von Lucas Curstädt

Zahlen, Statistiken und Kürzel; sie alle dominieren Bildkadrierung und Filmbild im Sportspielfilm MONEYBALL – DIE KUNST ZU GEWINNEN (R: Bennett Miller, USA 2012). Sie werden genutzt für Aussagen über die Differenzierung von Budgets einzelner Teams, zur damit einhergehenden Bemessung von hypothetischen Werten diverser Spieler. Sie dienen zur Kategorisierung von Vereinszugehörigkeit, Transfer-Verfügbarkeit und Spielposition (1). Sie verkörpern den Sprachcode zur Entkörperlichung des Sportlers als Individuum hin zu einem kleinstmöglichen, empirischen, messbaren Nenner. Aus 25.000 dieser Individuen sollen 25 werden, die die Meisterschaft gewinnen können (2). Statistiken werden so zu Entschlusshilfen für den Sport, dem die endgültige Entscheidung, jene zwischen Sieg oder Niederlage, im Modus des Wettkampfs immanent ist (3). Diese Charakterisierung des Sports ist aber nur temporär, da der Wettkampf einen sich wiederholenden Status innehat. Doch die Differenzierung in Kategorien, von der Geschlechtsunterscheidung bis hin zu der zwischen Verlierern und Gewinnern, postuliert stets das Resultat als seine höchste Beurteilungsinstanz, bevor die Bewertung jener Unterscheidungen neu einsetzt: Gewinner von heute sind morgen Verlierer, wertvolle Spieler im nächsten Wettkampf wertlos, die von spezifischen Geschlechtern dominierten Sportarten werden durch kulturelle Prozesse aufgebrochen und neu bewertet. Diese Kategorisierungen lassen sich auch im Sportspielfilm finden, dessen Motive und Stoffe schon immer in jener Entscheidungsdramaturgie, in der Unterteilung nach beispielsweise »wir« gegen »die« ihre Erfüllung fanden.

 

Doch lebt der Sportspielfilm wie auch der Sport von mehr: Vom Schauwert des Kampfes der Körper als sein primäres Medium (4), von Inszenierung der Konkurrenz (5). Hier stoßen die oben genannten Kategorien an ihre physikalischen Grenzen, können sie doch keine Aussagen über die Mythologie des Sports, über seinen Kult oder die pseudo-religiöse Verehrung manch ihrer Legenden, besonders im Baseball, treffen. Kategorisierungen im Sport helfen uns eigentlich nicht, den Mythos oder seine ganz eigene Romantik zu verstehen, sondern verleihen ihm höchstens den natürlichen Rahmen seiner dialektischen (6) Existenz. Insofern ist MONEYBALL eigentlich ein ungewöhnlicher Sportfilm, obwohl er, wie häufig im Genre geschehen, auf Persönlichkeiten des realen Sports zurückgreift und deren Geschichten erzählt (7).

Nur eigentlich. Denn der Film erzählt vielmehr die Aufstiegsgeschichte von Zahlen, Statistiken und Kürzel. Eine Zahlengeschichte, die vielleicht ihren eigenen Sportmythos begründen hat. Bennett Millers Film basiert auf Michael Lewis' Buch »Moneyball: The Art of Winning an Unfair Game«, der die Geschichte des Baseballteams Oakland Athletics aus der Saison 2002 rekapituliert. Deren Teammanager Billy Beane sollte auf Basis der Erkenntnisse eines computergestützten Statistikverfahrens, genannt Sabermetrics, den Baseballsport revolutionieren (8). Bennett Miller hat aus diesem Stoff einen Film inszeniert, der für die Forschung im Bereich der Humandifferenzierung von besonderem Interesse sein sollte. Denn sind es nicht die Kategorisierungen von Spielern als solche, die Billy Beane, gespielt von Brad Pitt, revolutioniert, sondern ihre Relation zueinander, ihr Verhältnis, ihre Erhebung und vor allem ihre Neubewertung, was nicht nur eine Diskussion in der Sportwelt ausgelöst, sondern einen eigenen ideologischen Kult begründet hat:


Oberste Instanz dieser Sportideologie ist maximale Durchdringung des Resultats mit dem Ziel auf value for money (9), was Humandifferenzierungen unter die Vorherrschaft der ökonomischen Berechenbarkeit stellt (10). Untersuchungsgegenstand und Ziel dieser Abhandlung ist es daher, Bennett Millers filmische Inszenierung der realen Gegebenheit von 2002 mit dem Augenmerk auf das Verhältnis von »Zahl«, »Körper« und »Wert« zu untersuchen, Kategorien der Humandifferenzierung unter jener neuen Abstraktionsleistung zu betrachten und diese Veränderungen filmanalytisch zu belegen, um daran ableiten zu können, inwieweit es sich beim Moneyball-Prinzip um eine neoliberale Einflussnahme auf den Sport handelt.

 

Körperverhandlungen

Der Begriff »Humandifferenzierung«, ein noch relativ junger, operativ verwendeter Begriff (11) der Soziologie, betreibt in gewisser poststrukturalistischer Tradition Kategorisierungen von Menschen in ihrer sozialen und kulturellen Praxis als Differenzforschung. Diese Forschung soll in seiner medialen, filmwissenschaftlichen Perspektive im Sinne der Körperverhandlung auf Bennett Millers MONEYBALL verstanden werden. Damit gemeint ist die Scoutarbeit im Baseball, ob im konservativen, traditionellen oder technokratischen Sinne der Sabermetrics. Innerhalb dieser Körperverhandlung soll das Interesse besonders auf die Korrelation und Einflussnahme der Ökonomie im Sinnbild der Zahl liegen, welcher sich der abschließenden Teil dieser Arbeit widmet.

