Once Upon a Time... in Hollywood (R: Quentin Tarantino, USA/UK/CH 2019) ©sony
Once Upon a Time... in Hollywood (R: Quentin Tarantino, USA/UK/CH 2019) ©sony

»Die Auserzählung«

von Roman Paul Widera

Man sollte immer ein wenig misstrauisch werden, wenn Musiker oder Bands noch innerhalb ihrer laufenden Karrieren ein Greatest Hits Album oder eine Best-Of-Compilation veröffentlichen. Wenngleich dieser Schritt vielleicht gar nicht häufig in der tatsächlichen Entscheidungsmacht dieser Künstler liegt, sondern von Labels, Produzenten, oder sonstwem kommt, vermittelt eine solche Zusammenstellung einen gewissen Abschluss, zumindest des Abschnittes eines Oeuvres. Diese fünfzehn, zwanzig Lieder sollen dann die Konzentration einer Karriere darstellen, die wichtigsten Facetten eines Künstlers anschneiden und in kürzerer Zeit vermitteln, was ansonsten das tatsächliche Durcharbeiten der Diskographie benötigen würde. Allerdings wird damit auch ein Schlusspunkt markiert, ein Aufhören am Weiterschreiben des eigenen Werkes, der eigenen Geschichte. Wer sich entscheidet, kein neues Album, sondern eine Greatest Hits Platte zu veröffentlichen, entscheidet sich an diesem Punkt dafür, das Weiterschreiben der eigenen Künstlergeschichte zu stoppen und stattdessen verkürzend einzuklammern, was bis jetzt geschehen ist. Deshalb mag ich keine solcher Compilations – sie erzählen vielleicht von einer großen Karriere, aber sie erzählen sie nicht weiter. So haftet ihnen eine gewisse Melancholie an. Sie bezeugen ein Stück weit, dass diese Karriere womöglich auserzählt wurde.

 

Quentin Tarantinos Karriere zu verfolgen bedeutet, das vermutlich einflussreichste filmische Werk der letzten 25 Jahre nachzuvollziehen. Es bedeutet auch, einen der markantesten Künstler (und eines der markantesten Werke) der letzten Jahrzehnte beim Entstehen, Festigen, Ausprägen zu beobachten. Quentin Tarantinos Filmographie ist die eines Ausnahmeregisseurs, sie generierte binnen kürzester Zeit einen der wirkmächtigsten Mythen der jüngeren Filmgeschichte. Ein Mythos, der mit jedem weiteren Film an solcher Bedeutung zunahm, dass Tarantino bis heute eine innerhalb der Größenordnung seiner Produktionen ansonsten quasi undenkbare kreative Freiheit über seine Arbeiten genießt. Und schließlich ein Mythos der zu einer unschätzbaren Neugierde darauf führte, was QT als nächstes macht. Das waren meist die spannendsten Phasen – die Zeiträume, in denen das neue Projekt noch nicht feststand, als lediglich Anhaltspunkte, Stichworte, ungefähre Richtungen durcheinandergeworfen wurden und man jede glauben durfte, schließlich schien es kein unbetretbares Terrain für diesen Regisseur zu geben. Deshalb konnte man sich die Frage „Was macht er als nächstes?“ so sorglos und gleichsam gespannt stellen – man konnte sicher sein, dass dieses nächste Projekt den schmalen Grat zwischen einer Innovation und dem Treubleiben der bisher geschaffenen künstlerischen Identität meistern wird. Und so war diese Frage – „Was macht er als nächstes?“ ein ständiger Begleiter meiner Verehrung für diesen Regisseur. Tarantinos Filme waren immer „TARANTINO-Filme“, in Großbuchstaben und sexy Schriftzug, und doch schien darunter so viel mehr möglich, als ein solches Labeling versprechen könnte.  Immer wieder erstaunt mich die Feststellung darüber, welches Gewicht diese magischen Buchstaben am Anfang oder Ende eines Filmes – written and directed by Quentin Tarantino – in meiner frühen cinephilen Prägung besaßen, wie sehr sich die Feder dieses Mannes in mein Sehverhalten eingeschrieben hat.

 

Auch ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD ist ein Tarantino-Film, er entspricht jeder möglichen Variable, die für den Stil dieses Regisseurs irgendwann einmal gilt, oder gegolten hat. Beachtlich ist aber, wie intensiv QT dieses Mal mit seinem eigenen, filmimmanenten Kosmos umgeht. Seit seinem frühen Arrivieren als Künstler, bereits nach PULP FICTION schöpften seine Filme ihr weitreichendes Referenzsystem stets aus zwei Pools: der Filmgeschichte, im Idealfall der verfemten, vergessenen, latent abseitigen B-Geschichte des Kinos auf der einen Seite, auf der anderen Seite jedoch der eigens geschaffene Tarantino-Kosmos: erfundene Marken, sehr distinkte Einstellungen, das Besetzen der immergleichen Schauspieler in anderen Rollen. Tarantinos Filme kommunizieren immer mit der Filmgeschichte, gleichsam kommunizieren sie auch untereinander, sie ziehen Fäden sowohl innen als auch nach außen. Über die Jahre haben sich diese Kommunikationen verschoben, sie verlaufen nicht mehr getrennt voneinander, sie sprechen durcheinander. Tarantino ist Filmgeschichte geworden, die beiden Pools wurden zusammengeschüttet. ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD droht darin zu ertrinken.

