American Honey (R: Andrea Arnold, USA 2016) ©universal
American Honey (R: Andrea Arnold, USA 2016) ©universal

»We found love in a hopeless place«

ein Text von Roman Paul Widera

Moment folgt auf Moment in AMERICAN HONEY. Geschichten haben Roadmovies ohnehin nie gebraucht. Der Weg ist das Ziel. Es ist nie sicher, wo bei dieser kinematographischen Suchbewegung die richtige Betonung liegen müsste, auf der Bewegung oder der Suche – und ob eines das andere überhaupt bedingen muss.

In eine seltsame Gruppierung gerät die mittellose Star (Sasha Lane), als sie sich in den charismatischen Jake (Shia LaBoeuf) verguckt. Ein Kollektiv aus white trash Außenseitern, jeder von ihnen an irgendeinem Haltepunkt im Unterwegs sein aufgelesen. Der Bus, in dem sie durch die USA reisen, könnte auch der berühmte, mit Blumen bemalte VW-Bulli sein. Die kaputten Straßen wurden seit Kerouac nicht repariert, das Blut von Wyatt und Billy muss mittlerweile getrocknet sein. Ikonographische Reste, die sich aufdrängen, ohne tatsächlich da zu sein. Immer wenn sich eine Gruppe Verlorener auf den Weg ohne Endstation macht, schreiben sie sich gezwungenermaßen in diese amerikanische Gegen-Geschichte ein, befahren denselben Asphalt, auf dem schon vor fast 50 Jahren begonnen wurde nach „Amerika“ zu suchen, ohne dass es je auffindbar sein könnte.

 

Schon damals diktierte die Musik das Lebensgefühl in Liedern, aus denen mittlerweile jegliche counter culture gewichen ist. Rock’n’Roll is dead. Das letzte Echo, das letzte bisschen american heartland bleibt Bruce Springsteen, dessen Lied Star an einer Stelle wiedererkennt, ohne zu wissen woher. So tief sich diese Musik in ihr Unterbewusstsein gefressen hat, so wenig entspricht sie ihrer Realität. Als sie diesen Song hört – "Dream Baby Dream" – bricht sie für wenige Minuten aus. Ganz kurz fährt sie eine andere Route, in einem anderen Fahrzeug als bisher, durch ein anderes Amerika, von dem sie bald danach bemerken muss, dass es nicht mehr existiert. Also zurück in den Bus und damit auch zurück ins Jetzt. Auch hier diktiert die Musik. Rap bildet den Soundtrack von American Honey, den Soundtrack des 21. Jahrhunderts. Rags to riches. Blowin’ money faster. Make money, get turnt. Ein neues Narrativ. Geld mag nicht der Traum sein, aber es kann ihn kaufen. Der Kommunen-Charakter der Gruppe, die Aussteiger-Mentalität, die ziellosen Fahrten auf endlosen Highways – oberflächlich scheint über all dem die Idee von Freiheit zu schweben, aber bereits die Musik kündigt die irritierende Verdrehung in dieser Ikonographie an: Denn am Ende des Tages geht es hier nicht um Freiheit, sondern in erster Linie um Geld.

Nach wenigen Kilometern auf der Reise stellt sich bereits heraus, wie diese Gruppierung – eine mag crew, die von Tür zu Tür geht und Magazin-Abonnements verkauft – tatsächlich funktioniert. Dieses Unternehmen besitzt Hierarchien wie jedes andere, es geht darum Verkäufe abzuschließen und möglichst schnell, möglichst leicht, viele Dollar zu verdienen. Jeder hat seinen persönlichen Score, der sich simpel aus dem innerhalb der letzten sieben Tage angehäuften Geld zusammensetzt. Das schwächste Glied in der Verkäufer-Kette wird am Ende jeder Woche verprügelt, zum einen um die Motivation zu steigern, zum anderen – das behaupten einige der Gruppenmitglieder – um mal Dampf abzulassen nach der harten Arbeitswoche. Das ist gar nicht weit weg von genau der geldgeilen Mentalität gegen die vielleicht irgendwann einmal rebelliert wurde und entzaubert harsch jedes Aussteigertum. Wenn Crystal (Riley Keough), Chefin der Organisation, die Jugendlichen in das Verkaufsterrain des Tages fährt und dort absetzt, erklärt sie ihnen davor wie sie sich gegenüber den Anwohnern zu verhalten haben, um Verkäufe abzuschließen. Marktforschung. Signifikant unterscheiden sich diese Märkte aber nicht, entweder haben die Anwohner im wohl-situierten Suburb Mitleid, weil es ihnen selbst besser geht, oder aber die Anwohner im ärmlichen Viertel haben Mitleid, weil es ihnen genauso schlecht geht wie den Verkäufern – bezahlen sollen beide. Nach einer solchen Ansage folgt eine kurze Acapella-Session, die klingt als käme sie aus den Umkleideräumen der NFL. Wenn Crystal auf diese Weise ihre Angestellten anheizt, mutet sie wie eine schäbigere Version von Jordan Belfort an, der seine Broker vor den Verkaufsgesprächen nochmal richtig aufgeilt – mit dem Unterschied, dass der seine Mitarbeiter damals tatsächlich reich gemacht hat. Und genauso wie auf der Wall Street verkaufen die Jugendlichen nutzloses Zeug, haben lediglich das Problem, dass in ihrem Fall die Käufer auch um die Nutzlosigkeit von Zeitschriftenabonnements wissen. Um das Produkt geht es auch nicht, das wissen alle und wer es dennoch an den Mann bringt, der steigt in der Gunst der Chefin. Wenn die desinteressierten Passanten sagen „Ich lese keine Magazine mehr.“, antworten die Verkäufer „Sie müssen sie ja nicht lesen, nur kaufen.“ und haben manchmal Glück.