Bild 32
Bild 32

We got to think differently – Menschliche Sinne als »Humandifferenzierer«

 

Ein Dutzend alter Männer diskutieren in einem Büro über Qualität, Nutzen, Verfügbarkeit und Entwicklungschancen neuer Baseball-Spieler vor Beginn der neuen Saison. Dieser Szene verdeutlicht, dass die Synthese aus »Sport« und »Humandifferenzierung« ein Begriffspaar erzeugt, welches Klassifikationen nicht aus Passivität betreibt, sondern mittels der strikten Empfehlungen der Scouts operativ und aktiv in das sportspezifische Geschehen eingreift. Klassifikationen durch Scouts sind also von existenzieller Natur, obwohl Bennett Millers Inszenierung eher an ein gemütliches Beisammensein beim Baseball-Quartett erinnert. Genau hier wird die Standartsituation für die filmische Darstellbarkeit von Humandifferenzierungen evoziert: Die Spieler sind selbstredend abwesend, ihre Identität, vor allem aber ihre performativen Eigenschaften, auf die es im sportlichen Wettkampf bekanntlich ankommt, sind auf sportökonomische Klassifikationen reduziert, gebündelt in Informationen über Alter, Fähigkeiten, Talent, Perspektive, aber auch nach Image, Außendarstellung und privatem Umfeld. Einer der Scouts lehnt einen Spieler zur Verstärkung des Teams ab, weil er eine hässliche Freundin (13) habe, während ein anderer auf Grund der individuellen Eigenschaft »Good-looking ballplayer« einen scheinbar besseren Aggregatzustand (14) für d i e Teamzusammenstellung besitzt.

 

Kategorisierungen im qualitativen Sinne betreffen also nicht nur sportspezifische Annahmen zur Leistung und Körperlichkeit, sondern umfassen auch außersportliche Einordnungen. Wem das Image anhaftet, seine Freizeit öfters in Las Vegas zu verbringen, kann, so der konservative Scout, sportlich nicht viel taugen, er wird also nicht in Betracht gezogen und aussortiert. Dahinter verbirgt sich nicht nur ein zwingend konservatives (Sport)Weltbild, sondern eine zur Tugend erklärte Berufung auf die subjektive Erfahrung. Dabei spielen selbst die ganz eigenen, subjektiven fünf Sinne der Scouts eine größere Rolle als statistische Werte. So adelt ein Scout einen Spieler, der nach statistischen Maßstäben kein guter Schläger ist. Der Scout erklärt es wie folgt: „He throws the club head at the ball, and when he connects, he drives it, it pops off the bat. You can hear it all over the ballpark.“ Es ist also das Geräusch des Balles, das für den Scout den entscheidenen Unterschied in der Beurteilung des Spielers macht. Humandifferenzierung beruht also in dieser Form auf Erfahrung, Sportwissen, Fingerspitzengefühl, Einfühlvermögen und vor allem Intuition. Sie ist zutiefst durchdrungen von subjektiver Feststellung und menschlichem Einschätzungsvermögen, was später Billy Beane auch aus persönlichen Gründen anzweifelt: „You don't have a crystal ball“, sagt er und spielt auf die möglichen menschlichen Fehler in einem zutiefst auf menschliche Wahrnehmungen basierenden Differenzierungsprinzips an. Ist das Geräusch des Aufschlags ein evaluierbarer Gradmesser für die Bewertung von Spielern oder genau so non valide wie das Setzen auf eine Kugel im Casino? Die Legitimation zur Klassifizierung beziehen jene Klassifizierer, die selbst als alte, überwiegend weiße Männer (15) klassifiziert werden (können), einzig aus ihrer Erfahrung im Sport, wie es einer Scouts zu Billy Beane sagt: „You have a lot of experience and wisdom in this room.“ Es wird ersichtlich, wie radikal der Sport, also seine Akteure, von Kategorisierungen und Einordnungen besessen ist und vor allem auf Basis von den oben beschriebenen 'weichen' Kriterien handelt (16).

 

Dabei stehen den konservativen Scouts »harten« Fakten gegenüber. In der Unterredung zwischen Billy Beane und dem Klubeigentümer wird dies deutlich. Beane zweifelt die sportliche Konkurrenzfähigkeit seiner Mannschaft an, wenn er mit einem Team mithalten muss, welches den dreifachen Etat zu Verfügung hat („I can't compete against 120 Million $ with 38 Million $.“ ). Statt der Differenzierung nach 'weichen Kriterien' bildet nun die evaluierbare Größenordnung eines Etats den Ausgangspunkt für eine möglich aussagekräftige Einschätzung zur Erfolgsaussicht in der nächsten Saison. Dabei basiert auch dieses Resultat auf dem Erfahrungsbereich, dass den sportlichen Erfolg als unabdingbar mit finanzieller Kapazität verknüpft. Die anschließende Antwort des Klubeigentümers postuliert sogleich zwei weitere Kategorisierungen, die die Klassifikation von vielen Spielern als ein Team auf eine höheren Ebene hebt und einer besonderen Intensität innehat: „Billy, we're a small-market team, and you're a small-market GM“ . Der Unterscheidung nach der finanziellen Kaufkraft verschiedener Teams der gleichen Liga, vor allem aber aus der Wirkungsweise dieser Klassifikationen als eine alternativlose und zugleich angemessene (17), also maximal intensive, entspringt jeglicher Konflikt in Bennett Millers Film. Denn es ist Billy Beane, der diese Alternativlosigkeit anzweifelt und nach der Ablehnung der Etataufstockung durch eine neues Klassifikationsmodell eine scheinbare Revolution gegen die Major League Baseball einleitet.

It's An Unfair Game – Das Kapital als »Humandifferenzierer«

 

Seit der Aufhebung der Gehaltsobergrenzen18 kennt die MLB keine Tabus in Sachen Kommerzialisierung, Boulevardisierung, Medialisierung und Sensationalisierung (19) und funktioniert folglich nach dem einfachen Vorherrschaftsprinzip des größten Budgets. Ein Nachrichtenkommentator drückt es wie folgt aus: "The Yankees have deeper pockets and they're willing to give him [einem bereits abgeworbenen Spieler] money. They're pilfering our players.“ Billy Beane fasst dies klar und deutlich zusammen: „It's an unfair game.“ Wie sehr der Sport von marktradikalen Gedanken durchdrungen ist, zeigt sich bei der Suche Billy Beanes nach einem geeigneten Nachfolger für seinen abgeworbenen Star-Spieler. Weil das konkurrierende Team aus Boston bereit ist, 0,25 Millionen $ mehr für einen Spieler zu bezahlen, soll Beane nun statt der vereinbarten 7 Millionen $ eine ganze Millionen mehr investieren, obwohl der Deal bereits in trockenen Tüchern war.