 

Jetzt fällt alles zusammen. Im Los Angeles Anno 1969 herrscht das Chaos der Referenzen, so überbordend wie es auf den Kopf eines 6-Jährigen damals geprasselt sein könnte. Die Bezüge zu anderen Filmen verbinden sich nicht mehr nur mit den historischen Vorbildern, sondern sind simultan dazu durchsetzt von QTs eigenem Werk. Jeder Schauspieler, jede Situation, ob innerhalb oder außerhalb der Fiktion ist immer kurzgeschlossen mit Filmgeschichte und Tarantinokosmos zugleich. Unzählige Querverbindungen, gezogene Stränge, von denen keiner mehr lose sein kann, weil alles in diesem Film bereits sein referenzielles Äquivalent besitzt. Ein Film wie ein Knotenpunkt, nahezu überwuchert, ein dichtes Geflecht aus der künstlerischen Identität eines großen Filmemachers und all dem, durch was diese Identität geformt wurde. Manchmal schaut man auf die großartig fotografierten Bilder und kann kaum noch sehen, wovon sie erzählen möchten, weil sich das undurchdringbare Netzwerk aus anderen Bildern und Tönen darüber erstreckt. Deswegen ist es nie leise in Hollywood, deswegen läuft jedes Radio, jeder Fernseher und wenn ein Gerät ausgeschaltet wird, dann macht sein Schweigen nur Platz für das Geräusch eines anderen. War Quentin Tarantino je bild- und tonsüchtiger, hat er uns je stärker damit konfrontiert, wie konstant medial penetriert unserer Köpfe sind?

 

Es ist also alles da, mehr als je zuvor.

Aber es passiert nichts mehr damit.

 

Der Titel des Filmes – ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD – klingt mehr wie eine Zusammenfassung einer ganzen Karriere. Märchenhaft, mythisch und ganz klar in die Vergangenheit gerichtet. Es ist der Titel, den Quentin Tarantino für seinen Greatest Hits-Film gewählt hat. Der große kinematographische Sampler, in dem von einem ganzen Schaffen erzählt wird, in dem alles in irgendeiner Form vorkommen muss, das diesen Künstler bedingt. Er muss zurück in die 1960er reisen (QT ist 6, als die Handlung einsetzt), um zu zeigen, vielleicht auch um selbst zu erforschen, was in frühester Instanz diesen cinematic mind formte. Es ist ein wunderbarer Film, einer der uns als Zuschauer sehr verehrt und schätzt, immer wieder mit den Besonderheiten des eigenen Werkes (und unserer präzisen Kenntnis davon) kokettiert, als ob er uns über versteckte Codes seinen Dank aussprechen wollte, dafür, dass wir diesen Regisseur schon so lange begleiten. Gleichsam ist es der Film, während dem mich so deutlich wie nie zuvor das Gefühl beschlich, dass hier etwas an seinem Endpunkt angelangt ist. Dass dieser Regisseur, mit dem ich das Kino zu lieben gelernt habe, einer der Grundpfeiler meiner Cinephilie, sein Werk auserzählt hat.

 

ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD beharrt so stark auf der Erinnerung, doch genau das wird ihm zum Verhängnis. Bis zu einem gewissen Grad arbeiteten alle Filme von QT mit der Erinnerung: sie erinnerten an andere Filme, Filmemacher und Schauspieler, an ganze Stile und Subgenres, sie funktionierten fast wie abseitige Archive, die all das filmische Wissen speicherten, das diesem Regisseur etwas bedeutete. Aber das war nie genug. Sie suchten auch immer das Neue, das Innovative, sie waren vielleicht Filme, die gern erinnerten, aber sie ergaben sich nicht der Nostalgie, sie verfolgten eine Strategie, aus (und mit) der Erinnerung etwas radikal Neues zu schaffen. Das machte ihre Größe aus. ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD erinnert, schwermütiger, sentimentaler denn je. Aber er schafft aus diesen wunderbaren Erinnerungen nichts Neues. Und obwohl das keine Sekunde langweilt, obwohl es problemlos über ganze 160 Minuten tragen kann und besser als ein Großteil des amerikanischen Mainstreamkinos derzeit ist, bleibt es dennoch Lichtjahre von der cinephilen Erschütterung entfernt, welche die Filme dieses Regisseurs in mir auslösen konnten. Zum ersten Mal scheint sich Quentin Tarantino damit zufrieden zu geben, nur zu erinnern – an all seine Vorbilder, aber auch an sein eigenes Werk, seine fulminante Karriere. Greatest Hits. The Very Best Of.

 

Ein starkes Best Of, getragen von einer Karriere, die ein solches rechtfertigt. Aber womöglich zu früh, an einem Punkt, an dem dieses Werk noch nicht auserzählt sein sollte. Denn obwohl dieser Film so final anmutet, obwohl so vieles an ihm auf einen Schlusspunkt hinzudeuten scheint: Es ist nicht der letzte Film von Quentin Tarantino, und diese (relativ sichere) Gewissheit irritiert. Mindestens einen möchte er noch drehen und mit diesem nächsten, letzten Film im Hinterkopf, scheint diese Auserzählung einer Karriere, als welche sich ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD interpretieren lässt, noch geheimnisvoller. Wie ein vorletzter Schlussstrich, unter dem noch genug Platz ist für einen weiteren, vielleicht den wichtigsten Satz. So bleibt trotz allem die Frage, die meine Verehrung für Quentin Tarantino schon immer begleitete, widererwartend auch nach diesem Film von Bedeutung: Was macht er als nächstes?

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