Palo Alto  (R: Gia Coppola, USA 2013) ©alive
Palo Alto (R: Gia Coppola, USA 2013) ©alive

»Unter der Kuppel«

von Roman Paul Widera

Gia Coppola entwirft einen filmischen Raum, der hermetisch abgeschlossen scheint. Weiße, immergleich aussehende Häuser, der dünnwandige amerikanische Wohlstand, stehen Schulter and Schulter, weit weg von Urbanität, von der Stadt, eigentlich weit weg von allem. Die Jugendlichen, die ins Zentrum der Erzählung gerückt werden, könnten sich nie hinaus aus dieser sanften Hölle des Gleichen verirren und dasselbe gilt für die Kamera (Autumn Durald), die keine Bilder jenseits dieser Vorstadt findet. Als gäbe es schlichtweg kein Außen, das filmbar wäre. Ein Käfig soll eigentlich das Gefährliche einsperren, aber wenn man nicht weiß, wovor man sich fürchtet, dann sperrt man sich lieber selbst ein. So scheint eine gläserne Kuppel über Palo Alto gestülpt, ein Gefängnis zum eigenen Schutz vor – vor was eigentlich?

 

Das weiß niemand, der hier wohnt, auch keiner der Jugendlichen, um die Coppola immer wieder kreist. Da ist April (Emma Roberts), die zwischen einer verbotenen Beziehung zu ihrem Soccer-Coach (James Franco) und einer zaghaften Annäherung an den gleichaltrigen Teddy (Jack Kilmer) hin- und hergerissen ist. Und da ist Emily (Zoe Levin), die nach jedweder Form von Nähe sucht und sie deshalb zu jedem herstellt, der sich ihr anbietet – eine gefährliche Offenheit, die sie dazu verleitet, sich seelisch und sexuell leicht herzugeben, was Fred (Nat Wolff) ohne Zögern ausnutzt. All diese jungen Menschen kennen sich, sie gehören zu den Insassen dieser kalifornischen Vorstadt, die austauschbarer kaum sein könnte. Hier existiert nichts mehr, außer die Suche nach Abwechslung, die sich doch auch der ständigen Wiederholung ergeben muss. Es reiht sich Hausparty an Hausparty (Häuser gibt es hier ja genug), und so richtig weiß niemand, warum man eigentlich noch hingeht. Vielleicht wäre Rebellion gerechtfertigt – aber alle Versuche des jugendlichen Rebellierens scheinen durchgekaut, kanonisiert und längst gebändigt worden zu sein. Außerdem ist dieser Ort ohnehin zu unbedeutend, zu klein, zu scheißegal für eine Revolution.

 

Doch trotzdem lässt sich die Angst unter den Oberflächen dieser Bilderbuchstadt erfühlen. Die Angst vor dem, was bald kommt, nach der High School. Was man nach dem Abschluss vorhat, kann niemand hier beantworten. Statt Aufbruch- herrscht Endzeitstimmung, es wird nicht mehr lange dauern, bis sie alle aus ihrem langweilig gewordenen Paradies verstoßen werden und es vielleicht nie wieder betreten können. Kindheit und Erwachsensein scheinen hier vollständig voneinander getrennt. Emily und April begegnen dieser Angst mit der Suche nach Zuneigung und Akzeptanz, während Fred und Nat sie mit Betäubung kontern wollen. Der eine unterdrückt sie durch das gewissenlose Ausnutzen seiner Mitmenschen, der andere verkriecht sich in der Kinder-Bibliothek, zurück in die Sorglosigkeit, bis auch er herausgerissen wird. Mikrogeschichten, die von diesem limitierten Raum gezwungen werden, sich immer wieder zu überkreuzen. Das erinnert manchmal beinahe an Bret Easton Ellis, der viele Jahre zuvor eine andere Generation der vergeblich Suchenden portraitierte – jedoch erzählte Ellis stets so unterkühlt und betäubt wie es seine Figuren waren. Dagegen begegnet Gia Coppola ihnen tief empathisch und findet noch einen Rest Anmut in der Leere, die sie umgibt und zu schlucken droht.

 

Diese Lebensfetzen summiert die Regisseurin zu keiner großen Erzählung. Statt sie in ein Narrativ zu zwängen, respektiert sie die Unabgeschlossenheit dieser Jugendlichen. Ein Versuch ohne Aussicht auf Ergebnis, der selbst nur noch von Versuchen erzählt, denn das scheint alles zu sein, was den so jungen wie müden Menschen in dieser Stadt noch bleibt. So versuchen sie unentwegt, wenn auch kraftlos, einen Riss in die Kuppel zu schlagen.