 

In einer marktwirtschaftlich dominierten Sportwelt sind Angebot und Nachfrage die höchste Legitimation (20), die alle anderen Klassifikationen klassifizierende und übergeordnete Einheit, die selbst altertümliche Werte wie Ehrenkodex oder Sportmoral annullieren. Billy Beanes Satz „If we try to play like the Yankees in here we will lose to the Yankees out there“  wird zwar von einem der Scouts als Glückskeks-Spruch abgetan, aber auch nur, weil er die Ausmaße dieser Aussage nicht begreifen kann. Logisch analysiert wird hier die gravierende Misslage im amerikanischen Baseball: Weil die Mittel bei finanzstarken Teams nicht vorhanden sind, können sie auch nicht verwendet werden, ohne dadurch Bankrott zu erleiden. Wenn es die Finanzkraft nicht ist, so Beane, braucht es eine andere Strategie, einen anderen Regulator. Dabei erwähnt Beane nicht zufällig, dass seine Thesen vor allem logisch seien. Die Humandifferenzierung der Scouts will Beane also auf einer neue Abstraktionsebene betreiben, die nicht mehr mehr das Sensuelle oder Taktile in den Vordergrund stellt, sondern das sehende Auge (der Statistik und der Logik) An dieser ideologischen Gabelung wird ersichtlich, dass die unterschiedliche Wahrnehmung von Baseball zwischen Beane und seinem Stab an Scouts keine Marginalität ist, sondern ein fundamentaler sportanschaulicher Konflikt ist: „The Problem we're trying to solve is that there are rich teams and there are poor teams, then there's 50 feet of crap and than there's us“, sagt Beane und stellt damit klar, dass das Problem nicht mit dem Kauf neuer Spieler, die für gewisse sportliche Werte stehen („We need 38 home runs, 120 RBIs and 47 doubles to replace.“), gelöst ist, sondern es eine gravierende Neuausrichtung geben muss. Die gravierende Unterscheidung ist die Neubewertung der Humandifferenzierung und die damit einhergehende Verschiebung in der Wahrnehmung des sportlichen Körpers.

Baseball thinking is medieval – Die Ökonomie als »Humandifferenzierer«

 

Während bei Differenzierungen als solche von einer quantitativen Einheit und bei der Klassifizierung im Allgemeinen von einer qualitativen Einheit sprechen werden kann, verbindet beide die Beimessung eines Wertes nach einer gewissen, festgelegten Ordnung. Eine Unterform dieser Wertbeimessung ist es, die Billy Beane während des eigentlichen Scheiterns von Transferverhandlungen mit den Cleveland Indians auffällt. Erst das unauffällige Eingreifen eines Mitarbeiters lässt den konkurrierenden Klubchef zu einer Absage tendieren. Peter Brand, gespielt von Jonah Hill, ist wie die Scouts der Oakland A's und jeder andere in dem Büro der Cleveland Indians ein Humandifferenzierer des Sports. Es stellt sich also nicht die Frage, ob Brand Differenzierungen betreibt (Typus), sondern wie (Modus) er dies tut. Peter Brands ursprünglicher Konflikt, der ihn zum Perspektivenwandel innerhalb der Klassifizierung von Kategorien verleitet, bringt er selbst auf den Punkt. Da heißt es:

 

„There is an epidemic failure within the game to understand what is really happening. And this leads people who run Major League Baseball teams to misjudge their players and mismanage their teams“ (22)

 

Radikal an dieser These ist aus humandifferenzierender Sicht nicht die Forderung nach der Umwälzung des Systems in seinen Grundzügen, beispielsweise die Ablehnung von Klassifikationen, sondern die fehlgeleitete Interpretation jener »weicher« Kriterien, präzisiert, der Wert einzelner Spieler durch die Bestimmung fluktuierend-intensiver, subjektiver Einschätzungen. Dieser Fehler, von der auch Beanes Scouts bei den Oakland A's betroffen sind, legt nach Peter Brand den Grundstein für das falsche Management der gesamten MLB. Die falsche Prämisse: Manager glauben, dass im Baseball der Spielerkauf Priorität hat. Die falsche Konklusion: Spieler, die für einen Verein von besonderer Bedeutung sind, ob aus Image-Gründen, sogenannten Star-Qualitäten oder auf Grund des Verkaufs von Merchandisings, werden mit besonders hohen finanziellen Summen gehandelt, obwohl sie diesem Wert aus einer sportlich-ökonomischen Perspektive nicht entsprechen. Brands optimierte Prämisse lautet: Ziel des Managers müsse es sein, Siege zu kaufen. Seine zweite Prämisse: Um Siege zu kaufen, braucht es Runs (23). Die verkürzte Konklusion:Wer Runs kauft, kauft Siege. Wer Siege kauft, gewinnt Meisterschaften.

