Der Smalltalkopener „Und, welche Serie schaust du gerade“ mag sich im Sprachgebrauch verselbstständigt haben und öffnet Türen in die Psyche des Gegenübers. Ich aber schweige bei der Frage und lächle. Denn ich schaue keine Serien.

 

von Lucas Curstädt

Wenn es um die Qualitäten von Serien geht, reden alle von komplexen Erzählstrukturen und vertrackten Handlungssträngen und das alles sehr genial sei. Doch niemand mag mir erklären, was es mit dieser sagenumwobenen Komplexität eigentlich auf sich hat, was das eigentlich heißen soll. Selbst in einem Seminar zur europäischen Serie fand ich keine Antwort. Vielleicht, weil wir es beim Begriff der Komplexität im Bereich der Kulturgüter (und nicht der Systemtheorie) und in der Verwendung im Alltag mit einer ideologischen Leerstelle zu tun haben, wie es Slavoj Zizek ausdrücken würde: Mit einem Container, der uns eine unendliche Bedeutungsfülle eröffnet und in die jeder etwas hineindenken kann, ohne sich durch denken zu müssen.
Wir können alle mit dem Begriff etwas anfangen, jeder hat irgendeine Idee von Komplexität. Ich zum Beispiel denke da gerne an ein Cluster von sich übereinander und ineinander verwobenen, intellektuellen Schichten oder an ein schlüssiges System, welches es in der Tiefe, Länge und Dauer zu erfahren gilt. Wenn es aber zum eigentlichen Gespräch über Serien und Komplexität kommt, halten wir uns an eine Art Schweigegelübde, reden bezüglich der Details freundlich aneinander vorbei oder begnügen uns mit der letzten großen Wendung in Staffel X. Dann meinen wir dann doch ähnliches, um das gute Gefühl des gemeinsamem Interesses nicht zu zerstören. Versucht man aber einmal den Begriff der Komplexität zu erklären ohne tautologisch zu werden, stößt man schnell an die Grenzen seines Alltagswissen. Man ist geneigt zu sagen: Der Begriff Komplexität ist einfach zu komplex. Oder anders ausgedrückt: Wie bringen wir Signifikat und Signifikant zusammen, wenn es denn welche gibt? Meint der Begriff eben nicht irgendetwas mit verwoben und verflochten? Irgendwie so. Der Wikipedia-Eintrag hilft da überhaupt nicht weiter. Was schreibe ich jetzt in meiner Hausarbeit in American Studies zu American Horror Story?

Im alltäglichen Gebrauch des Wortes und im Bezug auf Serien dient der Begriff, wie es Theodor W. Adorno sagen würde, zur Sublimation, also zur Veredlung eines an sich nicht besonderen Umstands. Serien waren mal vor langer Zeit als banale Fernsehunterhaltung verpöhnt, da mussten Begrifflichkeiten her, die das Gegenteil bewiesen (u.a. Quality-TV). Komplexität ist so zu einen Verteidigungsbegriff geworden, ein Schlagwort, das gut klingt und den Verwender sprachlich in höhere intellektuelle Ebenen hieven soll, von denen er nicht einmal weiß, dass sie wirklich da draußen existieren. Es ist ein Schutzmechanismus, wenn irgendjemand behauptet, dass Serien doch nicht die besseren Filme seien, weil Serien und Filme eben Serien und Filme sind. Wenn etwas komplex ist, so die Regel, muss es auch hochwertig sein. Dabei könnten ja auch Gebrauchsgegenstände komplex sein. Jeder, der mir nun über den Mund fahren will, weil ich Gebrauchsgegenstand und Serie in einem Absatz verwendet habe, sollte sich fragen, ob ihm nicht bereits der Komplexitätsbegriff auf der Zunge liegt.
Weil die Serie so belieb(t)ig bzw. weil es für alles und jeden eine passende Serie gibt, kann jeder mitreden, jeder etwas zur Charakterentwicklung sagen, jeder kann sich als Fachmann profilieren und der aller Beste sein. Jeder kann dem anderen sagen, wie genial und toll doch diese eine neue Serie ist, die alle gesehen haben sollten. Das ist eine Funktionsweise von Ideologie: Sie ist subliminal, sie schluckt ihren eigenen Widerspruch und sie fühlt sich so richtig gut an.

