Robert Hofmann in seinem Video »BRIGHT Kritik Review« (2017)  ©youtube
Robert Hofmann in seinem Video »BRIGHT Kritik Review« (2017) ©youtube

»Wuschelkopf ohne Distanz«

Philipp Bovermanns Feuilleton-Artikel „Wuschelkopf mit Mission“ über den YouTuber Robert Hofmann führt vor Augen, wie munter und hip Nägel auf den Sarg der Filmkritik geklopft werden können.

 

Ein Kommentar von Lucas Curstädt

Anfang der 40er Jahre probierte sich David O. Selznick an einer Neulancierung des Kassenschlagers GONE WITH THE WIND, musste dazu aber einem »Mentalitätsproblem« des Publikums entgegenwirken, welches zu jener Zeit stetig das Neue einforderte und ein zweifaches Sehen eines Films als dumm und kindisch abtat. Sein Trick: Eine Werbekampagne mit einem Zitat des damals bekannten Filmkritikers Bosley Crowther: „Bosley Crowther of the New York Times says you haven’t seen GONE WITH THE WIND unless you see it at least twice.“ [1] Dieses Zitat, mit all seiner patriarchalischen Gebotshaftigkeit, sollte den Zuschauer zu einem Umdenken bewegen und ihn wieder ins Kino locken. Es klappte. Doch diese Anekdote lässt noch mehr erahnen, wirkt sie doch beispielhaft für das ehemalige Ansehen des Kritikers. Dabei muss man dem nicht hinterher trauern.

 

Denn im 21. Jahrhundert hat sich diese Form der kulturellen Autorität von Personen hin zu Zahlen verschoben, sie ist selbstverständlich nicht, wie im postideologischen Zeitalter angenommen, verschwunden. Mit Zahlen sind in aller erster Linie jene unzähligen Portale gemeint, deren Ratings mittlerweile wie verbindliche Sehempfehlungen fungieren. Wenn ein neuer Blockbuster in der ersten Startwoche keine ausgezeichnete Bewertung hat (oder gar im Box Office durchfällt – auch nicht mehr als eine Zahl mit vielen Nullen) kann der Film, so die sich immer stärker etablierende Meinung, kaum was taugen. Filme unter 6,0 bei der IMDb sind quasi ungenießbar. Vor kurzer Zeit hat sich Martin Scorsese dazu kritisch geäußert. Er konstatiert: „(…) criticism written by passionately engaged people with actual knowledge of film history has gradually faded from the scene (…)“

 

Diese Entwicklung muss man kritisch sehen. Nicht nur, weil Schwarmintelligenz meist eher Schwarmblödheit bedeutet, sondern weil in einem eindimensional errechneten Zahlenwert kaum Aussagekraft über die mehrdimensionale Qualität eines Kunstwerks liegen kann. Die Skala suggeriert allemal das trügerische Gefühl von erhoffter Objektivität, mehr ist ihr nicht zu entnehmen. Doch die Beliebtheit dieser ist genug Beweis für ihren Wert. Dass aber die demokratische Utopie von der permanenten Partizipation längst zu einem klassischen kapitalistischen Machtfaktor geworden ist und damit wieder zu Crowther in neuer Gestalt zurückführt, vergisst man schnell. Doch was macht derweil eigentlich der Filmkritiker?

 

Den scheint es noch zu geben. Er verlagert sich nur immer stärker auf Medien der Rede. So wie Robert Hofmann, „der wahrscheinlich bekannteste deutsche Filmkritiker“, wie es Philipp Bovermann in seinem Artikel über ihn schreibt. Hofmann hat seine Autorität auf anderem Wege generiert und zwar indem er Autorität ablehne: „Aus ihm spricht der heitere, gewissermaßen olympische Gleichmut“, schreibt der Autor da und betont, dass bei Hofmann eben kein roter Teppich für B-Promis ausgerollt wird, wenn er zum Screening nach Berlin einlädt. Das Erfolgsrezept: Er mache das a) alles für die Fans und b) weil er einfach den Film so liebe. Alles ganz nah, ganz persönlich, und seine Videos seien, “als tauche man ein in einen (…) Video-Stream of Consciousness sozusagen.“ Diese Wohlfühlduselei des Autors, dem beim Anblick des nerdigen Lockenkopf scheinbar jede kritische Distanz abhandengekommen ist, endet mit der Frage, ob Hofmann ernst genommen werden sollte. Die lapidare Antwort: „Na klar“. Als wäre das nicht allein aufgrund seiner Reichweite selbstverständlich. Doch Ernstnehmen kann und darf sich nicht darauf beschränken, auf die möglichen Geldquellen und damit Abhängigkeiten des YouTubers hinzuweisen – eine dieser beliebten notorischen Reflexfragen der Journalisten, wenn es um die eifrigen Content-Erzeuger Googles geht – sondern darum, Hofmann kulturdiagnostisch als Sinnbild der Filmkritik im 21. Jahrhundert zu begreifen.