 

Der Gegenentwurf des jungen Wirtschaftswissenschaftlers der Yale Universität ist also durchdrungen von einer neoliberalen Weltanschauung (24), die den Sport nach auf den ersten Blick simplen Prämissen beurteilt. Denn hinter dieser kausal-logischen Argumentationskette steckt nicht nur der Versuch der ökonomischen Durchdringung des Spiels, der Versuch Siege errechenbar zu machen (25), sondern eine alternative Wahrnehmung des Sportsystems, die sich von der Beherrschung der finanziellen Ökonomie emanzipieren soll, indem sie sich der sportlichen Ökonomie unterwirft. Diese verschobene Wahrnehmung postuliert die Objektivierung des Sports. Was damit einhergehend an Bedeutung gewinnt, sind die 'harten' Fakten, also Statistiken, Durchschnittswerte, Messwerte, Daten, die als Evalutionsbasis für jegliche Entscheidungen zur Zusammenstellung des eigenen Teams verwendet werden. Dabei kommt es nun weniger auf die klassische Spielfeldrecherche oder auf die Erfahrung des konservativen Scouts an als auf computergestützte Datenverarbeitung, die »weiche« Fakten ausklammert und den sportlichen Körper nun als das 'Humankapital' (Sportler) für den 'Kapitalertrag' (Siege kaufen) begreift. In einem Dialog zwischen Beane und einem geschassten Scout spalten sich an dieser Auffassung die Gemüter. So heißt der Vorwurf: „You don't put a team together with a computer. Baseball isn't just numbers. It's not science.“  Im gleichen Atemzug nennt dieser Brand auch »Google Boy«, was wie der Wink mit dem Zaunpfahl erscheint, schließlich steht kaum ein Unternehmen wie Google für die technologieaffine Ideologie des Silicon Valley. Technophil ist auch Peter Brand.

 

Die Brandsche Humandifferenzierung unterscheidet sich also in der Erstellung von Erfahrungswerte, der neuen Prioritätensetzung unterschiedlicher Kategorien und der Fokussierung auf »harte« Fakten, die bei denjenigen auf Widerstand treffen, die die menschliche Seite der Medaille in Gefahr sehen. Doch sind es erst die Vorteile, die Miller betont, wenn er die bisherigen Kategorisierungen als diskriminierend entlarvt: Spieler wie Chard Bradford, der aus konservativer Perspektive keine Chance im Profisport hat, weil er komisch wirft („Nobody in the big leagues cares about him because he looks funny.“) werden in ihren Kategorien nun aufgewertet, weil sie nicht nur einen sportlichen Nutzen, sondern (noch) einen geringen Einkaufswert haben. Gleiches gilt für David Justice, der als zu alt gilt („Ten years ago, Justice, big name.“ ) oder Scott Hatteberg, der praktisch nicht mehr werfen kann („he's got nonrepairable nerve damage in his elbow and can't throw.“). Doch sie alle eint die statistische Komponente, dass sie auf Base kommen, also zu Runs führen, ergo Siege kaufen.

So führt Brand in Hinblick auf die Humandifferenzierung einen neuen Aggregatzustand ein: Die Arithmetik des Sieges. Wer also Billy Beanes Ruf nach einer veränderten Denkweise als eine Revolte gegen das geltende System begreifen will, stellt fest, dass die Antwort auf die sportliche Ungerechtigkeit des kapitalistischen Sportes dem Ruf nach noch mehr Kapitalismus im neoliberalen Sinne folgt. Neoliberalismus darf an dieser Stelle weder als politisches Schlagwort, welches es zweifellos geworden ist (26), noch im Sinne einer Auseinandersetzung mit den Ideen um Arbeitsmarkt, Wirtschafts- und Sozialpolitik missgedeutet werden, sondern als ideologische Einflussnahme auf jegliche gesellschaftlichen Akteure, Verbände, Parteien (27), zu denen eben auch der Sport zählt. Für diese Arbeit dient der Neoliberalismus also als eine Art Mechanismus, dessen vorherrschenden Ideen vom götzenhaften Markt und der Ökonomisierung aller Teile der Gesellschaft wie ein unaufhaltsames Gas (28) funktioniert und somit selbst in Bereiche strömt, die organisch mit Marktökonomie nicht in Berührung kommen würden. Ein genauer Blick auf die Materie erklärt es. Billy Beanes Credo „Adapt or die“ zeigt eine strikte Vorstellung von der Verhaltensweise des Menschen, die eine »neoliberale Moral« postuliert, in der die Rolle des Menschen unmittelbar auf den Markt bezogen ist, sein Bemühen also darin besteht, wettbewerbsfähig gegenüber anderen Marktakteuren zu sein. Erfolg oder Misserfolg ist selbst zu verantworten und spiegelt somit auch die Einkommensverteilungen wieder (29). Wer es nicht schafft, hat verloren. Billy Beane ist also insofern kein Revoluzzer, sondern eher ein Neu-Denker innerhalb des Marktes, der die unerforschten Lücken des Systems ausnutzt, nicht aber das System anzweifelt. Das System, der Sieg der Meisterschaft als der alles überragende Leistungsnachweis, ist in seiner Denkweise urkapitalistisch. Beans Aussage unterstreicht diese These: „But if we win on our budget, with this team, we'll have changed the game. And thats what i want. I want to mean something.“ Beane geht es um den reinen Sieg durch sportlichen Erfolg, der natürlich als „gewöhnliche David-gegen- Goliath-Story“ (30) begriffen werden kann, aber bei genauerem Hinsehen über diesen Horizont hinausragt. Die Revolution frisst nicht ihre Kinder, sie wird auch nicht absorbiert, sondern in das System integriert, weil sie von dort aus operiert. Dabei wird Geld schlussendlich wieder seine klassische Rolle beigemessen. Im Gespräch zwischen Billy Beane und dem Geschäftsführer der Red Sox kommt es zu folgender Aussage: „One of the great things about money is that it buys a lot of things on of which is the luxury to disregard what baseball likes, doesn't like, what baseball thinks, doesn't think.“

 

Neoliberalismus oder zu mindestens die Radikalisierung der vorhandenen Strukturen ist nicht mehr als der neue alte Schirmherr unter gleichbleibenden marktökonomischen Strukturen. Folglich sind es die Red Sox, die mit finanzieller Kaufkraft und der von Beane und seinem Erfinder Bill James adaptierten Methode die Meisterschaft gewinnen, nicht Billy Beane selbst. Es werden also die vorherigen Kräfteverhältnisse (31) wieder hergestellt, der Status Quo damit erreicht, dass die Methoden verinnerlicht und jene unterbewerteten Spieler so hochdotiert werden, dass sie Teams wie die Oakland A's nicht mehr bezahlen können.

