Hell Or High Water (R: David Mackenzie, USA 2016) ©paramount
Hell Or High Water (R: David Mackenzie, USA 2016) ©paramount

» Ins sonnengeflutete Abwärts mit dir, Amerika! «

eine Retrospektive von Lucas Curstädt

In einer demographisch alternden, langsam, aber kontinuierlich sterbenden Gesellschaft denken die zwei amerikanischen Brüder Tanner (Ben Foster) und Toby Howard (Chris Pine) gründlich über einen marxistischen Spruch von Berthold Brecht nach: Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? David Mackenzie und sein Drehbuchautor Taylor Sheridan formen diesen Satz um und legen ihn in den Mund eines unbescholtenen Cowboys: „Ich hab gesehen, wie ne Bank ausgeraubt wird, die mich seit 30 Jahren ausraubt.“ Die große Stärke von HELL OR HIGH WATER ist es, dass er die Tragweite und Problematik dieses Satzes ernst nimmt, ohne Agit-Prop zu veranstalten. Dieser Film ist immer noch ein Western.

Zwar sitzen die Brüder auf einer echten Geldquelle, nämlich dem Öl unter ihren Füßen, doch was ist das Land noch wert, wenn auf dem Grundstück eine Hypothek lastet und der Zeitpunkt der Enteignung durch die Bank immer näher rückt? Das ist einer der ironischen Momente dieser Geschichte, wenn sich das Eigenheim als bester Grundversorger entpuppt und damit den Traum vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, vor allem aber vom Land der Prosperität und des Fortschritts noch einmal aufleben lässt. Für einen, wie immer für Amerika, hohen Blutzoll.

 

HELL OR HIGH WATER ist ein bemerkenswerter anachronistischer Film, deren Helden und ihre Taten aus der Zeit gefallen sein mögen, nicht aber ihre Motive. Ein Cowboy in einem Wirtshaus drückt es gegenüber dem Texas Ranger Marcus Hamilton (Jeff Bridges) so aus: „Die Zeiten der Banküberfälle, reines Überleben, Geld ausgeben. Das ist lange vorbei, ganz lange." Doch warum sollte es keine Banküberfälle mehr geben, wenn es doch noch Banken gibt, so die simple Frage, die sich der Film stellt. Kapitalisten enteignen immer noch ihre Lohnarbeiter, bekanntlich unsichtbar und versteckt hinter den steinernen Fassaden ihrer unscheinbaren Bankfilialen. Die Frontier zeichnet sich nun mehr durch globale Bits und Bytes ab, verschlossen hinter Computerschaltern und nicht mehr anhand der geographischen Lage und der Grenzaufteilung durch den Staat. Das ist alles Niemandsland und gehört niemanden, der auch dort lebt, weder den native americans noch jenen puritanischen Siedlern, die diese Generationen zuvor mörderisch enteigneten. Nun, so sagt es der Ranger Alberto Parker zu seinem Kollegen Hamilton, gehöre alles der Bank. Jene Bank, die als eine abstrakte Größe in einer sterbenden Gegend zwar ungreifbar, aber für zwei Brüder nicht unbezwingbar ist.

 

Der Film ist von dieser abjekten, ausweglosen Situation der Tristesse amerikanischer Ödnis bestimmt und beschwört daher erst gar nicht den Mythos um Wildnis und Zivilisation herauf. Dieser Mythos, auch der des amerikanischen Traums, ist von seinem Abziehbild der Reklame okkupiert, jene Kredite oder Aufkäufe versprechende Reklame, die nun statt Leichen den Straßenrand mit bunten Schildern pflastert: doch hinterlässt sie weitaus mehr dead bodies, als es Silence oder Loco in Sergio Corbuccis Schneewestern je vermocht hätten anzusammeln. Diese Leichen sind sichtbare Untote, verborgen hinter den Häusern nicht abbezahlter Hypotheken, wie die der Familie Howard. Einen schleichenden, grausamen Tod sterbend, haben sie das härteste Los des Traums der Vielen in die Hand gedrückt bekommen: Sie sind die 99%.

 

An einen Mythos aber muss sich dieser Western doch halten, nämlich an die Vorstellung, dass Regeneration, also Erneuerung, durch Gewalt gelingt. Diese im Western essenzielle Gewalt bricht auch in HELL OR HIGH WATER immer wieder hervor und wird als rechtssetzende und reinigende Kraft gerechtfertigt. Am Ende wird ein kaum zu registrierender Sieg davongetragen. Dabei ist es nicht das Shoot-Out vor dem Saloon, sondern ein Faxpapier in einer Bank, das für Toby Howard das Blatt zum Guten wendet. Die beiden Brüder sind bis dato keine ehrbaren Räuber oder Verschnitte einer Robin-Hood-Mythologie, sondern Aussätzige oder Verurteilte, die es den Kapitalisten lediglich Auge um Auge, eher Dollarnote um Dollarnote, also im wahrsten Sinne des Wortes heimzahlen, um das Eigenheim zu behalten und damit die Familie, dieses eine letzte und unantastbarste Symbol amerikanischer Ideologie, zu schützen.

 

Die letzte Einstellung reanimiert das Bild des amerikanischen Westerns und zeigt seinem Zuschauer die weite, offene Prärie der Moderne. Kein Cowboy mit seinem Pferd reitet den Weg entlang, sondern ein zu altes Auto, welches zu viel Staub aufwirbelt. Doch dann sackt die Kamera plötzlich aus ihrer erhabene Position ab und bewegt sich hinunter bis zur Grasnarbe, zu jenem Boden, der all die Begrabenen und all die zu Begrabenen beherbergt. Der gleiche Boden, der auch die schwarzen Schätze bereithält, von denen die Familie Howard zehren wird. Der gleiche Boden, der auch das vergossene Blut all jener toten Männer versickern lässt, die auf dem Weg der Howard-Brüder ihr Leben ließen. Eine letzte Kamerafahrt, ein Abstieg aus der sublimen, aber klassischen Position des Bildes in sein Hier und Jetzt, verdeutlicht die Bewegung des Films: Ins sonnengeflutete Abwärts mit dir, Amerika!