von Lucas Curstädt

Fadenzieher

 

Im Sci-Fi Actioner THEY LIVE! (R: John Carpenter, USA 1988) findet der Protagonist John Nada eine Sonnenbrille, die den Schleier des Unwissens lüftet und ihn die Wahrheit über die Welt und die im verborgenen lebenden Aliens, die heimlich die Fäden ziehen, erkennen lässt. In Schweighöfers Filmkomödie DER NANNY (R: Matthias Schweighöfer, D 2015) wissen wir, wer die Fäden zieht, doch nicht zwingend, welche Bewegungen er bei uns auszulösen versucht. Es lohnt sich also bei einem neo-classical Film, wie dieser es einer ist, einmal Carpenters Sonnenbrille aufzusetzen, um hinter die einfache Zwei-Plot-Struktur und ihre inneren und äußeren Konfliktstruktur zu blicken.

 

Traum der Rebellion

Matthias Schweighöfer karrt dutzende Statisten für ein paar müde Mark zusammen, um eine Demonstration mit dem Slogan „Wir bleiben hier“ (1) zu inszenieren. Doch was da quietscht, ist nur der Traum der wahr gewordenen Rebellion im Kinosaal. Der einfache Arbeiter, das Kollektiv, obsiegt über das globale Bauunternehmen, über das Establishment und ihre verwöhnten Kinder und darf in seinen Sozialwohnungen weiterhin gesponsertes Bier einer jenen Brauerei trinken, die Teil ihres simulierten Feindschemas ist. Dieser Sieg ist nicht mal ein Pyrrhussieg wert, sondern plumpe Lüge, eine Fiktion, die aber dennoch erzählt wird, weil sie sich gut anfühlt.

 

Minderjährige haben zu diesem Happening spontan mit dem Handy aufgerufen, als wäre das Mobilisieren von Menschenmassen zur aktiven Partizipation so leicht wie ein Like setzen auf Facebook. Natürlich wird hier die große Utopie von der digitalen Demokratisierung und Vernetzung, vom „access for all“ im Informationszeitalter, geträumt, doch viel entscheidender ist, dass es zwischen der Wohl-Fühl-Demonstration mit Happy-End und dem restlichen filterfrohen Krach-Bumm-Film keine ästhetische Trennungslinie gibt, Demonstrant und Anzugträger aus formästhetischer Perspektive einer einzigen Singularität angehören oder angehören sollen. Das tun sie schließlich auch, denn am Ende verbünden sie sich gegen das große Böse, The Big Other. Wer das eigentlich ist, fragt sich beim Verlassen des Kinosaals kaum jemand. Joko Winterscheidt soll einen bösen Kerl gespielt haben.

 

Schweighöfer schickt sich an, einer aus dem Kinopublikum zu sein, einer von uns, der sich dafür einsetzt, dass die Stimme der einfachen Menschen gehört wird. Das sind Phrasen, starke Worthülsen, die so oft gehört wurden, dass sie wie Fiktionen erst recht ernstgenommen werden müssen. Am Ende sagt Rolf zu Clements: „Siehst du, ich hab's gewusst. Du bist einer von uns.“ Dass das altertümliche Bild eines bipolaren Freund-Feind-Schemas im gesellschaftlichen Wandel kaum mehr Bestand hat, interessiert ein regressives Publikum kaum und so klingt der Satz wie der abschließende Sieg über das Imperium. Auch Darth Vader war nur Opfer der Verführung. Gute Herzen sind nicht nur aristotelischer Natur, sondern obsiegen immer. Punkt.

 

Wie Rechtspopulisten täuscht Schweighöfer die Parteinahme erst vor, um folglich seinen Schund als Geschäft zu legitimieren, den er vorsätzlich und bei vollen Bewusstsein hergestellt hat (2). Rebellion, wie im Film angetäuscht, wird zu einer Ware, die für 106 Minuten mit Bier und Chips verkauft werden kann, damit sie, radikal ausgedrückt, nicht auf der Straße ausgeübt wird. Schweighöfer sichert einem System den status quo, das sich durch permanente Krisen selbst stützt, indem er die Krise auf der Kinoleinwand überwinden lässt. Würden die Menschen doch randalieren, wie beispielsweise in London 2011 geschehen, wären sie so vom Warenfetisch betört, dass sie nicht anders könnten, als radikal und mit aller Gewalt illegal zu konsumieren.

 

Das Clemens' perfekt in Szene gesetzter Blick in den wütenden, anonymen Mob nicht ausreicht, um einen Meinungsumschwung beim Bauunternehmer zu erreichen, erinnert im strukturellen Aufbau von Bedeutung durch Blickachsen an die alles entscheidende Szene im sowjetischen Propaganda-Film THE FALL OF BERLIN (R: Mikheil Chiaureli, UdSSR 1950). So wie die beiden Liebenden Alexei und Natasha sich nicht finden können, bis ihnen der erhabene Blick ihres Kameraden Joseph Stalin den heiligen Weg zu sich zeigt, so kann sich Clemens erst für das Proletariat entscheiden, als er seine beiden Kinder in der Menge sieht. In beiden Fällen braucht es für die Auflösung des zentralen Konflikts ein entschieden aufgeladenes Symbol als Repräsentation für eine ideologische Leerstelle, in die jeder Zuschauer seine eigenen, individuellen Ängste und Wünsche projizieren kann. Dieses Symbol besitzt eine ureigene Kraft, in der unsere überbohrenden, divergierenden Sorgen stellvertretend verstanden, kanalisiert und gebändigt werden.

