Call Me by Your Name (R: Luca Guadagnino, IT/F/BRA/USA 2017) ©sony
Call Me by Your Name (R: Luca Guadagnino, IT/F/BRA/USA 2017) ©sony

»Film als Skulptur«

ein Essay von Lucas Curstädt

Im Zeitalter des digitalen Films kommt es nicht mehr häufig vor, doch noch gibt es ihn: Den auf analogem Material gedrehten Film. CALL ME BY YOUR NAME ist eine solche Ausnahme, auch wenn der Zuschauer wohl kaum die eigentliche 35mm Kopie zu Gesicht bekommen wird, da das übliche Projektionsverfahren im 21. Jahrhundert nun einmal das digitale ist. Dennoch begreift das Auge und damit auch das Hirn durch das bloße Hinsehen, dass Luca Guadagninos Liebesdrama filmbasiert ist. Das weiße Rauschen auf dem Bild, die feine Silberschicht, die sich da auf der Fläche der Leinwand abzeichnet, ist unübersehbar und mehr als esoterischer Materialkitsch eines analogen Nostalgikers. Das Grobkörnige im Bild, welches sich trotz digitaler und somit numerischer Präsentation in Pixel gegen die Digitalisierung behaupten kann, ist widerspenstiger als geglaubt und ein Dorn im Auge aller, die die Manipulation des Bildes forcieren und sich darin keine Grenzen setzen wollen. Die Digitalisierung kann die Spuren seiner Vorlage also nicht in Gänze atomisieren. Welch ein cinephiles Erlebnis die eigentliche 35mm Kopie wäre, davon soll hier auf Grund ansteigenden Kummers nicht gesprochen werden.

Gesprochen werden soll aber von einem Phänomen, welches sich anhand CALL ME BY YOUR NAME beschreiben lässt und zwar die Differenz zwischen analogem und digitalem Filmmaterial. Hierzu sollte sich der Filmwissenschaftler zunächst einmal als Teilzeit-Etymologie versuchen und die Herkunft der beiden Wörter gegenüberstellen. Während analog vom griechischen análogos (vom Substantiv analogia = Ähnlichkeit) stammt, also übersetzt werden könnte mit gleiches Verhältnis, stufenlos oder kontinuierlich, stammt digital vom lateinischen digitalis (vom Substantiv digitus = Finger) und meint in Schritten oder Stufen darstell- bzw. quantifizierbar. Analoge Medien, überträgt man dies einmal ganz salopp, befinden sich also eher im Fluss, sind nicht in Segmente zu unterteilen, aufzubrechen oder in Atome zu sprengen, sie befinden sich in einem Ähnlichkeitsverhältnis zum abgebildeten Objekt, während das Digitale das genaue Gegenteil tut, also in abstrakte Einzelteile auflöst. Das Digitale lässt sich folglich formal, also mathematisch beschreiben. Eine 4K Auflösung mit seinen 4.096 x 2.160 Bildpunkten ergeben fast neun Millionen kleine Einheiten, die nicht nur verlustfrei reproduziert werden können, sondern auch einzel ansteuerbar und damit manipulierbar sind.

Der Medientheoretiker Lev Manovich hat in seinem Buch »The Language of New Media« auf einen feinen, aber sehr wichtigen Unterschied hingewiesen. Auch der Film als solcher segmentiert, ist also in gewisser Weise bereits ein digitales Medium: Nicht nur bezogen auf die Einzelbilder, aus denen in ihrer Instandsetzung Bewegung und damit Film entsteht, sondern auch in Bezug auf die anthropologische Komponente der Zeit: "A film samples the continuous time of human existence into discrete frames“ (1), schreibt Manovich an einer Stelle in seinem Kapitel zu den Prinzipien der New Media. An dieser Stelle gelangt man auch zu zwei begrifflichen Unterscheidungen, die Lev Manovich trifft: Er spricht in Bezug auf die Repräsentation der Information, wie sie analoge und digitale Medium beide tun – sie zeichnen Informationen auf und speichern sie – von der discrete und der continuous form. Ohne nivellierend sprechen zu wollen, ist diese Unterteilung mit der bereits oben getätigten Unterscheidung zwischen einer fortlaufenden und ununterbrochen Form und einer diskontinuierlich, separaten oder unstetigen Form verwandt. Zusammengenommen hieße das, dass der Film wie auch die moderne Photographie eine Kombination aus beiden Formen ist. Die dem Film zugrunde liegende gedruckte Fotographie sampelt schließlich visuelle Realität in separate Punkte. Einzig alte Medien wie die Bildhauerkunst sind fortlaufende, ununterbrochene Kunstwerke, sie lassen sich nicht in Millionen kleine Punkte separieren. Was uns zu CALL ME BY YOUR NAME zurückführt.