Die Hegemonie der Zahlen, die wir als Ökonomisierung des Sports begreifen können, durchströmt nicht nur die Vorstellung, wie auf mathematischen Wege ein Spiel gewonnen werden kann oder welche methodische Abstraktion, welche kalkulierbare Durchschnittlichkeit oder rationale Datenerhebung zum Sieg der Meisterschaft benötigt wird, sie ergänzt ihre technische Makulatur des Gewinnstrebens durch eine Erweiterung auf den menschlichen Körper hin zur maximalen, von der Analyse dominierten Leistungsoptimierung. Die Zahl wird so zum Souverän über den sportlichen Körper, der seine Emanzipation und Individualität an Bewertungsbögen, die in einem empirisch verifizierbaren Wert (32) münden, abgibt. Dabei soll erwähnt sein, dass Leistungssport an sich alle Grundzutaten einer kapitalistischen Gesellschaft in sich trägt, vielleicht bedingen sich auch beide (33), es geht an dieser Stelle aber viel mehr um die Maximierung, die Radikalisierung und die Einseitigkeit, wie Humandifferenzierung unter dem Duktus neoliberaler Ideologie dem sportlichen Körper die eigene (unschuldige) Sportlichkeit austreibt. Wie also der Neoliberalismus als Wirtschaftsordnung der Gesellschaft keine eigenständige Kategorie beimisst (34), so verhält es sich zwischen Sabermetrics und dem menschlichen Körper. Der Körper als solcher besitzt keine Kategorie mehr. Christian Spiller umschreibt diesen Prozess in seiner Online-Kritik als die Erotik der Zahlen (35).

Das Bild des Körper im Zeitalter seiner Ökonomisierung

 

Die von Spiller umschriebene Erotik lässt sich in MONEYBALL in einer kinematographischen Fetischisierung der Zahl wiederfinden. Zahlreiche Detailaufnahmen mathematischer Formeln, Grafiken, Statistiken oder Gleichungen (36) zeugen nicht nur von der filmbildlichen Dominanz der Ökonomie, sondern verdinglichen auf Ebene des Bildes die Zusammensetzung der Zahl.

Man kann also von einer Manifestierung der körperlicher Eigenschaft der Zahl durch einen deskriptiven Blick sprechen. Die Illustration einer extremen Detailaufnahme von Zahlenwerten, zudem projiziert auf einem Computerbildschirm (37), bringt zum Vorschein, was bereits im Schriftzug des Titels (38) angedeutet wird: Zahlen in der computertechnischen Darstellungsweise offenbaren ihre mathematische Grundeinheit, ihren binären Code, ihre Struktur, ihre Materie, bestehend aus weißen und schwarzen Punkten, in der maximalen Vergrößerung als ihr kleinster gemeinsamer Nenner. Das verdichtete Filmbild selbst differenziert im existenziellen Sinne die Eigenschaften der Zahl, es durchdringt ihr Wesen, fungiert als Dispositiv im Sinne von Dziga Vertov (39) und lässt ihre Beschaffenheit sichtbar werden. Die Zahl wird so gläsern, spürbar, selbst körperlich. Miller weist in diesem Zahlenexzess nicht nur auf die Abwesenheit des sportlichen Körpers hin, er koppelt diesen in seiner »mathematisierten« (40) Form durch eine montierte Bildfolge kausal-logisch an den Körper der Zahl, um die Dominanz, den Einfluss, die quasi vollständige Vereinnahmung der mathematischen Ökonomie am menschlichen Körper bildlich zu verdeutlichen. Der Körper verliert so wie der am Computer errechnete Sport seine Dreidimensionalität und wird zu einer glatten, kalten Oberfläche der Berechenbarkeit. Der Sportfilm als solcher ist immer durchsetzt von Dichotomien, nun werden aber all diese von jener dominiert, die aus Zahl und Körper besteht. Der Mensch, so die These, lässt sich nun der Zahl entsprechend aus schwarzen und weißen Punkten zusammensetzen und ist in seiner Materie methodisch identisch analysierbar. Hinter diesem Gebilde stecken die Grundzüge eines technophilen Transhumanismus (41).

 

Die Theorie vom erkauften Sieg erhält hier seine tiefste Bedeutung, wenn auch mit einer Einschränkung: Die binäre Strukturierung des Körpers ist in Millers Film unauflöslich an den Computerbildschirm als solchen gebunden. Die Reduktion des menschlichen Körpers auf eine technologiebasierte Analysemethode gewinnt ihren Einfluss also nur innerhalb eines abgesteckten Bereiches, verliert aber, so zeigt es am Ende Millers Film höchst menschlich (42), außerhalb des eigenen Definition an Aussagekraft. Welch paradoxe Auswirkungen dies auf den Sportfilm als solchen hat, kann an der Abwesenheit jeglicher Motive abgelesen werden, die im Sportfilm als Genre sonst elementar sind. Statt einer anrührenden Trainer-Ansprache, findet der Prozess des 'Teambuildings' im Videoanalyseraum selbst statt (43/44). Dies ist nicht nur eine absolut logische Notwendigkeit der Dramaturgie des Films, sondern Spitze der neoliberalen Einflussnahme, da der Begriff »Leistungsoptimierung« in diesem Moment eine ganz neue Dimension erhält. Andere Dimensionen des Sportfilms dagegen entfallen in MONEYBALL. Auf die Inszenierung des Wettkampfs, das elementare Motiv im Sportfilm, verzichtet Miller 81 Minuten lang, die Darstellung des Trainers, der zentralen Figur des Sportfilms, man denke nur an ANY GIVEN SUNDAY (R: Oliver Stone, USA 1999) und die Rolle und Tragweite der Figur von Al Pacino, wird eine halbe Stunde Spiellaufzeit ausgespart. Etwa die gleiche Zeit lässt Miller vergehen, bis ein Spieler, Scott Hatteberg, im Filmbild registriert wird und selbst das Team, der Grundbaustein für die Dramaturgie konventioneller Sportfilme, findet der Zuschauer erst nach einer Stunde im Bildkader wieder. Motiv, Figur und Dramaturgie des Sportfilms werden also vom Menschen extrahiert. Die Zahl wird nun zum Motiv, zur Figur und zur Dramaturgie. Wo findet Sport stattdessen statt? Positioniert wird Sport in MONEYBALL in seiner reinen Darstellung nur in verwendeten Fernsehaufnahmen und Originalaufnahmen diverser Baseballspiele, also auf einer gewissermaßen extra-diegetischen Ebene (45). Millers Bildschirmästhetik des medialisierten Sportlers also ersetzt den filmisch-körperlichen Sportler und macht ihn nur dann sichtbar, wenn auch die Fernsehkameras und der Fernsehapparat eingeschaltet sind. Die Abwesenheit des physiognomischen Körpers ist nicht eine einfache Verweigerung der Zuhilfenahme filmischer Genre-Konventionen, sondern die absolute Reduktion des Körpers hin auf eine einfache Repräsentantenfunktion (46) innerhalb der eigenen, filmischen Struktur.

