Vox Lux (R: Brady Corbet, USA 2018) ©kinostar
Vox Lux (R: Brady Corbet, USA 2018) ©kinostar

»Pakt mit dem Pop«

von Lucas Curstädt

Nach dem Amoklauf an ihrer Schule liegt die schwerverletzte Celeste in ihrem Krankenbett, neben ihr kauert die Schwester, bitterlich weinend. Celeste aber lächelt still in die Dunkelheit hinein; den faustischen Pakt mit dem Teufel, so lässt uns der Erzähler erst am Ende wissen, hat sie da schon geschlossen: ihre Seele für die Popmusik, für den Erfolg. Kurz darauf, bei einem Gottesdienst für sie, die Hinterbliebene, drückt Celeste ihr erfahrenes Leid durch ein Lied aus; ein Lied, welches sie zum Superstar der amerikanischen Popmusik machen wird. Denn nichts verbindet die Menschen mehr, so der Erzähler ein weiteres Mal, als die Suggestion einer teilnehmenden Erfahrung an Trauer. Wie kastrierend die Verwendung literarischer Stilmittel für die filmische Ausdruckskraft sein kann, merkt an dieser Stelle nur der Zuschauer.

 

Und wieder huscht da für einen kurzen Moment dieses Lächeln über das Gesicht von Celeste, fast so, als würde sie die Gelegenheit erregen, im Moment des größten Schmerzes eine alles überdauernde Performance präsentieren zu dürfen. Vielleicht auch, so der Hintergedanke, weil sie längst weiß, dass eben diese alles überdauernde Performance ihr Tür und Tor zum Pophimmel öffnen wird. Jedenfalls, ihr Kalkül geht auf und so überdauert die Performance auf der Bühne den eigentlichen Anlass, nämlich den Schmerz über den Amoklauf. Zunächst setzt sich dieser simple Buchstabendreher also zwischen Leid und Lied als Thema des Films fest. Oder wenigstens in der ersten Hälfte.

 

Diese erste Hälfte lässt sich unter dem Begriff der Ambivalenz summieren. Da wäre eine harte, analoge Ästhetik, die erst langsam vom glitzernden Schein der Popmusik aufgefressen wird; stellvertretend hier das billig wirkende Videoformat der Heimkamera. Oder die postulierte Frömmigkeit der beiden Schwestern, die konträr zum angestrebten Lebensziel als Pop-Figur Celeste steht. Hier wird es ausnahmsweise nicht der Erzähler, sondern ihr Manager sein, der ihnen und damit stellvertretend dem Zuschauer erklärt, dass das so nicht zusammengeht. Wenn Pop auch immer etwas mit Penetranz zu tun hat, dann versteht Corbet diese Zutat zu gut für seine eigene Erzählung. Sein Film ist ein seltsamer Pakt mit dem Pop.

 

Möchte man diese Ambivalenz als sich vollziehender Schwellenübertritt in die Welt des Pops interpretieren, muss man Corbets Film ziemlich viel zu Gute halten. Oder anders ausgedrückt: Ist das, was dann folgt, einfach nur dämlich oder soll hier die Dämlichkeit der Popindustrie vorgeführt werden? Und wird dieses Spiel mit dem Feuer dabei unfreiwillig oder mit Absicht zur Infektion der zweiten Hälfte des Films? Denn dieser Übertritt wirkt eher wie jener nervige Moment, in dem eine formal aufregend und erzählerisch interessante Geschichte kippt und zwar in die stoische Abarbeitung einer Erzählung, die nicht mehr viel zu sagen hat. Der Kipp-Moment materialisiert sich in der Szene, in der Celeste mit einem Musiker auf einem Bett liegt und über ihre Alpträume redet, die prompt in Musikvideos verformt werden. Die beiden Körper wirken so offenkundig für die Kamera ausgestellt, das Dahingesagte so geschwollen und dumm, dass man zwangsläufig zum Schluss kommen möchte, dass das Musikvideo, welches die Szene eigentlich beendet, schon viel früher angefangen haben muss.

 

17 Jahre springt der Film nun und ist dann vor allem formal ein anderer, weil die Gesprächssituationen um die alles dominierende Natalie Portman (spielt die erwachsene Celeste) in einer ästhetischen Monogamie resultieren, die nicht mehr viel mit den filmischen Ausdrucksmöglichkeiten des ersten Teils gemein hat. So bleibt lediglich und folgerichtig nur der Signifikant des Gebets als Teil einer Lichtshow übrig – am Anfang aber ist da wirklich ein Signifikat der guten Hoffnung und der unumstößlichen Gläubigkeit. Ausgerechnet im Moment vor der Tat schlägt Celeste nämlich dem Attentäter vor, gemeinsam zu beten. Welch aussichtsloses Vorhaben, denn dann fallen Schüsse. Kugeln durchstoßen bekanntlich irgendwann alles. Idealistische Reinheit und pragmatischer Zynismus geben sich die Hand.

 

Doch dieser Handschlag macht Probleme. Denn alles wirkt nun so aufgesetzt, so gezwungen, so dramatisch und zugleich so nichtssagend, dass es unweigerlich mit dem Pop selbst in Verbindung gebracht werden muss und das wäre dann doch zu einfach, oder? Und kann sich der Zuschauer überhaupt gemeinsam mit dem Regisseur auf eine Meta-Ebene begeben, um über die Popindustrie zu reflektieren? Präsentiert Corbet also ausreichend cues, um diesen Schluss zuzulassen oder ist das alles einfach nur die enttäuschende Vollendung einer interessanten Exposition, die ihre Möglichkeiten verschenkt und deren vielleicht einzige Qualität darin liegt, die Möglichkeit zu erhalten, nobilitiert werden zu können?

 

VOX LUX mag entweder eine Visualisierung der Popmusik oder eine Anklage an seine Mechanismen oder beides oder gar nichts davon sein. Ein Rätsel, welches man nicht lösen will, weil am Ende der unbefriedigende Ausverkauf ansteht: dann lächeln all diese gebrochenen Figuren zur lausigen Popmusik und werden erlöst.