von Lucas Curstädt

Fassbinder hat einmal geschrieben: „Wenn es etwas gibt, ist es Bewegung“ (1). Bewegung, die sich in Dauerschleife wiederholt, aus der Ausbrechen nur dann gelingen kann, wenn die endliche körperliche Existenz akzeptiert wird. „Der Körper muß den Tod verstehen“, schreibt Fassbinder an gleicher Stelle weiter und manchmal bietet nur der Wahnsinn einen Ausweg, der uns aus der Starrheit und Unlust der Unfreiheit reißen kann. Davon handelt auch Fassbinders erste internationale Produktion, DESPAIR - EINE REISE ANS LICHT  und wenn der Wahnsinn der Ausweg ist, dann ist das Licht, so der Titel, der Höhepunkt der Reise.

 

Licht, unendlich gebrochen, ins Farbspektrum geteilt, spiegelt sich auch in den Augen von Dr. David Bowman wieder, wenn er am Ende von Stanley Kubricks 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM durch eine Zeitschleife separiert von Zeit und Raum am anderen Ende wiedergeboren wird. Kubricks Filme sind anthropologischer Natur, beschreiben menschliche Bewegung nach oben und ihren Fall nach unten, Leben, Tod und Wiedergeburt, an deren Ende ein immer neuer Anfang besteht. Dies sind keine religiösen Filme, im Gegenteil: Seine Protagonisten müssen den körperlichen Tod erst verstehen lernen und scheitern oftmals am Wahnsinn, der sich breit macht, wenn die Unfreiheit erdrückend wird: Wie der Wahnsinn in den Augen von Jack Torrance, wenn er in SHINING an einem vergangenheitsträchtigen Ort seine Familie terrorisiert und damit zu einem Repräsentanten Amerikas wird, wie Hermann Hermann in DESPAIR, ein emigrierter Russe, es für das Deutschland kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird.

 

Diese beiden Filme, so unterschiedlich sie auf den ersten Blick wirken mögen, verhandeln ähnliche Themen: Vorahnungen und Visionen, Doppelgänger und Wiederholung, Historiographie und Wahnsinn. Herrmann Hermann, Jack Torrance, sie sind Gefangene des Bildes, der eine, gefangen in der Welt der Bilder (2), der andere, gefangen im Raum-Zeit-Kontinuum eines Gemäldes. Von der Kamera werden sie beide gerahmt und nicht mehr losgelassen. Wenn zu Beginn von DESPAIR Hermann Hermann erst akribisch einen Stuhl zurecht rückt, seine Frau befiehlt, die Tür aufzulassen, damit er anschließend sich selbst beim Liebesspiel er- und verkennen kann, rahmt erst die Kamera, die mit einer leichten Rückfahrt ansetzt, dieses Tableau zu einem abgeschlossenen und macht uns damit unsere Position als Zuschauer bewusst. Die Kadrierung etabliert den Raum als feste Größe, nun können keine Blicke mehr weichen. Herrmann schaut Herrmann an und umgekehrt, doch keine der Blick-Achsen werden vervollständigt, unser Blick endet in einer Schleife. In SHINING ist es ein Trugschluss in der Szene in der Jack von seiner Frau geweckt wird. Eine Spiegelung, die den schlafenden Jack Torrance erst langsam im Raum etabliert, bis die paradoxe Positionierung des Kameradispositivs aufgelöst wird. Diese Situation steht durch die genau Inszenierung der Kameraposition einerseits exemplarisch für die mysteriösen, fantastischen Elemente im Overlook-Hotel, andererseits für die Position, die Jack Torrance innehat. Beide Figuren eint die Gefangenschaft, ob sie sich den Rahmen selbst setzten oder darin gesetzt werden. Sie beide geben sich dem Wahnsinn hin, weil sie sich des Totseins im Leben verweigern (3). Wahnsinn, der sie auf unterschiedliche Weise historiographisch zu Repräsentanten macht:

 