 

Einerseits thront der personifizierte Führer über den Massen, Joseph Stalin, nicht einer, der dir sagt, was du zu tun hast, sondern sich als dein bester Diener erweist. Auf der anderen Seite das Kind in seiner schutzbedürftigen, jämmerlichen Existenz. Natürlich steht es zugleich repräsentativ für die Institution der Familie. Das Kind wird sowohl aus der Perspektive eines Vaters erblickt, dazu auch noch alleinerziehend, als auch aus der soziologischen Perspektive der gesellschaftlichen Zukunft des eigenen Landes. Der Ausspruch „Denkt an die Kinder“ erhält hier seine tiefste und zugleich schablonenhafteste Bedeutung. Das andere gemeinsame Symbol ist das des Feindes, ein Symptom, der tätowierte, aalglatte Bauunternehmer, nicht aber das Problem als solches. Doch ist die Projektionsfläche aufgebaut und wird bestrahlt. Stellvertreter können für jedes Problem erfunden werden.

 

Eine weitere ideologische Leerstelle tut sich im rührenden Schlusswort auf, welches Schweighöfer im Off einspricht. Da heißt es: „In jedem Leben gibt es ein Punkt an dem du dich entscheiden musst. Zwischen dem, was du brauchst und dem, was du willst. Und wenn du Glück hast, dann findest du den Menschen, der dich rettet. Und alles ändert.“ Genau das ist die Funktionsweise von Ideologie. Wir wissen nicht, was Schweighöfer meint, es ist beliebig, fühlt sich aber so gut an, dass wir darüber fantasieren können. Wir können unsere individuellen Gefühle auf einen speziellen Allgemeinplatz reduzieren und vereinfachen. Wir malen die Leerstelle kunterbunt aus. Slavoj Zizek trifft es in seinem Film THE PERVERT'S GUIDE TO IDEOLOGY (R: Sophie Fiennes, GB 2012) auf den Punkt:

 

»You know that gut feeling that we feel when we experience something pathetic and we say, „Oh my God! I'm so moved, there is something so deep.“ But you never know what this depth is, it's a void. Now, of course, there is a catch here. The catch is that of course this neutrality of a frame is never as neutral as it appears. (3) «

 

Die markantere Aussage tätigt Milan Peschel alias Rolf. Er sagt zu seinen Freunden: „Wenn ich nah genug an ihm dran bin, dann drehe ich ihn um.“ Deutlich wird durch diesen Satz nicht nur der Glaube, dass an das Herz eines jeden appelliert werden kann, der Mensch also im Kern einen gemeinsamen Nenner, einen gleichen humanen Kompass hat, es verdeutlicht auch den naiven Gedanken, das einzelne Individuen Autonomie und Entscheidungsfreiheit über und im neokapitalistischen System besitzen, es also den Fail-Safe gibt.

 

Konfektionsschleifen

Natürlich wird der Moment der Besinnung auf die konservativen Familienwerte durch die Explosion eines Kleinlasters hinausgezögert oder vielleicht auch bewusst kaschiert, am Ende stellt sich Clemens aber seiner patriarchalen Verantwortung. Mehrmals zeigt der Cutter, wie Clemens den Vertrag, der das Ende des Arbeiterviertels bedeutet hätte, zerreißt.

Die ästhetische Dimension der Wiederholung und der bedeutungsaufladenden Zeitlupe darf nicht unterschätzt werden, verdeutlicht sie doch die hohle Symbolik des Films und den niedrigen Standard, den Schweighöfer bei seinem Publikum ansetzt. Wie bei einer schlecht passenden Hose, die trotzdem vermutlich gut aussehen wird, muss in dieser Szene mehrmals nachgeholfen werden, bis der Zuschauer in der Ideologie »drinsteckt«. Mehrmals nachhelfen heißt eben auch im Dialog noch einmal das Bildliche zu wiederholen. Sein Arbeitskollege August beschimpft seine „beschissenen Kinder“ als den größten Fehler seines Lebens und kassiert dafür prompt einen Schlag ins Gesicht, was die Polizisten wiederum nur mit einem Schulterzucken quittieren. Es gibt eben doch gerechte Gewalt in dieser Welt.

 

Der Zuschauer weiß genau, was in den letzten 106 Minuten passiert ist, eines der dialektischen Phänomene der postmodernen Welt. Doch ist es ihm egal. Es verhält sich wie beim Meet & Greet nach einer lokalen Premiere des Films. Da wurde Schweighöfer auf der Bühne von einem sehr jungen weiblichen Fan nach dem Ideal seiner perfekten Nanny gefragt. Seine Antwort: „Blonde Haare und große Brüste“. Der Saal, vornehmlich Frauen, lachte laut auf, Schweighöfer schob hinterher, dass das alles nur ein Spaß war und seine Nanny vor allem ein gutes Herz haben müsste und alle glucksten zufrieden weiter. Ideology at its finest.

 

Fußnoten:

(1) Kommentar: Es braucht kein musikalisches Gehör, um zu erkennen, dass hier der Slogan „Wir sind das Volk“ imitiert wird.

(2) Vgl. Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, S. 129

(3) Vgl. Slavoj Zizek, The Pervert's Guide To Ideology (00:21:40)

 

Literaturverzeichnis:

Horkheimer, Max, Adorno, Theodor W., Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M 2016