von Lucas Curstädt

Dieser Satz kam mir neulich in einem Gespräch unter. Mal wieder eigentlich, denn ich höre ihn immer öfter. Er ist gar zu einer regelmäßigen Floskel in Diskussionen um Serien und Filme geworden. Auf den ersten Blick mag der Satz vielleicht stimmen: Heutige sogenannte Qualitätsserien verführen den Zuschauer durch ihre horizontale Erzählweise dazu, über einen lange Zeitraum geschaut zu werden. Dieses Konzept hat sich mittlerweile in der breiten Masse durchgesetzt. Es wird dem Zuschauer also a) möglich und b) einfach gemacht, eine Serie wie einen »besonders langen Film« zu rezipieren. Umgangssprachlich nennt man das »binge-watching« und mit Sicherheit fördern die dramaturgischen und narrativen Mittel zeitgenössischer Serien dieses Verhalten im Zuschauer. Das ist bekannt und bietet keine neue Erkenntnis.

Doch was bedeutet diese Einordnung der Serie als »langer Film« eigentlich für das Verständnis von zeitbasierten Medien? Ein genauer Blick verdeutlicht, dass es sich um einen gedanklichen Kurzschuss handelt, keine Theorie, die lange Bestand hat, sondern höchstens gut klingt. Das Problem: Längst ist diese gutklingende Gleichsetzung zwischen Film und Serie zu einem Allgemeinplatz innerhalb von Diskussionen geworden und dieser Allgemeinplatz ist mittlerweile ein allgemeingültiges Argument. Damit muss gebrochen werden.

 

Wenn Serien aufgrund ihrer Rezeptionssituation als »lange Filme« angesehen werden, impliziert dies einerseits eine quantitative Aussage (die besondere Länge) und andererseits eine qualitative Aussage (die nach der Filmgattung oder die nach dem Teil der Filmgattung). Auf die Filmgattung bezogen hieße dies zunächst, dass spezifische Charakteristika einer Serie, also ihre besonderen Merkmale, negiert und sie der Gattung Film mit dem übergeordneten Merkmal als »besonders langen Film« zu- und unterordnet werden. Der Tenor dahinter: Wenn etwas wie eine andere Sache ist, zählt sie zu dieser Sache. Es mag sein, dass derjenige, der diesen Satz ausspricht, es so nicht verstanden haben will, doch muss genau diese Implikation bedacht werden. Würde jemand sagen, Filme seien wie besonders kurze Serien, würde ja jeder den Kopf schütteln. Es mag die sprachliche Formulierung sein, doch darauf kommt es an, denn sie vereinfacht eine durchaus komplexe Signifikanz:

Film, strukturell aufgebrochen, wird in der filmwissenschaftlichen Betrachtung in Deutschland in verschiedene Gattungen unterteilt, also in non-fiktionale und fiktionale Filme oder in Experimental- (Avantgardefilme) und Animationsfilme. Zentral ist die Frage nach dem Modus, als nach dem, wie erzählt wird. Dann unterscheiden sich diese Gattungstypen noch mal nach dem Genre, der fiktionale Film also zum Beispiel nach Science-Fiction oder nach Horror, der non-fiktionale Dokumentarfilm nach (u.a.) Stilen, wie dem direct cinema oder dem cinéma vérité. Alles keine neue Erkenntnis. Wenn aber die Serie wie ein »langer Film« ist und wir somit davon ausgehen, dass die Serie zum Film zählt, so müsste sich nach dieser Gleichung die Serie als eine Gattung neben den gerade genannten einordnen, es würde sich also ein neuer Zweig auftun (Abbildung 1). Schon hier darf angezweifelt werden, ob das so stimmen kann, doch der titelgebende Satz dieses Essays lässt diesen Schluss zu. Besonders verquer an dieser Argumentation ist, dass es sich bei der Serie um einen »langen« Film handelt, exemplifiziert wird die besondere quantitative Eigenschaft, die in eine Unterteilung nach Kurzfilmen, Mittellangen und Langfilmen münden könnte. Serie wären also nicht nur Teil einer gesonderten Gattung, sondern in der Aussage über seine Dauer ein "langer Spielfilm". Doch seit wann entscheidet die Dauer über die Einordnung zwischen Film und Serie? Noch entscheidender: Was würde dies für das wissenschaftliche Verständnis von Serien bedeuten?

