Ready Player One (R: Steven Spielberg, USA 2018) ©warner
Ready Player One (R: Steven Spielberg, USA 2018) ©warner

»Real ist das, wenn man real ist«

eine Kritik von Lucas Curstädt

Das schwarze Loch namens Postmoderne bespielt sich weiterhin mit ach so neunmalklugen popkulturellen Referenzen, dass seine neuste und umwerfendste Kreatur READY PLAYER ONE am Ende gar auf die Idee kommt, einen waschechten, eigenen Gedanken zu formulieren: Nur die Realität ist real. Das ist eines dieser hinreißenden Resultate, wenn sich Beliebigkeit und Selbstgefälligkeit in einem einzigen Hirn paaren und sich an der großen Philosophie probieren: Tautologien werden zu ernstgemeinten Weisheiten des 21. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert bemühte sich übrigens Georg Büchner darum, diese arrogante Einfältigkeit als Kritik an falschen bürgerlichen Werten zu brandmarken. In Woyzeck definiert der Hauptmann seinem Untergebenen gegenüber die Moral wie folgt: „Moral, das ist, wenn man moralisch ist“. Noch ein Schritt zurück in die vergessene Zeit, schmunzelte bereits Sokrates über Hippias Definition der Schönheit: „Ein schönes Mädchen ist schön“, meint dieser. Nun, READY PLAYER ONE kommt in der Tat auf keinen besseren Gedanken und das führt ohne Umwege zurück zur Aufforderung an seinen Zuschauer, der das Denken lieber bleiben lassen soll.

Diesem Ausverkauf des Denkens folgt der der Utopie. Denn natürlich ist READY PLAYER ONE so durchtrieben schizophren, dass er seine Protagonisten einerseits in der Simulation der hochkapitalistischen Welt der Computer-Spiel-80er ihr Glück suchen lässt und jegliche Retromanie unreflektiert sublimiert, andererseits aber im bösen kapitalistischen Strippenzieher Sorrento, der nicht nur das asiatische Gold Farming perfektioniert hat, sondern auch noch das lieb gewonnene Gaming-Interface mit Werbung überziehen will, seinen Antagonisten etabliert. Als gäbe es in der Oasis ein richtiges Leben im falschen.

Ein tatsächliches Außerhalb gibt es in dieser Welt nicht und somit auch nichts, was als politische, gesellschaftliche oder ökonomische Alternative zur trostlosen Gegenwart innerhalb der Container-Landschaften herhalten könnte. Eskapismus ist Flucht nach hinten, behauptet das konservative Weltbild, welches zugleich so tut, als wäre der Sorrento-Neoliberalismus, der uns nun auch noch die Kindheitserinnerungen wegrationalisieren will, der tatsächliche Endgegner. Lars Weisbrod hat in seiner Kritik in der Zeit ganz recht: Keine „Wälder, in denen die Blätter wieder rauschen“, keine „freie Liebe“, kein „menschenfreundlicher Kommunismus“. READY PLAYER ONE zelebriert die Konsumgesellschaft und verleugnet familienfreundlich die Pornographie.

Wie diskrete Pixel lassen sich alle Teile dieser Welt neu kombinieren und in permanenter Wiederholung noch einmal beginnen. Eine tatsächlich neue Welt ist ausgeschlossen, denn die Phantasie seiner Schaffer endet immer an den Bildschirmrändern ihrer Konsolen. Im Film selbst sehen wir Wade Watts übrigens nur zweimal ein Rennen gegen King Kong antreten, dabei muss Watts schon sehr lange in einer Trial-and-Error-Dauerschleife gefangen gewesen sein. READY PLAYER ONE hätte als ernstzunehmender Film eine Murmeltier-Phantasie sein können.

Besondere Schlaumeier, die Gilles Deleuze zum Postmodernisten machen wollen, verweisen gerne auf den französischen Philosophen, wenn es um die Rechtfertigung des Immergleichen geht – wie es Spielberg nun tut: Dass nicht die Wiederholung als solche problematisch sei, weil sich in ihr ja immer eine Differenz zeigen ließe, die dem Bestehenden ein Etwas hinzufügt, heißt es von dort. READY PLAYER ONE aber entspricht nicht der Idee Deleuze, der Film und seine Zitateschlacht befindet sich weder im Werden noch ist dieser Film rhizomatisch. Er ist der Konterpart zum Denken des Werdens, er ist die Gesetzmäßigkeit: Gesetzmäßigkeit, dass ist der Regen, der zu Boden fällt und genau darin erstreckt sich Steven Spielbergs Kino – DIE VERLEGERIN eingeschlossen. Seine Filme fallen herunter in die Kinosäle wie fette Wassertropfen, Trailer arbeiten bereits wie exakt zutreffende Wetterberichte vor und verkünden von dem, was dann auch tatsächlich, Spielbergs Law, eintreten wird. Darin nistet sich harmonisch das selbstverliebte Spielchen mit jenen Games ein, die diese Gesetzmäßigkeiten der unterschiedslosen Wiederholung nicht nur beinhalten, sondern innerhalb der filmischen Form ein weiteres Mal bestätigen. Am Ende werden die getadelt, die immer noch getadelt werden wollen, verspüren solche keine Einschläge, die sowieso nie was merken und ärgern sich jene, die schon vor Kinobesuch sauer waren. Die Überraschungslosigkeit ist das zentrale Merkmal Spielbergs und Konsequenz jener Denkresistenz.

Spielberg ähnelt eigentlich seinem Antagonisten. Wie dieser hat er sich wohl all die Pop- und Spielzitate von der Buchvorlage oder von fleißigen Mitarbeitern durch einen Knopf im Ohr vorsagen lassen und spricht nun zu seinem Publikum. Der höhnende Unterschied ist, dass Watts seinen Gegner selbstverständlich durchschaut, so offensichtlich hinterlistig ist dieses abgekartete Spiel, das sich nur um Geld dreht. Er schlägt das Angebot ab und kämpft stattdessen. Nur für was, fragt sich leider niemand. Dabei ist die Antwort recht einfach. Für nichts.