedrohungsszenario: Dazu lohnt sich noch einmal ein Blick auf Jean Baudrillard, der, wenn auch bereits im Jahr 1985, schreibt, dass das atomare Wettrüsten einen vorteilhaften Effekt habe: Das System schrecke sich selbst ab, die erdumspannende Gestalt des Krieges (der keinen Raum für einen echten Krieg lässt) ist es, der uns beschützt [2]. Die Bedrohungslage durch die Atombombe ist also die beste Versicherung der Welt gegen ihre eigene Zerstörung. Diese paradoxe Gleichung braucht aber ein eigenes Äquivalent, einen medialen Partner, der diese Bedrohungslage bestätigt und uns damit sichert. Das tut AMERICAN ASSASSIN, der die Bombe auch gleich platzen lässt. Die Botschaft: Seht her, so sieht ein Atompilz aus, damit ihr ihn auf der Welt nicht mehr zu fürchten braucht: Hurra, die Welt geht nicht unter!

[1] Jean Baudrillard, Die fatalen Strategien, S. 10

[2] ebd. S. 16-17