VA-T'EN, DIT-ELLE (R: Camille Tricaud, D/F 2018) ©CamilleTricaud
VA-T'EN, DIT-ELLE (R: Camille Tricaud, D/F 2018) ©CamilleTricaud

»Schorf der Moderne«

von Lucas Curstädt

Vorrangig der Zufall brachte mich Ende November an die Hochschule für Fernsehen und Film in München. Nachwuchsregisseurinnen und Nachwuchsregisseure präsentieren dort regelmäßig und in gemeinsamer Runde ihre Frühwerke, dieses Mal namentlich Camille Tricaud und Felix Herrmann: Erstgenannte einen mittellangen Film (VA-T'EN, DIT-ELLE), zweitgenannter einen Kurzfilm (DIE TINTE TROCKNET NICHT) und als gemeinsames Bonbon eine essayistische Kurzdokumentation (LES SAUVAGES). Wie es der Puls der Zeit verlangt, folgte auf jede Projektion auch ein umständliches Q&A, wobei bei solchen „Terminen“ nie ganz einsichtbar ist, ob damit die 15 Minuten Andy-Warhol-Ruhm abgegolten werden sollen oder sich tatsächlich ein Zuschauerteil magisch-auratisch erhofft, dass ein auteur seinem Publikum über den Film hinaus noch etwas mitzuteilen hat. Denn dies ist nicht so. Es gibt Anekdoten und Geschmäckle zu beklatschen, mehr nicht. Doch zunächst soll es mir um die Filme gehen, konkreter: um VA-T'EN, DIT-ELLE, der eigenwillig und autark sich mit aller gebotener künstlerischen Freiheit außerhalb des Einzugsgebiets der Auftragsarbeit und der Fernsehlandschaft situiert und sich nicht, das ist sein Initiationsmoment, den Wunde(r)n der Moderne verschließt. Das ist gut so und lässt bei all den präfixbesetzten Modernitätsunternehmen im sonstigen deutschen Jungfilm die Augen aufhorchen. Am Film selbst, so möchte ich argumentieren, lagert sich im Moment der Ernsthaftigkeit der alte Schorf der Moderne ab.

 

VA-T'EN, DIT-ELLE ist von einer Suchbewegung geprägt, die sich an den zwei Ex-Liebenden Dal (Paul Toucang) und Ibti (May Hilaire) ähnlich ziellos abarbeiten wird, wie es zum Beispiel Michael Antonioni in den 60ern tat. Wir erinnern uns wehmütig an L’ECLISSE oder LA NOTTE. Die Frage lautet nun, ob diese narrative Agenda noch in intellektueller Abgrenzung zur Gegenwart und aus existentialistischer Not heraus entworfen wird, wie es der vielleicht größte italienische Regisseur aller Zeiten vermochte, der seinen Sujets subversive Kapitalismuskritik einimpfte und so die Menschenfeindlichkeit der Moderne anprangerte. Oder ob in heutiger Zeit der Zwang zur Ratlosigkeit und eine Mutlosigkeit zur Verdichtung solche Sujets dominieren, die weniger von Hintergedanken als von ästhetischen Intuitionen geprägt sind. Der Subjektivismus mit all seinen Folgen schwebt über dem Jungen Film, dessen mögliche Gedankenlosigkeit im besten Fall kreativ ist.

Les Sauvages (R: Camille Tricaud und Felix Herrmann, D/F 2018) ©CamilleTricaud
Les Sauvages (R: Camille Tricaud und Felix Herrmann, D/F 2018) ©CamilleTricaud

Im knappen 4:3 Format gedreht, setzt die Meldung, dass von der Vogelgrippe infizierte Enten nicht nur notgeschlachtet, sondern zu Beton verarbeitet werden, die Handlung in Gang. Ausgerechnet das Fundament der urbanen Umgebung im ersten Teil des Films, das Material, welches nicht nur den Architekten Dan umgibt, sondern später seinen Entwürfen die tatsächliche Form geben soll, könnte bald aus Enten bestehen? Aus Tier wird Stein, aus Dan ein Ausreißer. So verlässt er unbemerkt die Arbeit, weil dort sowieso niemand mehr irgendetwas mitbekommt. Er sucht seine alte Liebe auf und bittet sie ihm gleichzutun.