 

Davon zeugen auch Starkult, Glorifizierung und Heroisierung der am Stadion hängenden Spielerbanner, klassifizieren und hierarchisieren sie doch Zuschauer und Sportler untereinander gleichermaßen in aktive und passive Kategorien. Der überdimensionale Körper des Sportlers in Plakatform negiert das empirische Ich und wird zum exemplarischen Marken-Ich materialisiertund idealisiert. Der Sportler ist nur noch Signifikat, also Vorstellungsbild von etwas, sein Körperbild ist, wenn man Georg Seßlen folgt (47), so oder so ein politisches Bild und nun ist seine modifizierte Gestalt (48) Ausdruck einer rationalisierten Ökonomie eines nach verkauften Trikots und Hot Dogs (49) schreienden Systems.

Der Sportfilm MONEYBALL zeigt den Auflösungsprozess des Körpers und kann somit als Sportfilm ohne Sport bezeichnet werden. Das Auge, welches Bennett Millers Film bildlich umrahmt (50), spielt dabei die entscheidende Rolle in der Neubewertung des Körpers. Das Auge ist hier abstrakt zu fassen als der Computerbildschirm und im Sinne David Kleingers als „Poesie der genauen Beobachtung“ zu verstehen, der damit die Differenzierung des Gesehenen nach Ratio und Präzision meint. Die Kategorisierung des Sportlerkörpers erfolgt dabei im Sinne des »Hire and Fire« Prinzips neoliberaler Grundordnung, weswegen dieser Form der Humandifferenzierung ein euphemistisch ausgedrückt dynamischer Charakter beiwohnt. Spielersignifikate werden regelmäßig ausgetauscht, fallen buchstäblich vom Himmel (51), verlieren jeden Rest jeglicher Signifikanz. Die Projektion findet daher nur logisch auf einem Fernsehbildschirm statt, welches sinnbildlich für die Fluktuation im Sport steht.

 

Die Dominanz dieser Bilder in Abwesenheit des eigentlichen Sportfilmbildes ist nicht die einzige Auffälligkeit. Assoziationen, Symbole oder Relikte, die den Sportfilm tragen, werden umcodiert. Die sichtliche Unsportlichkeit sowie Sportuntauglichkeit von Peter Brand als der Shooting-Star der Geschichte provoziert mit der Verfremdung der Verwendung des Baseballs als Spielgerät des Sports (52) einen Bruch mit der kultischen, quasi religiösen Verehrung (53) dieses Sports. Miller inszeniert den Wirtschaftswissenschaftler gar in einer Symbiose zwischen Ball, seinem überpräsenten Körper und dem Computerbildschirm (54). Brands Körper ist im Filmbild zentriert dargestellt, die innere Rahmung durch die Tür hebt diesen Effekt noch einmal hervor und auch die Low-Key-Lichtgestaltung und Schattensetzung innerhalb des Videoanalyseraums wirkt künstlich evoziert. Der Körper wird dadurch nicht nur ästhetisch sondern auch emotional aufgeladen. Der Weg in den Videoanalyseraum wird gleichgesetzt mit dem Genre-Motiv des Stadioneinlaufens (55). Alleiniges Unterscheidungsmerkmal ist die Abkehr vom Emotionalen hin zu einer Herrschaft der Ratio, was das Büro als Stellvertreter für die Sabermetrics selbst zu einem heiligen, sakralen Ort der Ökonomie stilisieren lässt, in der Peter Brand Billy Beane auch mal daran erinnert, dass Entscheidungen niemals aus einer emotionalen Haltung gefällt werden sollten (56). Der Glaube ist auch in einer Methode, die von Okkultismus nichts wissen will, vorhanden. („I think the question we should be asking is do you believe in this thing or not?“)

 

Ästhetisch erzeugt Miller dazu ein oppositionelles Bild, indem er das Büro, der für MONEYBALL entscheidende Raum als das neues Zentrum der Macht, als ein im Baseballstadion integrierten Verhandlungsort etabliert. Die Büroarbeit, gemeint ist die bildliche Darstellung von ausgedruckten Dokumenten, das Sichten dieser, das Erstellen von Gleichungen und Skalen, nimmt in MONEYBALL mehr Platz ein als der Sport selbst, doch inszeniert Miller über die Integration von Sport und Ökonomisierung (57) die wechselseitige Verflechtung und Bedingung beider sich nur scheinbar diametral, bipolarer Strukturen als unauflösbares dichotome Paradoxon. Dieses Paradoxon beinhaltet, dass bei einer Ungleichverteilung, einer Fokussierung nur auf eine der beiden Grundpfeiler des Sports, es zu einer Erosion kommt. Die Rückeroberung des Körpers über sich selbst, der Sieg über die aseptische Sphäre des Büros, vor allem aber auch die Rückkehr des Sportelements in den Sportfilm, ist nicht nur Wendepunkt in jener Dichotomie, sondern auch gleichbedeutend das vorzeitige Ende der Sabermetrics. Dabei kehren auch Intuition, Fingerspitzengefühl, etwas, was der gemeine Zuschauer als Momentum begreift, zurück. Es ist gar ein magischer Moment, einer von tiefster menschlicher Intensität: Trainer Art Howe weiß, dass sein Team kaum mehr gewinnen kann, es braucht so etwas wie ein Wunder: Dass er nun einen Spieler aufstellt, dessen Selbstbewusstsein am Boden ist (58), ist mathematisch betrachtet unverzeihlich. Doch »against all odds« trifft Scott Hatteberg den Ball mit einer solchen Wucht, dass das Spiel gewonnen wird. In seiner Körperlichkeit inszeniert, wird der Sportler geradezu durch eine in den Fokus rückende Lichtsetzung ästhetisiert.

