von Lucas Curstädt

„I'm as mad as hell, and I'm not going to take this anymore!“ (1)

Uwe Boll hat sich zeit seines Filmschaffens als Rebell gegen das Establishment verstanden und sich am Ende auch so inszeniert. Doch war er lediglich ihr Außenseiter; im Außerhalb stand er nie, ganz im Gegenteil war er immer Teil davon. Von allen Seiten wurde ihm so wenig Liebe entgegengebracht, dass er dieses Fehlen lieber als blinde Ungerechtigkeit und korrupten Elitarismus bekämpfte, lieber wild mit Fäusten ruderte, als der eigenen Talentlosigkeit ins Auge zu blicken, vielleicht auch der eigenen Geschmacklosigkeit. Boll zog also in den Krieg gegen diese Hegemonie des Großkapitals, indem er sich durch seine größte Begabung ihr selbst einverleibte: Er wurde kein Regisseur, sondern Filme-Macher, kein Künstler, sondern Filmproduzent.

 

Heute, nach 25 Jahren und 33 Filmen, endet dieser Krieg. Uwe Boll beendet seine Karriere mit nach oben gestreckten Fäusten und erspart sich damit nur das zwangsläufiges Ende in dieser Branche, den finanziellen Ruin. In einem letzten Aufgebot wettert er noch einmal gegen alle Größen, phantasiert in RAMPAGE 3: PRESIDENT DOWN den Tod all seiner Erzfeinde, George Bush, Rihanna, Taylor Swift, Britney Spears. Ein seltsames Anarcho-Märchen, selbstgerecht und peinlich, aber im Kern nichts weiter als ein kleines Stückchen Kulturindustrie, eine Art verquerer Superheldenfilm ohne legitimierende Comic-Vorlage. Sein Film ist nicht die ästhetische Opposition, sondern Dilettantismus ohne Ausdrucksvermögen. Das führt nicht nur dazu, dass jede herbeigesehnte Provokation im Nebel des Filmüberdrusses verpufft, weil sie kalkulierbar ist, sondern all das wird zur Paradoxie, weil sich Boll im Jahre 2016 als Avantgardist sieht, sich aber seine Geschichten, die das Etikett "fuck the system" tragen, dann doch lieber als warmherzige Familiengeschichten entpuppen. Gefickt wird also nur innerhalb der eigenen vier Wände.

Das Selbstbild dieses Mannes ist folglich das eines Traumwandlers. Wer ihn kritisiert, erhält eine Abfuhr, körperlich und verbal, schließlich kenne man ihn nicht. Was erlaube man sich also ein Urteil über ihn, obwohl seine Filme mehr über ihn verraten, als die unzähligen Politik-Oberflächlichkeiten, die er in Podiums-Monologen heutzutage von sich gibt.

 

Hier ist er seit langer Zeit Wutbürger, noch bevor Social Media all jene an die Oberfläche des Internets spülte, deren Hasstiraden nun ganze Nachrichtensendungen mit ihrer Nichtigkeit füllen. Er produzierte bereits filmische Shitstorms, nur ohne jemals viral zu werden. Radikal war er damit nie, höchstens laut, im besten Fall polemisch, meist aber nur überdreht: Ein Phrasendrescher mit dem Herz am linken Fleck. Verbissen musste er seinem Hass gegen „die da oben“ Ausdruck verleihen, wenn auch nur mit prolligem Geschimpfe. So inszenierte er sich als der Missverstandene, der er niemals war. Er hatte einfach nichts zu sagen, wollte Geld verdienen, was er meist auch tat.

 

In einem Punkt trifft Boll aber einen Nerv: Video-On-Demand, Netflix und Amazon beschränken die Freiheit ihrer Konsumenten, Algorithmen wählen aus, wo analoge Videotheken, ganz nostalgisch, noch eine schier grenzenlose Offenheit boten, eine Art Über-den-Tellerrand-blicken. Damit sei nun Schluss, argumentiert Boll und hat ganz Recht: Die Kulturindustrie hat dank digitaler Revolution die Macht über das Sehverhalten pervertiert und produziert dafür lieber so viel Content, dass von Gehalt gar keine Rede mehr sein kann. An den Kinokassen werden statt Eintrittskarten Quittungen verteilt, Kino als Supermarkt-Discounter. Doch war der Produzent Boll immer ein Teil von dieser Maschinerie, ihr aufmüpfiger Mitarbeiter an der Kasse, der lieber Filialleiter wäre, so aber nur gegen diesen wetterte, während er die Kunden genauso, wenn auch nicht genauso groß, das Geld aus den Taschen zog. Weil er es nie verstand aus der Autonomie seines Geschäfts auch eine Autonomie seiner Kunst zu betreiben.

 

Am Ende, als er polemisch und mit verdrehten Wertekompass das Politische für sich entdeckte, wurde er fast noch ein echter Regisseur, gewann sogar einen echten Preis. Aus banalen Videospiel-Adaptionen wurden gewaltige Politikanklagen für ambitionierte Verschwörungstheoretiker. So war und blieb Boll ein Prophet ohne Vision, ein Gefangener des Großkapitals, ein Bekämpfer seiner eigenen Zunft, weil er die Kunst nie vor den ökonomischen Faktor stellte, weil er sich nie mit dem auseinandersetzte, was er filmte, sondern nur wie viel Geld es kosten würde.

Nun sagt er der Filmwelt Lebewohl, weil sie ihm die finanzielle Grundlage entzogen hat. Sie hat ein kratzbürstiges Phänomen weniger.

(1) Peter Finch als Howard Beale in Sidney Lumets NETWORK (USA, 1976)

Bild: ©‎flickr / senicer

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