 

In L’ECLISSE werden die Liebenden nicht zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort erscheinen, weil es ihnen egal geworden ist. Im menschenfeindlichen und -entleerten Raum italienischer Stadtarchitektur wird der Zuschauer alleine zurückgelassen. VA-T'EN, DIT-ELLE lässt wiederum den urbanen Raum hinter sich und wagt die Flucht aufs Land. Darin bahnt sich eine Kritik am Zeitalter des Anthropozän an: Enten, die auf ihre Zementierung warten, Matadore, die zur Unterhaltung über aufgeschreckte Bullen springen, Dan läuft eine Träne die Wange herunter. Eine letzte Szene vereint durch die Bewegung der Kamera ein Himmelspanorama und das Grün einer Waldlandschaft mit der Künstlichkeit einer überdimensionalen Sandgrube, in der sich Ibti verliert. Auf der Tonspur das virtuelle Rauschen des Meers. Ein Gemisch aus Kreatürlichkeit und Simulation. Der Mensch tritt dabei auf ähnliche Weise ab, wie er es bei Antonioni tut, ob vom Fabrikturm stürzend (Il GRIDO) oder weinend auf einer Bank kauernd (L’AVVENTURA). Die Nuance liegt bei Camille Tricaud in der Betonung der modifizierten und beherrschten Natur. Umso stärker wird damit der Kontrast, da der erste Teil des mittellangen Films einen urbanen Raum entwirft, der futuristisch und verschlossen anmutet. Synchrone Bewegungen menschlicher Körper, verlassene Bauten, nächtliche Müllsammler im Nirgendwo. Wer will hier nicht ausbrechen…? Doch in der Natur wird neben der Ewigkeit auch niemand warten. Sinnsuche und Einsamkeit, die vielleicht stärksten und zugleich redundantesten Motive der Moderne, sie keimen immer wieder auf. Doch was soll der Mensch schon anderes tun?

 

Was ist nun mit meinem Begriff der Mutlosigkeit zur Verdichtung gemeint? Es hat den Eindruck, dass VA-T'EN, DIT-ELLE situationistisch agiert, immer nur den Höhepunkt einer Handlung oder Aktion (der flüchtige Kuss zwischen Dal und einem Fremden), aber nie den Weg zeigt, zeigen will, weil sich gar nicht mehr getraut wird, Werdegänge, Narrative und Verläufe zu erzählen, weil sie entweder unmodern sind oder vermeintliche Klischees aufwärmen würden. Dadurch wird die Ellipse zum beliebtesten und wichtigsten Stilmittel. Auslassung ist nun aber nicht mehr Ersparnis von Zeit, ausgelassen wird jede Form der erklärenden Umgebung, die es wohl nicht mehr zu geben braucht. Wenn man so will, kann von einem neuen Aktionsbild gesprochen werden, das sich modern gibt, aber damit nur von der Überforderungen des Subjekts erzählen kann. »In Geschichten verstrickt“ lautet der Titel des Hauptwerkes des Phänomenologen Wilhelm Schapp, der daran eine anthropologische Determinante knüpft. Ein Film wie VA-T'EN, DIT-ELLE scheint eher in Momenten verstrickt. Damit man mich nicht falsch versteht. Das Kino hat schon immer elliptisch erzählen müssen und daraus Konventionen der Montage entwickelt. Darum geht es mir nicht. Es geht mir darum, dass in der Kombination von Momentaufnahmen mit Momentaufnahmen nur noch das Erlebnis und die Aktion die Figuren bestimmen, ihre subjektive Wahrnehmung im Augenblick der Tat im alles dominierenden Vordergrund steht. Der (junge) Mensch ist eine Blackbox für sich und andere. Erlebnisse werden gegen Erlebnisse getauscht. 

Die Tinte trocket nicht (R:  Felix Herrmann, D 2018) ©CamilleTricaud
Die Tinte trocket nicht (R: Felix Herrmann, D 2018) ©CamilleTricaud

Genau das ist der Schürf der Moderne, der sich an VA-T'EN, DIT-ELLE abzeichnet. Weil Tricaud sich ernst nimmt und die postmoderne Spielerei sein lässt, wandert sie durch die Täler der Moderne und kommt ähnlich zu keinem Ergebnis – außer zur beinahen Konfrontation des Subjekts mit sich selbst und seine Entlassung in die Ungewissheit, der es aber bereits entsprungen ist. Umberto Ecos Offenheit des Kunstwerks ist so präsent wie nie, darin aber eine selbstzweckhaften Sackgasse. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Konstruktion solcher Sujets nicht dem Spiel mit einem filmischen Motiv entspringt, sondern Ratlosigkeit ausdrückt, die von ästhetischer Eingebung überwunden werden soll.