In diesem Male-Melodram geht es wiederholt um Körper und Körperlichkeit, im besonderen Fokus stehen Skulpturen. Der Vater von Elio, Mr. Perlman, ist Professor für Archäologie und forscht darüber in Italien. In einer Szene befindet sich das Trio um Vater, Sohn und den Studenten Oliver am Strand. Die Ausgrabungen waren erfolgreich. Erst sehen wir einen geborgenen, leider abgetrennten Arm, später die übrige Skulptur einer Männerstatue aus der Antike. Das Objekt zeigt, wie natürlich auch eine jahrelang gelagerte Filmrolle, die zudem immer wieder abgespielt wurde, Verschleißspuren auf, es löst sich langsam auf bzw. an ihr etwas ab. Sie ist in ihren ursprünglichen Zustand – wenn es denn diesen jemals gab – nicht mehr zurückzuführen. Eine Restauration kann nur eine Annäherung an das Original sein und dennoch (oder gerade deswegen: der Faktor Zeit) geht vom Anblick dieses alten und teils verrottenden Mediums eine ungeheure Wirkung aus: Auf Professor Perlman, der in dem Film sonst nie wieder so strahlend zu sehen sein wird, aber auch auf den Zuschauer, der ausgehend von diesem antiken Stück eine gewisse Kraft zu spüren vermag und natürlich vom Film als solchen ausgeht. Ich hüte mich bewusst davor von der Aura zu sprechen. Nichtsdestotrotz ist da eine qualia, die über das Material, seine Form, seine taktile Wahrnehmung aber auch seine Einzelteile etc. hinausgeht und sich nicht übersetzen lässt, sich nicht so einfach in das menschliche Kommunikationssystem transferieren lässt. Dieses, so schreibt es Manovich, sei übrigens ein prototypisches Beispiel für eine discrete form. Schließlich sprechen wir in Sätzen, die sich unterteilen lassen in Wörter, die sich wiederum aus Morphemen zusammensetzen.

Ein analoges Phänomen zum Lächeln des Professors und zur Feststellung über die Ästhetik der Skulptur stellt sich für den gesamten Film CALL ME BY YOUR NAME ein, betrachtet man ihn ebenfalls als Artefakt. Dieser Film ist als Ganzes zu begreifen, nicht zu zergliedern (was nicht heißen soll, dass er sich der Analyse versperrt, denn genau das macht dieser Text hier gerade) und damit in einem ungehörigen Fluss befindlich, fortlaufend, in einem Guss. Eine wunderbare Liebesgeschichte die nach dem Kinobesuch weder einfach zu unterteilen ist; die nicht so einfach in Sätze, die aus Wörtern bestehen, die aus Morphemen bestehen, zu übersetzen ist. Dies liegt an seiner ungemeinen visuellen Kraft, einer intensiven Kraft, die in erster Linie Bilder im Kopf hinterlässt, aber zunächst einmal keine Worte. Worte kommen natürlich mit der Zeit, so wie diese hier, aber sie umranden diesen Film mehr, begutachten ihn von außen wie eine Skulptur und lassen ihn, gesprochen mit Lev Manovich, zu seiner solchen werden. CALL ME BY YOUR NAME ist eine filmgewordene Skulptur. Florian Rötzer hat sich bezüglich der Ästhetik digitaler Medien sehr eindeutig und überspitzt geäußert und sein Gedanke ließe sich vielleicht von der Leinwand des Bildes auf die Leinwand des Kinos übertragen. Er schreibt: „Eine Videokassette oder eine Diskette haben als solche keinen eigenen ästhetischen Werk. Sie sind im Vergleich zum Stein einer Skulptur und zur Leinwand eines Bildes bedeutungslose Träger einer durch sie generierten flüchtigen Präsenz.“ (2) Natürlich ist der Kinoleinwand jene flüchtige Präsenz ontologisch eingeschrieben, doch ist genau diese belichtete Leinwand eben kein bedeutungsloser Träger, sondern das Tor zur Konstitution der Bedeutung des Films, welches der ratternde Projektor aufstößt.

Das analoge Material, welches auch der digitalen Projektion zu Grunde lag, der ich beiwohnen durfte, hat sich durch die Bits und Bytes durchgefressen, hat sich als widerspenstiger erwiesen als vermutet. So scheint es, als würde das (analoge) Kino durch den Film als sein Medium hindurch sprechen wollen. Eine Aussage, die CALL ME BY YOUR NAME im Bilderreservoir des Zuschauers hinterlegt, abgetrennt vom logischen Sprachzentrum, auf ihn projiziert in einer grandiosen letzten Einstellung. Seine einfache Forderung, die Verkehrung des Filmtitels: Nenn mich bei meinem Namen.

Kino

Anmerkungen

(1) Lev Manovich, The Language of New Media, 2000, S. 29 (2) Florian Rötzer, Digitaler Schein Ästhetik elektronischen Medien, Frankfurt am Main, 1991, S. 19

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