Jack Torrance Gefangenschaft im Overlook-Hotel manifestiert sich durch Gewalt, die er selbst ausübt: Gewalt, die omnipräsent ist und mit der Besiedlung Amerikas verbunden wird. Es ist der brutalen Schändung der indianischen Ureinwohner geschuldet, dass das Overlook-Hotel auf einer indianischen Begräbnisstätte errichtet wurde, so sagt es jedenfalls einer der Hotelangestellten. Mord, Tod und Mystik verschmelzen so ineinander, amerikanische Geschichte wird zu einem Kreislauf ewiger Wiederholungen, der sich Jack Torrance immer und immer wieder aussetzen muss. Diese Wiederholung manifestiert sich in der letzten Einstellung des Films, die uns einen jungen Jack Torrance zeigt, wie er Jahrzehnte zuvor am Independence-Day, dem 4. Juli, eine rauschendes Fest feiert. Ein Fest, ein Blutfest, wie es sein Sohn Danny in seinen Visionen vorhersieht. Jack Torrance ist rückwärts wiedergeboren, so wie sein Sohn Danny rückwärts das Wort Murder liest (4). Sein Doppelgänger, dem er auf einer Toilette begegnet, sieht ihm so wenig ähnlich, wie es Hermann Hermann und Felix Weber tun, doch sind sie ein und dieselbe Person. Die Vergangenheitskultur ist zu einer des Vergessens geworden und all das manifestiert sich im blutigen Schwall, der das Foyer des Overlook-Hotel trifft: Amerikas blutige Vergangenheit, die in Vergessenheit geraten ist.

 

Auch DESPAIR weißt diese Form der Lesbarkeit in der Tiefenstruktur auf. Hermann Hermann ahnt voraus, was in diesem Land bald geschehen wird, verleumdet aber die erdrückende Realität. Er ist ein verzweifelter Analytiker, der längst nicht mehr glaubt, was er sich selbst erzählt. Er versteckt sich hinter Psychoanalyse und Doppelgänger-Phantasien, er ahnt in den richtigen Momenten voraus, ohne die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Er sieht die Plakate Hitlers, doch ignoriert sie, er sieht die Gewalt der Nationalsozialisten auf offener Straße und symbolisiert im Wunsch mit zwei orthodoxen Juden zu sprechen, es dann aber doch nicht zu tun, das zweifelhafte deutsch-jüdische Verhältnis, dass die gesamte Geschichte dieses Landes überschattet. Er weiß um das inzestuöse Verhalten seiner Frau, verzweifelt aber nicht in Eifersucht, er hält einen Versicherungsvertreter für einen Psychologen und wird dafür vom Cousin seiner Frau gedemütigt. Kurz: Er schätzt sich und die Welt gänzlich falsch ein. Selbst in der Schokoladenfabrik eines Konkurrenten erkennt er nicht, wohin diese Reise Deutschlands führen wird. Auf dem Fließband maschinell produzierte Soldaten, dem anderen vollkommen identisch, verheizt im Schlachtfeld. Am Ende ein riesiger Leichenberg. Doch sieht er nur sich und seine Doppelgänger. Er ist jemand, den man Egozentriker nennen kann. Er ist der Repräsentant für ein Deutschland, dass die Gefahr erkennt, aber unterschätzt, sie nicht wahrhaben will.

 

Herman Herman versucht sich durch einen Doppelgänger von seinem alten impotenten Ich zu trennen, phantasiert im Gelingen seiner Pläne über Erlösung und Freiheit, während Jack Torrance durch das Erscheinen seines Doppelgängers, Hausmeister Grady, von seiner sich wiederholenden Identität heimgesucht wird, schlussendlich eingefroren im Labyrinth und in einer Fotografie. Beide scheitern in ihrer körperlichen Existenz und im Wunsch einen Ausweg aus der Starrheit der Unfreiheit zu finden. Doch enden sie nur wieder im Land des Wahnsinns.

 

Literatur

(1) Rainer Werner Fassbinder, Die Anarchie der Phantasie, S. 100

(2) Vgl. Thomas Elsaesser, Rainer Werner Fassbinder, S. 139

(3) Vgl. Fassbinder, Anarchie der Phantasie, S. 103

(4) Vgl. Georg Seßlen, Stanley Kubricks Filme, S. 246

 

 

Dieses Essay wurde in veränderter Version und als Teil einer Hausarbeit im Rahmen eines Proseminars (Nationale Kinematographien - Rainer Werner Fassbinders Deutschland) an der Universität Mainz abgegeben.