Die Verlegerin (The Post, R: Steven Spielberg, USA 2017) ©universal
Die Verlegerin (The Post, R: Steven Spielberg, USA 2017) ©universal

»Wo sind all die Kinderaugen hin?«

 

Was kann ein Film wie THE POST noch über sich enthüllen, der dank Vermarktung und Aufmachung bereits alles über sich verraten hat? Eines. Nämlich unbedacht offenzulegen, warum solche Heldengeschichten im Journalismus immer mehr der Vergangenheit und damit dem Kino angehören.

eine Kritik von Lucas Curstädt

Spielbergs Zeitungsdrama ist selbstredend eines über Verfassungspatrioten. Hier kämpfen solche gegen Gauner wie Nixon, wie sie gegenwärtig mit ihren inoffiziellen Nachfolgern John Oliver und Stephen Colbert gegen den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten anstehen und einstehen würden. Diese Notiz ist geschenkt, sie müsste in jedem Presse- und Klapptext stehen. Denn auch wenn der Film überraschend auf das Postulat der wahren Geschichte im Vorspann verzichtet, der seinen wahren Kern redundant untermauern und die ins Jetzt ragende Dimension seiner Geschichte nochmals unterstreichen würde, weiß jeder Zuschauer was Spielberg von sich und von ihm will – und natürlich wie sein Film endet. THE POST ist nicht mehr als ein zweistündiges Showlaufen der Guten in einer Welt, die nur aus der Entfernung so fabelhaft einfach, aufgeteilt und abgeschlossen wirken kann, aber niemals war. Spielbergs Film ist das zu erwartende Märchen, eine Ode an die freie Presse und damit Zeitungskitsch. Film operiert hier als Zeitkapsel, als warme und tröstende Umarmung für all die angeschlagenen und bestürzten Liberal-Demokraten, die ihr Schlamassel des 21. Jahrhunderts immer noch nicht begreifen können und im Reflex nur nach hinten blicken wollen.

Genau das ist THE POST: Ein Blick gen Vergangenheit. Nostalgisch natürlich, durch den digitalen Weichzeichner auf Gestern getrimmt und dabei so exzellent schlecht, dass jene These, die behauptet, jede Form gesellschaftlichen Gedächtnisses würde irgendwann (wenn nicht längst) durch ein mediales okkupiert und dann restlos ersetzt werden, mit weiteren Ausrufezeichen versehen werden muss: Notorisch uniform und klischeehaft bekannt klingen die immer gleichen Musikreferenzen, wenn Kampfhubschrauber und amerikanische Soldaten im Dschungel Vietnams kämpfen und sterben. Wie geleckt sind die Bilder strahlender Karosserien in bunten Farben inmitten Washingtons, nobel und ehrfürchtig die Pressegebäude, die wie Paläste der Demokratie wirken sollen. Spielberg versucht zu keiner Sekunde eine eigene Version der 60er und 70er Jahre durch Bewegtbild und Ton zu kreieren, er versucht auch nicht mal auf ein Originäres zu rekurrieren, er vertraut schlicht auf jenes mediale Bild, welches von der Presse seit ALL THE PRESIDENT’S MEN und vom Krieg seit APOKALYPSE NOW in allen Köpfen schwirrt und fest verankert ist. Coppolas Aussage, dass sein Film keiner über Vietnam sei, sondern Vietnam, erhält eine weitere spätere Bestätigung.

Beinahe berührend, wenn auch nicht so ins Auge stechend, sind Spielbergs Bemühungen, das Analoge und das Materialistische des vergangenen Zeitungswesens in das Blickfeld zu rücken. Die »Schreibmaschine« eines Journalisten zwischen unzähligen Maschinengewehren als Symbol der freien Presse, der permanente Fokus auf Notizblock und Schreibtisch, das Umherjagen von Boten und Praktikanten, die wichtige Mittelungen überbringen, Münztelefone und Wahlscheiben und natürlich die Druckerei, die die Wahrheit auf Papier druckt. In dieser Hinsicht ist der Film dekadent und fetischisiert. Er ist eine filmische Lobpreisung auf eine vergangene Periode und mit der Irrung versehen, dass all die Qualität der Journalisten heute noch genauso zählt und sich genauso bezahlt macht. In dieser Hinsicht ist der Film eskapistisch. Er verkündet die Hoffnung, dass die alten Schwerter der Presse auch heute noch scharf sind.

An dieser Stelle schneidet sich Spielberg gründlich ins eigene Fleisch. Er etabliert einen beiläufigen Handlungsstrang, der das Börsenvorhaben des Familienunternehmens um Katharine Grahams Zeitung ins Zentrum rückt. Dieser mag nur im Hintergrund eine Rolle spielen, gerade so, dass die Gewichtung der dramatischen Entscheidung erhöht wird, doch wieder einmal sollte sich die Frage gestellt werden, welche Geschichten in einem Film erzählt und welche ausgespart bleiben. Was bedeutet ein Börsengang für eine Zeitung, welche Konsequenzen hat das für den Journalismus? Was heißt es, Profitinteressen untergeordnet zu sein, was heißt es, ein Segment in einem neoliberalen Multi-Media-Konzern mit heterogenen Anlegerinteressen zu sein, für die Journalismus nur eine Sparte ist, die im besten Fall keinen Verlust generiert? Fragen, die Journalisten heute am liebsten selbst beantworten und damit ihre eigene Prekarisierung analysieren. Spielberg interessiert das alles wenig, er will nur Pipi in den Augen produzieren. Dennoch wirft er diese Frage inmitten jener aristokratischen Räume reicher Menschen auf, in denen der Film hauptsächlich spielt und in der die häufigste Bewegung die der schließenden Tür ist. Sinnbildlich für die jetzige Wahrnehmung der Politik.

Versucht Spielberg auch mit einer feministischen Ummantelung seiner Hauptfigur und sehr vielen weiblichen Statistinnen die Sache mit der Börse und dem Kapitalismus zu vertuschen: Er beweist, dass auch im neoklassischen Hollywood der entlarvende Moment hervorbricht, welcher das Kartenhaus in sich einstürzen lässt. In seiner Simplizität hat die Regie-Legende so ein Journalistendrama für Kinderaugen gedreht. Nur dass es diese Kinderaugen heute gar nicht mehr gibt.