Ich habe noch keine Serie gefunden, die mir auf irgendeine Weise komplex erscheint und für die es sich lohnt eine solche Stundenzeit aufzuwenden, die eben eine Serie verlangt. Denn eine Serie muss mich dazu bringen überhaupt Zeit für sie haben zu wollen. Das tut sie nicht. Das Leben ist zu kurz um eine Serie zu schauen.

Der Komplexitätsbegriff kommt vielleicht langsam aus der Mode und eine neue Leerstelle tritt zu Tage: Die Rede ist von Modernität und Aktualität. Es soll ja zum Beispiel innovative Serien geben, die Transvestitismus, Homosexualität, Affären im Bürgertum, Frauen in Gefängnissen usw. thematisieren - also Tabus brechen oder brechen wollen - oder solche, die stilistisch und ästhetisch ganz neue Wege gehen, vielleicht sogar narrativ ganz verschachtelt sind. All diesen Diskussionen um Modernität können mir aber nie verraten was dann Fassbinders IN EINEM JAHR MIT 13 MONDEN (1978) oder SUNDAY, BLOODY SUNDAY (1971) von John Schlesinger waren, wenn nicht bereits modern und an dieser Stelle habe ich den Neorealismus noch nicht einmal erwähnt. Es ist schwierig über Innovation und Neuartigkeit zu sprechen, wenn keine filmgeschichtliche Vorbildung vorhanden ist, die absurde Hypothesen zur Serienlandschaft vermeiden würde. Dabei wäre es ein einfaches ein besonderes Charakteristikum der Serie herauszuschälen ohne sich unnötig mit Rechtfertigungszwänge oder Abgrenzungsversuche aufzuhalten. Nur ein harmloser Versuch: Die Serie als Medium bedient auf besonders quantitativer Art und Weise das ungebrochene Verlangen des Menschen nach Geschichten und Erzählungen und kann dabei die Dramaturgie und Narratologie des Epischen besonders zur Geltung bringen/damit spielen. Über diese These lässt sich streiten. Aber genau das sollte ja möglich sein! Beim Komplexitätsbegriff, siehe Leerstelle, ist das kaum möglich.

Ich habe aber noch keine Serie gefunden, deren Erzählweise und Inhalt mich so sehr reizt, dass ich dafür einen Film (oder egal was) verschieben würde. Auch deswegen schaue ich keine Serien. Mir sind sie recht egal, wertneutral gesehen. Viel spannender finde ich ihre Rezeption und ideologische Wirkung.

Das sogenannte Binge Watching bezeichnet zwar eine von außen entwickelte Rezeptionsstrategie, ein (beliebtes) Zuschauerverhalten, ist aber ebenso durch narratologische und dramaturgische Entwicklungen intrinsisch intendiert und ökonomisch motiviert. Eine Absicht, die an das neue Sehverhalten, aber ebenso an die neue Sehmöglichkeit gekoppelt ist. Wer auf Netflix nur eine Serie angeklickt hat, weiß, dass er für eine weitere Episode nicht einmal die Fernbedienung oder den Konsolen-Controller berühren muss. Wie es der Pawlowscher-Hund im Zuschauer will, geschieht auch noch das genaue Gegenteil: Er drückt vor dem Ablauf des Countdowns vorschnell die Eingabetaste, um noch schneller die Wartezeit zu überbrücken.
Binge Watching ist so der Modus zur Entfaltung eines absoluten Machtapparats, indem das optimale Resultat aus einer immer geringer werdenden Aufmerksamkeitsspanne erzielt und daher in Häppchen serviert wird. Binge Watching ist ja nicht nur das komatöse, unreflektierte Hineinstopfen an Serieninhalt, das eskapistische Sich-Gehen-Lassen oder die absolute Zerstreuung vom Alltag, indem die Serie zum Alltag wird. Es beinhaltet auch den Modus des Filmrisses. Wer weiß denn noch was in Game Of Thrones Staffel 2 in Folge 4 und 5 passiert ist? Jeder, der sich nun empört meldet und die Lösung dieses Rätsels parat hat, sollte sich bitte fragen, wie oft er die Serie schauen/sich damit beschäftigen musste und wann seine Oma eigentlich Geburtstag/Todestag hat.

