von Lucas Curstädt

Der bisherige Werdegang des Jahres 2017 belegt: Nur das Weiße Haus produziert noch Blockbuster. Das Kino hingegen verhält sich beständig altmodisch. Es vermehrt zwar im kulturindustriellen Hamsterrad weiter seinen finanziellen Erwerb und produziert Franchise-Ableger von der Stange, doch die eigentliche Show, also das, was für Schlagzeilen und Aufregung sorgt, findet woanders statt. CIVIL WAR heißt nun Trump vs. Comey, Trump vs. Kim jong-un, Trump vs. Covfefe. Morgen ist es schon ein neues Duell. Übermorgen ein anderes. Während die Zukunft der Superheldenfilme, die sich gerade in einen (weiblichen) Mythos neu einigeln, gewiss ist, ist es die im Showbusiness Washington nicht.

Die Drehbücher wären hanebüchen, doch der Faktor »Realität« nobilitiert den puren Wahnsinn in beste Unterhaltung. Der einsetzende Normalisierungsprozess führt immer mehr dazu, dass das Geschehen eher spannend, als beängstigend empfunden wird. CNN überträgt live, die Kneipe wird zum Public-Viewing mit Popcorn und Bier. Ein Hauch von Kino liegt in der Luft. Stück für Stück annektiert und unterwandert der Regisseur des Ganzen, auteur Mr. Trump, das nun ehemalige Alleinstellungsmerkmal der Unterhaltungsindustrie: Nämlich die Unterhaltung selbst. Seine Produktionsstätte ist Washington. Sein Publikum Twitter und die ganze Welt.  Der politische Betrieb ist derweil lahmgelegt oder arbeitet im Schatten der Schlagzeile. Realsatire wird zu ihrem eigenen Format, die tatsächliche satirische Auseinandersetzung über die Realität verschwindet.

Show, Sensation. Spektakel. Totaler Irrsinn, der zur brillanten Pointe wird. Ein Sean Spicer, dessen Late-Night-Show immer mehr an Kultstatus gewinnt. Das alles vereint Trump zu einem Politikstil, der nie etwas mit jener Politik gemein hatte, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für wegweisend, ja für alternativlos galt: Die kosmopolitische Idee des Liberalismus, die sich über die ganze Welt ausbreitet und nicht weniger will, als die totale Inklusion unter dem Schirm der freiheitlichen Werte des kapitalistischen Systems. Nun schlägt dieses Kapital in seiner personifizierten Extreme um und bemerkenswert unterhaltsam zurück. Politik war schon immer Inszenierung, Theatralität und Show. Doch wenn das Begreifen und Erfassen dieser Staatsperson nur noch innerhalb der Parameter des Unterhaltungsformats und des Mediendispositivs möglich ist, erreicht die Inszenierung dieser einen neuen, irrealen Höhepunkt. Denken wir uns Trump nicht als überzeichneten Showmaster, erstarren wir in der Begegnung mit seinem Wesen zu Stein. Denn hinter die Show-Fassade des Präsidenten zu blicken, lässt uns unmittelbar in die Augen der Medusa sehen. Doch was hat das Kino, vor allem der Politik- und Justiz-Thriller damit zu tun? Eine vorläufe Antwort: Er kann seinen errettenden Spiegel nicht einsetzen, der uns zuvor ermöglichte, eben nicht zu Stein zu erstarren. Der uns befähigte, die allzu schreckliche Realität erleb- und erfahrbar machen zu können.

Die überspitzte Darstellung realer Vorbilder, die Verdichtung des vorherrschenden gesellschaftlichen Klimas, die ahistorische Verfremdung zum Zwecke der Unterhaltung, dramatisiert und verdichtet in zwei Stunden Spiellaufzeit. All diese Fähigkeiten des Politik-Thrillers verschwinden unter Mr. Trump, der jene natürlich Distanz zwischen dem Objekt der Verfremdung und dem Verfremder in ihr Gegenteil umschlagen lässt. Der Politik-Thriller wird um seine Qualität, um Athenes Schild gebracht, welches die Medusa bekämpfen soll. Trump ist Schild und Medusa in einer Person. Das Objekt der Verfremdung hat dem Verfremder seine Daseinsberechtigung abgesprochen und sich selbst zum absoluten Entertainer auserkoren. Ein Entertainer, dessen Bindeglied zwischen Politikbetrieb und Kino das Internet als solches ist. Das Internet, welches zum unfreiwilligen Advokaten seiner Sache wird.
Auf seiner Seite: Die Tragweite der Realität und das fehlende Sicherheitsnetz, welches genau den Kinosaal bedingt. Wo im Kino die Apokalypse immer nur auf der Leinwand stattfinden kann, aber diese niemals verlässt, kann Mr. Trump jederzeit aus genau dieser ausbrechen. Auf der anderen Seite: Egal was sich die Drehbuchautoren einfallen lassen werden, es ist zugleich schlechter als das alltägliche Press-Briefing im Weißen Haus, langweiliger als der nächtliche Tweet und unrealistischer als die Realität. Ein Ausweg ist nicht in Sicht, wenn weiterhin mit dem entrissenen Spiegelschild gekämpft werden soll. Eine Waffe, die der Politik-Thriller nun nicht mehr besitzt. So kann der Film kann nur noch in einem freischwebenden Raum wild um sich schlagen, er ist um alle Bezugspunkte und Größen beraubt.