Die Wahrnehmungsstruktur des Films erzeugt auf audiovisueller Ebene eine ungewohnt massive interne Fokalisation, die Subjektivierung des empirischen Ichs bekämpft das Marken-Ich (59) und kann als der Rückgewinn des Körpers über sich selbst bezeichnet werden: Die Athletic A's gewinnen dieses und damit das 20. Spiel in Folge, ein für die MBL noch nicht dagewesener Rekord. Doch im fluktuierenden Klassifikationsgesetz sind die Spieler nach dem nächsten Spiel nichts mehr wert, sie verlieren (60). Der sichtlich konsternierte GM fasst es so zusammen: „Listen, man. I've been in this game a long time. I'm not in it for a record, I'll tell you that. I'm not in it for the ring. That's when people get hurt. If we don't win the last game of the Series, they'll desmiss us.“

Schlussbemerkung - Nobody reinvents the game

 

Obwohl der  Körper die Herrschaft über sich selbst und seine körperlichen Tugenden am Ende von MONEYBALL zurückgewinnt, geschieht dies nur für einen Sekundenbruchteil, bevor der Sieg sich selbst relativiert. Für die eine Sekunde, in der Scott Hatteberg den Ball auf sich zu fliegen sieht und ihn perfekt trifft, unternimmt sowohl Sport als auch der Sportfilm als Genre den letzten Versuch sich vom großen kommerziellen wie ökonomischen Klammergriff zu befreien. Miller inszeniert diesen Moment für das filmische Auge, befreit von jener Sensationalisierung, die ihr sonst so oft im Sportfilm innewohnt. Wenn dann der Klang des Aufpralls zwischen Ball und Schläger ertönt, darf dies als der letzte unschuldige, ja mythische Schlag im Baseballfilm betrachtet werden. Denn nach dem Schlag ist vor dem Siegeszug der Sabermetrics und dem Ende des puren sportlichen Sieges.

Der Zuschauer sieht Beane nun noch einmal im Stadion, diesmal in der Mitte des Spielfelds liegend und es ist symptomatisch, dass ihn die Stadionkamera filmt (62). Billy Beane, gefangen in der Bildschirmübertragung, steht am Ende seines Kampfes, den er mit paradoxen Mitteln kämpfte, da diese sich aus ihrer natürlichen Veranlagung heraus gegen ihn wenden sollten. Wenn nicht schon längst zuvor geschehen, dann aber nun, so der Subtext des Films, ist jeder getroffene Ball, jederHit, nur noch ein Schwung der Kulturindustrie. Wenn das Sportfilmgenre jemals einen Aufschwung und einen Höhepunkt gehabt haben will, dann ist Bennett Millers Film der sportspezifische tote Punkt, ein Adorno-Moment. Denn es ist die neoliberale Methode der Sabermetrics, die am Ende vor allem denjenigen helfen wird, die den kommerzialisierten Sport missbrauchen, um die enorme Ungleichverteilung in allen Bereichen der Gesellschaft durch von sportlichen Erfolgen und Einkommen zu legitimieren, zu bewahren, sie zu schaffen, zu begründen und zu rechtfertigen (63). An der Basis darf sich ein Streit entfachen darüber, ob Baseball-Teams nun am Computer zusammengestellt werden dürfen oder nicht, die Anklage Billy Beanes an das unfaire Spiel als solches aber verstummt, die Ungleichverteilung wird in Zukunft hingenommen. Ist das nun ein Hoch des Kulturpessimismus? Wahrscheinlich. Denn wenn Peter Brand Billy Beane zur Aufmunterung ein Video eines übergewichtigen Baseball-Spielers zeigt, der eine solche Angst vor dem Pitch hat, dass er nicht einmal sieht, dass ihm ein Homerun gelungen ist, dann weiß Beane um die Augenwischerei. In welche Richtung Beane am Ende mit Tränen in den Augen auch fährt, es gibt für ihn wie auch das Sportgenre kein zurück mehr. MONEYBALL ist nicht nur ein Sportfilm ohne Sport, er ist die Grabrede des Baseballfilms.