Vielleicht war die letzte Staffel der Lieblingsserie gar nicht mal so gut, aber solange das Finale Spannung erzeugt hat und uns auf die nächste Staffel hoffen und freuen lässt, ist der vollkommen in Vergessenheit geratene Mittelteil schnell verziehen bzw. einfach im Delirium der lustlosen Schaulust untergegangen. Das alte Drehbuchschreiber-Credo vom Zuschauer, der dir am Anfang alles verzeiht, aber am Ende nichts, hat die Serienproduktion für sich perfektioniert. Sie konzentriert sich scheinbar auf den tollen Piloten und das krachende Ende und vertraut darauf, dass vom Mittelteil gesagt wird, dass da ja die Figurenentwicklung so unglaublich filigran und brillant ausgearbeitet wurde - was auch immer das eigentlich heißen soll oder wo auch immer das stattgefunden haben mag. Übrigens haben sich Filme das auch zu Nutze gemacht. Denken wir an Marvel-Produktionen, haben wir das Gefühl, dass wir den ganzen verdammten Film nur durchstehen, damit wir am Ende uns durch die Abspannszene auf den nächsten Ableger freuen können. So als wäre der Film nur noch ein langer Promotionstrailer für den nächsten. Das Verhältnis von Langzeit und Kurzzeitgedächtnis wird zum entscheidenden Motor.

 

Ich habe aber keine Lust Stunden damit zu verbringen, nur um ein tolles Finale zu sehen. Auch deswegen schaue ich keine Serien. Ganz ökonomisch: Viel zu aufwendig und nicht gewinnbringend.

Die Serie selbst ist ein kulturindustrielles Leerstellenprodukt und jeder wird etwas finden, was ihm gefällt. Das können Themenmotive um Drachen und Ritter sein, die man nutzt, um ein Wochenende lang auf einer Burg sich ins Mittelalter zurückzucosplayen oder eben auch die rudimentäre Behandlung gravierender Hobby- und Begeisterungslosigkeit durch den täglichen Zeitvertreib mit den geliebten Ersatzfreunden - obwohl das Binge Watching diese soziologische Erscheinung schon wieder zu Nichte gemacht hat. Grenzen sind bei der Palette an Neuerscheinungen nicht gesetzt, jeder findet etwas für sich. Und wenn man keine Serien schaut, findet sich wiederum an jeder Ecke einer, der dir sagt: Hey, oke, du schaust keine Serien, ich verstehe. Aber diese eine da, die ist total anders, die musst du dir anschauen! Ich würde mich über ein paar Empfehlungen sehr freuen!
Dass der individualisierte Prozess des Schauens übrigens dazu geführt hat, dass kaum mehr mit jemand anderen über Inhalte reden kann, ohne gleich einen monströsen Spoiler der x-ten Staffel zu verraten, ist an Ironie kaum zu überbieten. Aber das nur so am Rande.


Ich trete lieber, wie es Walter Benjamin kultiviert hat, einen Schritt zurück, flaniere und sinniere über meine verquere Serienunlust statt welche zu schauen und sehe  mir dann 4 1/2 Stunden HISTOIRE DU CINÉMA von Jean-Luc Godard an. Ist das nun besser? Auf jeden Fall! Und so genial und sehr komplex.

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