 

Bovermann kommt da eigentlich auf ein solides Ergebnis, aber weiter interessieren tut er sich dafür nicht. Was macht denn Hofmann nun so massentauglich? Seine Videos sind Zielgruppen spezifische Empfehlungsschreiben, beliebig, abwaschbar, weil an alles und jeden im jeweiligen Kontext des jeweiligen Films angepasst wird. Das geht dann so: Wer Tanzfilme wie STEP UP liebt, wird eben auch diesen neuen Tanzfilm mögen. Wer keine Tanzfilme mag, wird auch damit nichts anfangen können. Unglaubliche Erkenntnisse. Hofmann nennt das dann Einordnung und beweist damit nicht mehr, als dass es ihm nicht um den Film, sondern um das Publikum geht. Stichwort Reichweite.

Hauptsächlich sind Hofmanns Videos subjektivistisch, sie leben vom großgeschriebenen ICH und dieses ICH ist ekstatisch normal. Seine Videos sind gemacht „für Leute wie ihn, die er mit seinem Normalo-Körper und seinem Normalo-Hochgeschwindigkeitsgeplauder repräsentiert“, beschreibt Bovermann. Als wollten seine Zuschauer so durchschnittlich sein wie die Skalen auf Rotten Tomatoes. Dadurch lässt sich aber seine Kritik für oder gegen einen Film auf keine Verhandlungsbasis stellen, denn im Zweifelsfall wird sich in den sicheren und unumstößlichen Kokon der „eigenen Meinung“ zurückgezogen: Alles Geschmacksache, so die Devise der Entschuldigungsrede und damit gottgleiche Unfehlbarkeitsformel eben jenes Subjektivismus, der mittlerweile in allen gesellschaftlichen Sphären vorstellig wird. Autoritätsgehabe, Hierarchie und Stellung, wie es vielleicht der frühere Kritiker innehatte, sind dabei nicht verschwunden, sondern haben sich lediglich partikularisiert. Aus der Asche dieser postmodernen Entwicklung ragen dann solche Kritiker wie Hofmann hervor, bedient durch die digitalen Medien. Sein Gequassel ist dann natürlich so geschwätzig, wie das alltägliche Zuggespräch, das Mittagessen in der Mensa oder der Weg zum Kino – und genau das will das Publikum: Flache (im Sinne der Hierarchie wie des Niveaus) schnelle, verdauliche, bekannte, nach einfachen Konfektionsgrößen funktionierende Einordnungen. So wie sie der Kumpel machen könnte. Oder bald Alexa.

 

Seine „Einordnungen“ haben so keinen Tauschwert, treten für nichts ein, springen für nichts und niemanden in die Bresche, weil nach seiner Denkweise auch kein Film wirklich schlecht sein kann. Als müsste es auch schlechte Filme für schlechte Menschen geben. Nobilitiert wird diese Liberalisierung der Kritik dann mit dem Verweis, dass Film am Ende des Tages dann doch nicht so wichtig wäre, als dass man sich darüber wirklich streiten sollte. Daher hätte der Film auch keinen Anspruch auf eine tiefergehende (ideologiekritischere!) Durchdringung und bliebe nicht mehr als Unterhaltung. Diese Engstirnigkeit ist fast so beachtlich, wie die Tatsache, dass Hofmann wohl noch nie eine Kritik von Siegfried Kracauer oder Béla Balázs gelesen hat. Dazu passt, dass sein Autor Bovermann den Begriff „Kritik“ nicht einmal im Ansatz reflektiert. Das aber passt wiederum zu seiner sich vollziehenden Abschaffung.

 

Wie ein prophylaktischer Verteidigungsgesuch gegen mögliche Kritik erscheint es abschließend, wenn Bovermann im Mittelteil seines Artikels Wolfgang M. Schmitt Jr. als Gegenprobe heranzieht, einer jener bösen Großkritiker-Typen, wie es wohl mal Bosley Crowther einer war. Hört man Schmitt Jr. übrigens einmal genauer zu und lässt sich nicht allzu sehr von seinem Äußerlichen provozieren (Wolfgang, lass dir Locken wachsen!) fällt folgende Aussage auf: „Ohne Distanz gibt es keine Kritik“.

 

Genau diese Distanz wahrt Hofmann als selbstgerechter Nerd so wenig zum Film, wie sie Bovermann zu Hofmann wahrt. Und genau das ist das Problem.

Anmerkungen

[1] Memo von David O. Selznick an Si Seadler, 20. April 1942, Selznick Archive, Box 182, Folder 10

 

Weiterführend

Vinzenz Hediger, Rituale des Wiedersehens. Der Kinofilm im Zeitalter seiner Verfügbarkeit im Kino, In: REC - Video als mediales Phänomen, Ralf Adelmann, Hilde Hoffmann, Rolf F. Nohr (hrsg.), Weimar 2002

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