Einerseits würden spezielle Charakteristika, zum Beispiel die Fähigkeit des epischen Erzählens, erst einmal als besondere filmische Form verstanden werden und nicht als Alleinstellungsmerkmal oder Besonderheit, die der Serie immanent ist und sie von anderen Medien unterscheidet. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, was mit besonders langen Filmen geschieht, Filme von Bela Tarr zum Beispiel - SATANSTANGO (R: Bela Tarr, HUN/D/CH 1994, 450 Min.) - obwohl es sicherlich noch längere Filme gibt. Wären dann diese Filme wie Serien? Das macht kaum einen Sinn und wird als Analogie-Argument nicht zu verkaufen sein. Auch auf Ebene der Produktion macht die Aussage der Serie als »langer Film« keinen Sinn, weil eine Serie nicht entsteht, in dem ein Regisseur und sein Team einen zehnstündiger Film produzieren, dieser dann im Nachhinein in zehn Episoden unterteilt wird und dann Serie genannt wird. Serien werden weiterhin anders geschrieben und inszeniert als Filme. Dreht man den Spieß um, könnte man übrigens behaupten, dass ein Filmfranchise wie das marvel-cinematic-universe eigentlich keine Filme, sondern lange Serienepisoden einer großen Staffel (Phase 1 bis x) seien. Dieser Satz macht auch nicht viel Sinn. Es gibt mit Sicherheit eine Korrelation, mehr aber auch nicht.

 

Stattdessen sollte man die Serie nicht als eine Gattung des Films verstehen (weder qualitativ noch quantitativ), sondern als einen eigenständigen Zweig einer höheren, auf einer darüber liegenden Ebene eingliedern. Welche könnte das sein? Vielleicht die des »Bewegungsbildes in der Zeit« (Abbildung 2). Das hört sich kryptisch und abstrakt an, weil nun Ebenen eingeführt werden, die nicht mehr nach einem Modus (Gattung) oder nach einem Genre (Verständigungsmodell) unterteilt werden, sondern ein gemeinsames Wesensmerkmal des Mediums, ein rudimentärer Nenner gesucht wird. Das könnte das Bild in seiner Bewegung als zeitbasiertes Medium (Abbildung 3) sein. Wenn man nun das Diagramm aufbereitet, ergibt sich so wieder eine Trennung von Serie und Film und nicht eine Integration der Serie in den Film. Was wäre daran schlimm? Schließlich negiert diese dichotome Aufbereitung nicht die Wesensähnlichkeit und Verwandtschaft, aber sehr wohl die angebliche Wesensgleichheit, die ein Satz wie »Serien sind lange Filme« impliziert. Statt also zu sagen, dass Serien wie lange Filme sind, sollte man sich mehr darauf konzentrieren, wie es Serien schaffen können, dass unter gewissen oberflächlichen Betrachtungen der Gedanke aufkommen kann, dass Serien wie Filme wirken oder wie solche rezepiert werden können.

 

Serien werden oft und viel gelobt, vielleicht, weil es der Serie in ihrer Form des epischen Erzählens gelingt seinen Zuschauer, die erzählten Geschichte und seine Figuren und ihre Entwicklungen, all das, eine Ernsthaftigkeit und einen sinnhaften Zusammenhang zu verleihen. Serien, verwehren sich vielleicht einem Zynismus, so wie wir ihn in der postmodernen, sinnentleerten Welt überall erleben. Auch in Serien geht die Welt unter, aber der Untergang ist durch das Medium immerhin kanalisiert und institutionalisiert und vielleicht in einer solchen Breite und Tiefe noch nicht gesehen. Die Serie erscheint für viele wie wunderbares Neuland, meist einfach zu konsumieren und dadurch einfach erstmal gut. Vielleicht schaffen Serien auch einen Zufluchtspunkt, verbreiten kindliche (Vor)Freude auf die liebgewonnenen Helden oder Schurken, pure Spannung und Vergnügen am Schauen. Sind sind das neu entdeckte Medium und neu ist ersteinmal gut. Das mag alles richtig sein, doch muss schleunigst aufhören, dass behauptet wird, dass Serien wie lange Filme seien. Es ist klar, dass der Satz »Serien sind wie lange Filme« die eigenen Lieblinge sublimieren, also veredeln sollen, doch wieso ein Scheinargument hervorbringen, welches eigentlich nur von einem Minderwertigkeitskomplex zeugt? Wo ist das Selbstvertrauen in die eigenen Stärken geblieben? Ähnlichkeiten, Vergleiche, gegenseitige Durchdringung und Beeinflussung auf ästhetischer, narrativer, dramaturgischer Ebene oder auf Seiten der Rezeption und Produktion, ja (!), Gleichmacherei und Gleichsetzung, Negierung, Simplifizierung, Reduktion, nein (!!). Die Serienlandschaft und ihre Fans sollten doch so weit fortgeschritten sein, dass sie nicht mehr einer Selbstverzwergung unterliegen sollten, in der sie zum Film aufzuschließen versuchen, in dem sie behaupten, genau so zu sein wie er. Serien sind nicht wie Filme oder die besseren Filme und das ist auch gut so.

Wenn das dann doch alles wahr ist und Serien wie lange Filme sind, kann ich übrigens feierlich behaupten, dass ich Serien nicht mag. Denn ich mag entweder kurze, mittellange Filme oder sehr lange Filme, aber nicht solche, die mich alle 55 Minuten mit einer künstlichen, mich total irritierenden Pause belästigen und mir im schlimmsten Fall dann noch erzählen, was ich in der letzten Stunde bereits gesehen habe.

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