1900 (R: Bernardo Bertolucci, IT / D / F 1976) / ©UnitedArtists
1900 (R: Bernardo Bertolucci, IT / D / F 1976) / ©UnitedArtists

»Das Gedächtnis der Welt«

eine Retrospektive von Roman Paul Widera

Ob es ein Pantheon der fehlgeschlagenen Monumente des Kinos gibt? Die exzessiven, überlangen Werke, deren wahnwitzige Produktionsprozesse selbst eigene Verfilmungen rechtfertigen würden? Sogar noch einige Jahre vor Michael Ciminos HEAVEN’S GATE (USA 1980), diesem wohl mythischsten aller gescheiterten Auteur-Großprojekte (und auch vor dem triumphalen APOCALYPSE NOW), durfte Bernardo Bertolucci schon 1976 den Versuch wagen, eine ganze Gesellschaft zu einer Epoche in Bilder einzufangen und erschuf eine über fünfstündige Vision Italiens, einen vollkommen maßlosen Film. Er markiert einen dieser wenigen, filmhistorisch recht seltenen und kühnen Momente: Wenn Geldgeber einem Wunderkind gänzliche künstlerische Freiheit zusichern und es dazu unverhältnismäßige Summen zur Verfügung gestellt bekommt.

Selten resultiert solch eine Produktion in dem Erfolg, den man sich in künstlerischer wie finanzieller Sicht versprochen hatte, umso seltener schaffen diese Filme es zur Verwirklichung. Die Auteurs zerbrechen unter dem schieren Gewicht ihres Werkes, dem Gewicht ihrer Vision, unter dem was dazu auserkoren wurde, das ultimative filmische Vermächtnis des Künstlers zu sein – noch während es sich in der Entstehung befindet. Diese Filme sind gigantisch und gleichsam fragil.

Bertoluccis 1900 (NOVECENTO) ist keine Ausnahme sondern das Exempel. Er ist problematisch und polarisiert. Aber in diesen 315 Minuten gibt es keine Sekunde, in der das furchtlose Filmemachen dieses Regisseurs nicht zu spüren wäre. Zwei Charaktere, die stellvertretend für ganze gesellschaftliche Klassen stehen müssen: Auf der einen Seite Robert De Niro, der Sohn des Gutsbesitzers, der Bourgeoise. Auf der anderen Gerard Depardieu, ein Bauern-Bastard auf ebendiesem Gut. Zwei Welten nebeneinander, das Andere manifestiert sich im Gegenüber. Durch die Augen dieser Männer, beide zur titelgebenden Jahrhundertwende geboren, erzählt Bertolucci seine Geschichte des 20. Jahrhunderts in Italien. Er arbeitet sich an großen historischen Meilensteilen ab, in der ersten Einstellung wird der Tod Verdis verkündet, es folgen Arbeiterstreiks, beide Weltkriege, der italienische Faschismus. Bertolucci ist es nicht möglich, sich hier auf ein homogenes ästhetisches Programm einzulassen. Schmutzige Nähe zur Realität, etwa wenn die Arbeit der Farmer gezeigt wird, wenn Schweine in ein paar einfachen Handgriffen geschlachtet werden, wechselt sich mit traumwandlerischen Einstellungen von nebligen Wäldern ab.


Ständig filmt Vittorio Storaro seine Motive im goldenen Licht der magic hour und lädt sie immer wieder mit mythischer Verklärung auf. Die Grenzen zwischen Nüchternheit und illusorischer Romantisierung verschwimmen in den Einstellungen. Immer sind die Gesten groß, melodramatisch und überhöht. Wir sind erschlagen, als stünden wir vor einem gigantischen Historiengemälde, dessen Ausmaße uns zwingt den Kopf in den Nacken zu legen, während wir daran hochschauen. Um alles zu sehen müssten wir uns zu weit vom Bild entfernen, also verweilen wir direkt davor, lassen uns überwältigen, auch wenn es uns anstrengt. Treten wir zu nah heran, sehen wir den Rahmen nicht, verlieren den Überblick und missen womöglich das große Ganze – sind wir zu weit weg, verlieren wir die Details aus den Augen, die diese Gänze erst zusammensetzen.

Und wie ein Gemälde ganze Geschichten in einem einzigen Bild festzuhalten versucht, so entspricht NOVECENTO dieser gezwungenen Konzentration, trotz der unzähligen Bilder, die er zur Verfügung hat und die er seinem Zuschauer zu Verfügung stellt. Historische Ereignisse müssen verkürzt dargestellt werden, ganze Ideologien verdichten sich auf einzelne Figuren, die als Repräsentanten ihrer Zeit, ihres Standes, ihrer Weltanschauung dienen. So universell der Film oft zu sein versucht, so persönlich ist er an die Perspektiven seiner zwei Protagonisten gekoppelt und so nah an ihnen schließt er auch. Immer weiter spannt sich der Blick über die Geschichte um am Ende doch wieder eng bei der Freundschaft der beiden vom Stande determiniert Ungleichen zusammenzulaufen.
In einem Interview, kurz nachdem der Film in Cannes gezeigt wurde, sprach Bertolucci vom Medium Film als Gedächtnis der Welt, zumindest für das 20. Jahrhundert. Und das Wort „Gedächtnis“ ist wichtig. Denn 1900 ist zu keiner Sekunde eine Chronik, sondern nur Erinnerungen. Und diese täuschen uns manchmal, können den einen Moment klar wiedergeben, während sich den anderen in trügerischen Nebel hüllen.

 

Diesen Film zu sehen, erinnert gleichsam auch immer an all die Projekte, die hätten sein können. GANGS OF NEW YORK (2003), auch ein solch kompromissloses Auteur-Monument, hätte wohl Scorsese’s 1900 sein können (und wurde sein HEAVEN’S GATE). Trotz aller Bemühungen wurde ihm es nicht gewährt. Wenigstens Bertolucci konnte seine Vision durchsetzen. Der Kompromiss scheint NOVECENTO ferngeblieben zu sein. Konsequentes Autorenkino in diesem Maßstab ist rar und dieses seltene Glück mündete hier in ein fünfstündiges Werk wundervoll ungezähmten Filmemachens.