Salt Of The Earth (Das Salz der Erde, R: Herbert J. Biberman, USA 1954) ©JamesRiverFilmSociety
Salt Of The Earth (Das Salz der Erde, R: Herbert J. Biberman, USA 1954) ©JamesRiverFilmSociety

eine Retrospektive von Lucas Curstädt

Sie wisse gar nicht, wo sie mit der Erzählung anfangen soll, behauptet Esperanza Quintero zu Beginn von SALT OF THE EARTH, doch natürlich beginnt der Film von Herbert J. Biberman nicht einfach irgendwo. Er beginnt am Zenit des bereits ewig geführten Klassenkampfs zwischen einem Herrscher und seinen Unterdrückten, an der Weiche zum dialektischen Umbruch, der kommen muss. Der telos des historischen Materialismus lastet schwer auf den ausgebeuteten Schultern der Bergbau-Arbeiter und rast über sie hinweg wie eine unaufhaltsame Lokomotive: der Kommunismus wird den Kapitalismus überwinden. In dieser Hinsicht ist die Geschichte vom Arbeiterstreik in New Mexico eine filmische wie politische Heterotopie. Ein Film als Zeitkapsel einer überdauerten Ideologie und zugleich verquere Hoffnung für ein postideologisches Jetzt, das abjekt geworden ist. Der Film versteht sich als beispielhaften Vorgriff auf die nahestehende Zukunft und behauptet darin Geschichte als machbare Kategorie. Der Klassenkampf ist hierbei ein dreifacher; im Film, um den Film und nach dem Film. Diese politische Ausstrahlung hat das Zelluloid in sich gespeichert. Die Leinwand als durchlässige Membran nutzend, negiert er das Wissen, dass besagte nahestehende Zukunft nie eingetreten ist und macht sogar gegenteilig glauben, dass sie vielleicht noch passieren könnte. Wenn auch nur für 94 Minuten ist der Messias der internationalen Solidarität nah.

Das bisschen Freiheit, die den Arbeitern gelassen wird, eine, die sich auf die Entscheidung beschränkt, ob man die Finger ins Getriebe steckt oder nicht, ist Ausgangspunkt des Films. Dann stehen die Maschinen und Arbeiter still. Zur Freiheit verdammt, folgt aus dieser das Engagement und damit die Verantwortung, der eine unbändige Pflicht innewohnt. Dass das Getriebe uns ganz und gar verschlingt, daran hat auch dieser Film keinen Zweifel, der im Nebensatz und zwischen den Zeilen zu erkennen gibt, dass einer gewonnenen Schlacht nicht ein gewonnener Krieg folgen muss. Die Momentaufnahme der sich in den Armen liegenden Streikschaft bleibt eben nur ein Moment. Insofern weiß dieser Film um seinen Status als Arbeitermärchen und oszilliert im Modus des philosophischen Als-Ob. Melancholie macht sich breit.
Das Stichwort aber bleibt Hoffnung. Denn dem Kapitalismus gelingt es nicht, dieses Prinzip auf den Einzelnen einzuengen, der darin zerbrechen würde. Ihm gelingt es nicht, die Macht des Kollektivs zu brechen, das hier schiere Wunder vollbringt. Die Masse als Erfindung des 20. Jahrhundert kommt in aller positiven Sichtbarkeit zu ihrem Recht, wie es Walter Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz naiv beschrieben hat und darin zum politischen Ausdruck der Geschlossenheit und Einheit. Sie erzeugt Furcht, aber nur auf Seite derer, die es verdient haben zu fürchten.

Simone de Beauvoir hat in der Einleitung zu ihrem Buch »Das andere Geschlecht« den Jahrhunderte langen Klassenkampf als einen solchen gezeichnet, in dessen binären Innerhalb die Frau als das Andere immer in ein Außerhalb verbannt ist. In genau diesem Außerhalb befindet sich zunächst auch die Frau in SALT OF THE EARTH, der gerade in seiner feministischen Dimension politisch schlagfertiger und weitsichtiger agiert, als es zum Teil die heutige Debattenkultur ist. An einer Stelle erheben die Frauen an den Gewerkschaftsbund den Vorwurf, dass sie auch gleich auf ihr Schild schreiben könnten, dass neben Hunden auch Frauen nicht erlaubt sind. Die Forderung nach universeller Gleichheit, die über die soziale Frage das unterdrückte Eigene gegen das kapitalistische Andere definiert, wird jener Nenner, der den menschlichen Schutzwall des Streiks und damit die Sache des Progress stützt. Unterdessen mehren sich gegenwärtig wieder Schilder, die unter der Prämisse einer Schaffung von Schutzräumen spezifische Gruppen ausschließen oder aus identitätspolitischen Motiven diese unterkategorisieren und bewerten wollen. Dagegen argumentiert dieser Film damals, dagegen argumentieren z.B. Chantal Mouffe aus politikwissenschaftlicher oder Thomas Bauer aus philosophischer Perspektive im Jetzt. SALT OF THE EARTH ragt also härter in unsere Gegenwart hinein, als er zunächst vermuten lässt. Der progressive Akt dieses Films besteht auch darin, dass er einen mächtigen Verbündeten imaginiert, die Gewerkschaft, die heute längst der neoliberalen Hegemonie zum Opfer gefallen ist und die noch im gleichen Jahr in ON THE WATERFRONT als eine Gangster-Variante dargestellt wurde.

Es gibt da diese eine hermeneutisch sperrige Parallelmontage: im einen Bild die Frau unter den Schmerzen der baldigen Geburt, im anderen der Arbeiter, der von Polizisten unter Schmerzen gefoltert wird. Diese dialektische Verzahnung ist gar nicht mal so einfach aufzulösen, vielleicht ist es gar unmöglich, vom Nebeneinander der Szene zur Verdichtung des Sinns zu kommen. Einend bleibt nur die Erfahrung des Schmerzes übrig, die als Einsicht zur Verpflichtung dient und Zuversicht generiert. Die politische Macht, so in Abwandlung an Maos Zitat, kommt hier durch die Solidarität zwischen Mann und Frau. Es wäre an der Zeit, dies zu begreifen.