BlacKkKlansman (R: Spike Lee, USA 2018) ©universal
BlacKkKlansman (R: Spike Lee, USA 2018) ©universal

»Griffiths langer Schatten«

eine Kritik von Lucas Curstädt

Ein schwarzer Polizist infiltriert erfolgreich den Ku-Klux-Klan. Aus dieser moralisch wie politisch simplen Ausgangssituation – hier die Guten, dort die Rassisten – evoziert Regisseur Spike Lee nicht mehr als Witzchen über Nazis, die jedes Publikum aufheitern müssen und dahingehend einen bogenspannenden Konsens, der lediglich stupide ist. Denn was ist blöder, als ein dumm-braves Mitglied des Ku-Klux-Klans vorzuführen? Als bestände eine Schwierigkeit darin, diesen in seinen Ansichten und Taten als verabscheuungswürdig darzustellen. Als wäre nur ein Problem benannt, wenn sich das Publikum über ein Südstaatler-Ehepaar empört, welches im Bett darüber feixt, dass sie endlich Schwarze umbringen werden. Humor darf gerne auch in den eigenen Reihen wehtun und diese nicht nur geschlossen halten. Doch genau dies wird praktiziert: BLACKKKLANSMAN schirmt ab, das liebste liberale Instrumente zur Lösung von eigens geschaffenen, gesellschaftlichen Problemen.

Dieser Film ist also politisch gesehen langweilig, zudem versucht er aus seiner historischen Perspektive heraus eine platte Mahnung vor der Trump-Administration und seinem Wahlvolk auszusprechen. Als wäre wiederum das so schwer. Doch genau dies ist das Problem. Lee beteiligt sich am Betroffenheits- und Überlegenheitshumor, den die amerikanischen Late-Night-Moderatoren so schön betreiben. BLACKKKLANSMAN ist also politisch erst eskapistisch und dann mit dem dokumentarisch aufbereiteten Epilog um die Herausstellung der großen gesellschaftlichen Relevanz um Schadensbegrenzung bemüht. Der Zuschauer muss nach den vielen Telefonstreichen ähnlich nachsitzen, wie die Fiktion seine Lektion durch das Dokumentarische erhält, ein Scheitern, welches sich auf kinematographischer Ebene vollzieht: Lee traut seinen eigenen Bildern nicht über den Weg. Er traut eher dem Horror von Charlottesville und Mr. Trumps Worten.

Damit zieht Lee eindeutige Frontlinien und erinnert darin eher unerwünscht an einen Pionier des Bewegtbildes: David W. Griffith. Denn zwischen dessen Film A BIRTH OF A NATION und BLACKKKLANSMAN herrscht eine merkwürdige Montageverwandtschaft, weil sich Lee nicht von Griffith abhebt, sondern vielmehr in dessen kinematographischen Schatten steht, Griffith inhaltlich spiegelnd. Um diese These zu unterstreichen, lohnt sich ein Blick auf Sergei Eisensteins Text »Dickens, Griffith und wir«, in welchem er dem amerikanischen Regisseur den Vorwurf macht, mit seinen Montagepraktiken wie der Parallelmontage nicht dorthin zu gehen, wohin es den sowjetischen Regisseur drängt: nämlich zur dialektischen Auflösung der Gegensätze, zur Erzeugung neuer politischer und historischer Ebenen, die das Bewusstsein des Zuschauers so umpflügen, wie einen noch nicht bestellten Acker. Bei Griffith werden die historischen Duelle dagegen durch göttliche Instanzen oder „das Gute“ beseitigt und nicht durch Revolution. Griffiths Parallelmontagen sind nicht mehr als organische Verteilungen, das Gute hier, das Böse dort, beide miteinander verstrickt, doch an den Ursachen dieser gewalttätigen Verzahnung ändert sich nichts, weil sie einem natürlichen (Gott gewollten) Ursprung entstammen. „Griffith hat eben nicht die dialektische Natur des Organismus und seines Aufbaus gesehen“ (1), schreibt Gilles Deleuze folgerichtig. Griffiths Vorstellung von Historie und Geschichtsschreibung belässt Unterdrückte und Unterdrücker einfach in ihrem Dasein.

Auf Ebene der Montage imitiert Lee das Prinzip der einzelnen Ensembles, hier das Treffen der Klans, dort die Proteste der Black-Power-Bewegung, beide natürliche Bestandteile einer historisch gewachsenen Totalität, deren gemeinsamer Boden, der Kapitalismus, unberührt bleibt. Am Ende ein großer Knall, der Griffith’sche Effekt des Spektakels, der ein ethisches Bild produziert. Dieses klassifiziert Deleuze bei Griffith als jenes, welches über Gut und Böse, richtig und falsch entscheidet. BLACKKKLANSMAN produziert ein doppeltes ethisches Bild, einerseits das zuckersüße, Hollywood konfektionierte Bild der späten Gerechtigkeit: Der eine (!) rassistische und bis dahin immer vom System gedeckte Polizist wird durch vereinte Kräfte überführt, im Nebensatz dann zur Verschwiegenheit über die ganze Angelegenheit gebeten. Darin schließt das zweite ethische Bild an, nämlich der bereits erwähnte Bezug zur aktuellen Innenpolitik in Amerika als mahnender Zeigefinger. Doch Lee’s Film mahnt nur dort, wo bereits tausend Finger gestreckt sind und das mit einer Selbstzufriedenheit, die wie so viele andere (Griffith eingeschlossen) den Bogen spannt, aber nicht den Mut hat auch mal einen Pfeil abzufeuern (2), weil er in die eigene Richtung fliegen könnte.

Wenn sich am Ende des Films die Rassisten selbst in die Luft sprengen, darf gefragt werden, ob bei einer der Kinovorführungen in den USA, in der Schwarze gezielt unter sich bleiben (blackexperience), die Zuschauer im Moment jener Explosion genauso frenetisch jubeln, wie die Mitglieder des Ku-Klux-Klans im Film, wenn sie das Ende von Griffiths A BIRTH OF A NATION beklatschen. Genau das wäre der lange Schatten Griffiths, den Lee nicht kommen sieht.

Anmerkungen

(1) Deleuze, Das Bewegungs-Bild: Kino 1, S. 54 (2) Vgl. ebd. S. 57