Besonders bekommt dies die Serie HOUSE OF CARDS und ihre nunmehr fünfte Staffel zu spüren. Eine in der Obama-Ära gestartete Politik-Serie, die sich den (klassischen) korrupten Hinterzimmer-Kampf in Washington zum Thema machte und nun mit aller Wucht von den aktuellen Ereignissen überholt und darauf nichts erwidern kann. Frank Underwood, so wird gespottet, wird nun nur noch zur Beruhigung geschaut. Robin Wright, Darstellerin der Ehegattin Claire Underwood, hat im Bezug auf die nächste Staffel bereits zu Protokoll gegeben, dass Trump den Drehbuchautoren jede Pointe vorweggenommen hat. Genau das ist die Fähigkeit der Medusa, wenn sie im Besitz des Spiegelschilds ist.

Ein weiterer tragischer Fall dieser Entwicklung stellt der in Deutschland bald startende MISS SLOANE dar – im Deutschen mit DIE ERFINDUNG DER WAHRHEIT recht bezeichnend übersetzt: Ein Film über korrupte Lobbyisten und korrupte Richter, in der eine Heldin den korrupten Sumpf endlich trocken legen will. Ein schüchterner Witz im Vergleich zu den täglichen Enthüllungen in Washington und niemals eine Schlagzeile wert. Doch genau dieses Sujet soll den Zuschauer ins Staunen versetzen und am Ende bespaßter im Kinosaal zurücklassen, als die eigentlichen Breaking News des Tages. Während die Welt sich fragt, ob eine Staatsmacht in den demokratischen Prozess der Präsidentschaftswahl einer anderen eingegriffen und einer der Kandidaten mutmaßlich davon wusste, wird in MISS SLOANE ein vergleichbares Problem in deutlich harmloseren Sphären behandelt, aber mit den gleichen Mitteln inszeniert. Gewinnen kann da nur Mr. Trump - mag da auch am Ende des Films eine kakerlake ex machina die Welt retten.

Wie soll der Film die aus den Fugen geratene Realität überbieten, wenn ihre Fiktionalisierung nur zur absoluten Unglaubwürdigkeit führen kann? Jedes Festhalten an den alten Genre-Mustern des Politik-Thrillers birgt ihr eigenes Scheitern. Mag die Wirklichkeit hinter den Bildern, die Mr. Trump per Twitter jede Nacht in die Welt entlässt, auch zu einem überdrüssigen Simulakrum werden. Sie kehrt mit aller Gewalt zurück und untergräbt das Recht des Films auf Übertreibung, auf Polemik, auf Thrill und Amüsement. Die Frage lautet: Wie auf die Sensationalisierung der Politik reagieren? Die mögliche Antwort: Mit der Ernüchterung der Show und der Rückbesinnung auf das Wesen der Politik als utopisches Konzept. Nicht zwischen Feinden, die sich bis in den Tod bekämpfen, sondern zwischen Gegner auf Augenhöhe.

Was das Kino jetzt überspitzt formuliert benötigt, ist eine entdramatisierte Verfilmung des TV-Senders C-Span, die Verfilmung des alltäglichen politischen Streits, des politischen Wettbewerbs und der politischen Arbeit an der Basis der legislativen, judikativen und exekutiven Institution. Es braucht die Rückbesinnung auf einen klaren Gedanken, eine Re-Evaluierung des guten Arguments und die Rechtmäßigkeit des klaren Fakts. Es darf den Zuschauer nicht mehr dort abholen, wo er steht, sondern eine neue Standfestigkeit entwickelt, die nicht nach unten buckelt, sondern nach oben hin strebt. Das Oben, das ist die Utopie. Es braucht ein einfaches 90 minütiges Kammerstück, in der ein Kabinett um die Gunst einer Gesetzesvorlage kämpft. Progress als behäbige, aber entscheidende Arbeit des politischen Systems. Ehrlichkeit und Integrität als die Substanz des Politischen, nicht Spiel, Misstrauen und Korruption. Am Ende: Natürlich die Revolution.
Lasst die Meucheleien und die politischen Intrigen beiseite, die Realität ist zu voll davon. Fiktionalisiert stattdessen das nostalgische Ideal des politischen Betriebs, eines, welches es natürlich nie gab und wohl auch nie geben wird. Das Ziel kann nur ein schier verrücktes sein: Dem Publikum den Glauben an die Politik zurückgeben. Das ist die Macht des Kinos, um es einmal in Anlehnung an Deleuze auszudrücken.

Wenn der Politik-Thriller immer schon realexistierende Ereignisse überspitzt dargestellt hat, dann muss er in diesen verdrehten Zeiten eben genau sein zugespitzter Konterpart sein. Dann, so die utopische Hoffnung, könnte das Kino damit beginnen, die Wunden des neoliberalen Zeitalters zu heilen und die tiefgreifenden Auswirkungen der nun ansetzenden Politik-Ära zu kitten. Eine neue Medusa benötigt ein neues Schild.

 Literatur

 

Chantal Mouffe, Über das Politische - Wider die kosmopolitische Illusion, Suhrkamp 2007

Siegfried Kracauer, Theorie des Films - Die Errettung der äußeren Wirklichkeit, Suhrkamp 1985

Gilles Deleuze, Das Zeit-Bild: Kino 2, Suhrkamp 1996

Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Suhrkamp 1996