 

Seit dem die Moderne an ihr vermeintliches Ende gelangt ist, weil sie auf Fragen, die sie nicht gestellt hatte, keine Antworten fand und ihr die Postmoderne folgte, die Antworten an sich für nichtig und das Spiel für wichtig erklärte, leben wir im permanenten Modus der posthistoire. Nun muss jeder Postmodernist durch die Moderne wandern und zu oft hat er den Express-Zug der Ironie benutzt. Der würdige Künstler hält sich aber dort auf, wo es schmerzt, bei den Wunden der Moderne. Genau das tut eben auch Tricaud, die sich damit zwar ähnlich verhält wie einige junge deutsche Filmemacherinnen und Filmemacher, die ich zuletzt auf Film-Festivals bestaunen durfte, nur mit dem gravierenden und segensreichen Unterschied, dass Tricaud ihre Figuren nicht welt- und selbstverleugnend lächeln lässt, wenn es zu Ende ist. Sie spart sich das Lächeln lieber für das Q&A auf.

 

Diese Q&A's beweisen, dass bereits mit der ersten öffentlichen Projektion das Werk seine Autoren übersteigt. Erklärungen wollen auf einmal geliefert werden und dies in einer als chic titulierten sprachlichen Ungenauigkeit, wodurch im Schutzmantel der Authentizität das Filmprojekt wie ein sehr harmonisches und lustiges Abenteuer wirkt, in der alle mal alles gemacht haben. Die Vulnerabilität bleibt die größte Sorge des Menschen im Jetzt, der sich nur noch damit schützen will, dass er echt ist. Denn Echtheit kann niemand kritisieren und doch dient das alles nicht als Argument. Ästhetizismus und das Gefühl sind zentraler für spontane Entscheidungen als ein angreifbarer Plan: das Color Grading wird das Übrige tun. Werden einmal tatsächliche (intellektuelle) Querköpfe porträtiert, wie es in der Dokumentation LES SAUVAGES der Fall ist, so sehen wir Menschen mit so vielen Ecken wie Angriffsflächen. Warum werden diese dann im Q&A dem Spott preisgegeben? Die Geschichte über zwei junge Muslima in DIE TINTE TROCKNET NICHT, welche die Ambivalenz und Spannung der Postideologie einfach ignorieren, also ebenso viel Angriffsfläche bieten, sind dagegen vom identitätspolitischen Safespace geschützt. Kein kritischer Kommentar.

 

Mit leidigen Nachdruck wird klar, dass der mechanische Apparat im Notfall dann doch mehr künstlerische Arbeit automatisiert verrichtet, als es der Pinsel für den Maler tut. Dies enttäuscht nach einem so wunderbaren Film wie VA-T'EN, DIT-ELLE ungemein. Doch gibt es eine einfache Lösung. Keine Q&A’s abhalten oder keine besuchen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Luis Sütter (Dienstag, 18 Dezember 2018 23:17)

    Lucas - Du hast treffend beschrieben, was mir tagtäglich leise als Audiokommentar durch den Kopf wabert, wenn ich Menschen unserer Generation begegne, ihre Filme sehe oder ihre Texte lese. Dein Essay hier allerdings zeigt wunderbar klar auf, wo wir stehen, ohne selbst in einen ähnlichen Modus zu verfallen. Das ist zwar zum einen fürchterlich altmodisch, scheint mir zum anderen aber auch eine Art Antwort zu sein, oder zumindest: etwas das wir nicht verlieren dürfen, dessen Anwesenheit aber im Angesicht des Zwanges zur Ratlosigkeit leider schnell mit dem Stigma von (intellektueller) Aggressivität besetzt wird.
    Eine Antwort, worin ein angemessener künstlerischer Umgang in der posthistoire nun tatsächlich liegt, kannst Du natürlich nicht geben - für Deine Erkenntniskraft aber: Chapeau!