Andrea Arnold registriert diese Absurditäten und Missstände. Dieses Amerika ist zu gleichen Maßen erschreckend wie faszinierend, und mit diesem ambivalenten Blick schaut auch die Kamera auf die Menschen, die sie aufzeichnet – und findet so ein eigenständiges ästhetisches Programm. Es ist ein stets neugieriger und nervöser Blick auf dieses Land. Ein Blick, der von der dort gefundenen Grausamkeit regelmäßig erschüttert wird und es gleichsam schafft – immer wieder und gegen jede Erwartung – Schönheit darin zu finden. Und auch ein Blick, dessen Unvoreingenommenheit sich den Figuren in den Bildern anpasst. Mehrfach fällt unter den Teenagern der Satz „Das habe ich noch nie gesehen.“, sogar vor der völlig austauschbaren Skyline von Kansas City, von der es in jeder größeren Stadt genau so eine noch einmal gibt. Keine erkaltete Abgeklärtheit, keine Distanz vor den Überwältigungen, die diese Landschaften, Städte, Autobahnkreuze bereithalten, zumindest für jene, die sie zum ersten Mal sehen. Das ist die besondere Qualität der Kamera in American Honey: Sie agiert jugendlich.

Ausgerechnet ein Rihanna-Song entpuppt sich als Schlüssel-Element für diesen Film. Bezeichnenderweise ertönt er zum ersten Mal in einem riesigen Supermarkt, genau dort, wo Songs normalerweise erst landen, wenn sie bereits totgespielt wurden. Dieses Lied markiert den Moment, in dem für Star klar wird, dass sie nicht mehr dort bleiben wird, wo sie jetzt ist, dass sie mit Jake und den Anderen mitgehen wird. Später wird der Song ein weiteres Mal spielen, an einem der glücklichsten, wenngleich kürzesten Momente des Filmes. „We found love in a hopeless place“, eine Textzeile, die scheinbar von der Popmaschinerie zusammengesetzt wurde, kann für die Figuren in diesem Film plötzlich Bedeutung stiften, auch wenn es dabei, wie bei allen Szenen des Filmes, nur bei flüchtigen Momenten bleibt. Doch nimmt man diese Zeile Rihannas exakt so wie sie geschrieben ist, dann formuliert sie nochmals das ästhetische Programm von American Honey, nämlich mehr in den Bildern zu finden (zu sehen), als das offensichtliche Hoffnungslose.

Um das zu sehen, braucht die Kamera die Nähe. Der Schauplatz, diese elendig flache, unsagbar weite Landschaft des mittleren Westens, ist stets ausgedehnt. So beengt das nahezu quadratische 1.37:1 Bildformat erscheint, so maßlos sind die Räume, die darin kadriert werden. Die viel zu großen Parkplatze mit ihrem aufgerissenen Asphalt, die ewige Graslandschaft, die sich links und rechts von der Straße weiter erstreckt, als die Brennweite des Objektivs sichtbar machen kann, das alles wird durchkreuzt von dieser immensen Nähe, die die Kamera zu ihren Figuren, besonders zu Star sucht. Je intimer der Moment, desto stärker verringert sie den Abstand zu ihrem Gesicht, durchdringt den Luftpanzer, der sie umgibt, und schafft es trotzdem selten, sie in ihrem Rahmensystem festzuhalten, zu domestizieren.

 

Während sich dieses Nicht-Festhalten-Können der Figuren durch die Kamera ästhetisch formuliert, konstituiert es auch Stars wesentlichen Charakterzug und jenen, der sie schließlich doch vom Rest der Gruppe absondern wird. Jakes verlogene Verkaufstaktiken will sie nicht anwenden, ebenso weigert sie sich, dem hierarchischen Gefüge von Crystal mit seinen einschnürenden Vorschriften zu gehorchen, und die gesamte Verkauf-um-jeden-Preis-Mentalität der Gruppe bleibt ihr bis zum Ende fremd. Selbst unter den Aussenseitern scheint Star Aussenseiter zu sein. Als sie bei der kurzen Fahrt durch ein anderes Amerika nach ihren Zukunftswünschen gefragt wird, ist die Antwort simpel und sehr amerikanisch: Eigentlich will sie nur eine einfache Bleibe, umgeben von Bäumen. Hier zeigt sich, dass sich das filmische Unterwegs sein, so sehr es sich immer wieder revisionieren und aktualisieren lässt, doch immer noch an einem sehr konkreten, sehr alten mythischen Kern hängt: Seit jeher vermittelt uns die unendlich scheinende Weite Nordamerikas den Eindruck, dass hier jeder seinen Platz finden kann. Ob das auch Jetzt so ist und ob Star ihren Platz finden kann, kann uns die Kamera nicht verraten. Aber sie hat am Schluss die Güte, sich in einem Moment von ihr zu trennen, in dem es zumindest so scheint, als wäre es möglich.

 

Weiterführend: American Honey 5000 Kritik

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