Anmerkungen

1 Bild 01 / 03 / 04 2 Im Dialog sagt Peter Brand folgendes zu Billy Beane: „Billy, of the 20.000 notable players for us to consider, I believe that there is a championship team of 25 people (...)“ (00:26:05) 3 Vgl.: Sicks, Kai/Stauff,Markus, 2010, S. 9 4 Vgl.: Köhler, Heinz-Jürgen/Wulff, Hans J., 2011, S. 677f 5 Vgl. Schreiner, 2015, S. 58 6 Kommentar: Mit dialektisch ist hier der gewisse Sisyphus-Charakter des Sports gemeint. 7 Vgl. ebd. S. 676 8  Vgl.: Internetquelle, Petri, Stefan, 2014 
 9  Vgl. Internetquelle, Foerster, Lukas, 2012 
10  Kommentar: Die begriffliche Unterscheidung zwischen „Resultat“ auf S.1 und S.2 soll diese Arbeit im 
Idealfall leisten. 
11  U.a geprägt von Stefan Hirschauer (Vgl. Hirschauer, 2014) 13 Einer der Scouts: „Got an ugly girlfriend.“ (00:08:38)  14 Vgl. Stefan Hirschauer, 2014, S. 170 15 Bildverzeichnis 32 (00:08:04) 16 Vgl. Schnelle, 2012, S. 42 17 Vgl. Schreiner, 2015, S. 8 18 Vgl. Internetquelle, Petri, Stefan, 2014 19 Vgl. Florschütz, 2005, S. 40 und Gugutzer, 2008, S. 242 20 Vgl. Butterwegge, Lösch, Ptak, 2007, S. 23 7 21 Peter Brand zu Billy Beane (00:18:16) 22 Ebd. (00:17:24) 23 Im Original-Dialog heißt es: „Okay. People who run ball clubs, they think in terms of buying players. Your goal shoudn't be to buy players. Your goal should be to buy wins. And in order to buy wins, you need to buy runs.“ (00:18:10) 24 Der Begriff der neoliberalen Weltanschauung wird im Folgenden definiert 25 Vgl. Internetquelle, Spiller, 2012 26 Butterwegge, Lösch, Ptak, 2007, S. 14 27 Vgl. Schreiner, Patrick, 2015, S. 7 28 Vgl. Heinzlmaier, Bernhard, 2013, S. 15f 29 Vgl. Schreiner, Patrick, 2015, S. 26 30 Internetquelle: Schnelle, Frank, 2012 31 Internetquelle: Winker, Thomas, 2002 32 Vgl. Internetquelle, Kleingers, 2012
33 Vgl. Schreiner, Patrick, 2015, S. 58. Da sagt er: „Heutige Gesellschaften sind Sport-Gesellschaften 34 Vgl. Butterwegge, Lösch, Ptak, 2007, S. 51 35 Vgl. Internetquelle, Spiller, 2012 36 Bildverzeichnis 10 (00:19:16) / 17 (00:24:16) / 18 (00:24:34) / 37 Bildverzeichnis 19 (00:25:06) 38 Bildverzeichnis 05 (00:02:18) 39 Kommentar: Angespielt wird hier auf Vertovs Idee vom Kinoki und Kinoglaz, welche das Medium Film als ein revolutionäres im Sinne der neuen Wahrnehmungsmöglichkeiten begreift und darin ein Weg zur Ergründung des neuen, kommunistischen Menschen sieht. 40 Bildverzeichnis 20 (00:25:10) 41 Kommentar: Vergleiche die Computertheorie des Geistes, David Gelernter 2016 42 Kommentar: Ausführlich wird dies am Ende des Kapitels beschrieben. 43 Vgl. Internetquelle, Kleingers, David, 2012 44 Bildverzeichnis: 26 (01:18:06) / 25 (01:17:49) 45 Kommentar: Damit soll gemeint sein, dass Miller in seiner fiktionalisierten, filmischen Darstellung realer Gegebenheiten auf realexistierendes, mediales Material zurückgreift, also eine non-fiktionale, extra-diegetische Ebene einbaut. 46 Bildverzeichnis 02 (00:03:58) 47 Vgl. Gugutzer, Robert, 2010, S. 125 48 Vgl. Hoffmann, Dagmar, 2012, S. 15 49 In Anlehnung an den Dialogsatz von Billy Beane: „This kind of thing it's fun for the fans. It sells tickets and hot dogs. Doesn't mean anything.“
50 Bildverzeichnis: 06 (00:03:40) / 31 (02:01:50) 51 Bildverzeichnis 13 (00:22:24) 52 Bildverzeichnis 14 (00:23:55) 53 Vgl. Schnelle Frank, 2012, S. 42 54 Bildverzeichnis 16 (00:24:08) 55 Bildverzeichnis 15 (00:24:04) 56 „Don't make an emotional deciesion, Billy“ Peter Brand zu Billy Beane (01:11:12) 57 Bildverzeichnis 21 (00:27:10) 58 Im Dialog heißt es zwischen Chris Pratt und einem anderen Spieler: „What's your biggest fear?“ / „A Baseball being hit in my generall direction.“ / „That's funny. Seriously, what is it?“ / „No, seriously, that is.“ (01:20:12) 59 Kommentar: Was zweifellos genau die Kreierung von Marken-Ichs durch jene Sportmomente befeuert. 60 Kommentar: Mit Blick auf die in der Einleitung aufgeworfene Frage 61 Ein Sportkommentator (01:50:25) 62 Bildverzeichnis 29 (02:00:22) 63 Vgl. Schreiner, Patrick, 2015, S. 61

 

Literatur

 

Alkemeyer, Thomas, Aufs Spiel gesetzte Körper – Eine Einführung in die Thematik, In: Aufs Spiel gesetzte Körper, Thomas Alkemeyer, Bernhard Boschert, Robert Schmidt, Gunter Gebauer (Hrsg.), UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2003

Blumenberg, Hans C., Sport im Spielfilm, Verlag Karl Maria Laufen, Oberhausen 1970 Butterwegge, Christoph, Lösch, Bettina, Ptak, Ralf, Kritik des Neoliberalismus, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007

Florschütz, Gottlieb, Sport im Film und Fernsehen, Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden 2005

Gugutzer, Robert, Eine soziologische Analyse von Million Dollar Baby, In: Körperästhetiken – Filmische Inszenierung von Körperlichkeit, Dagmar Hoffmann (Hrsg.), transcript Verlag, Berlin 2010, S. 121 – 143

Gugutzer, Robert, Sport im Film, In: Gesellschaft im Film, Markus Schroer (Hrsg.), UVK Verlagsgesellschaft mbh, Konstanz 2008

Heinzlmaier, Bernhard, Performer, Styler, Egoisten, Archiv der jugendkulturen e.v., Berlin 2013

Hoffmann, Dagmar, Körper(-ästhetiken) in der Gesellschaft und Film, In: Körperästhetiken – Filmische Inszenierung von Körperlichkeit, Dagmar Hoffmann (Hrsg.), transcript Verlag, Berlin 2010, S. 11 – 35

Schreiner, Patrick, Unterwerfung als Freiheit – Leben im Neoliberalismus, PapyRossa Verlag, Köln 2015

Sicks, Kai Marcel, Stauff, Markus, Einleitung zu Filmgenre: Sportfilm, Thomas Koebner (Hrsg.), Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 2010

Stauff, Markus, Der Körper, der Wettkampf und der Rest, In: Mediensport: Strategien der Grenzziehung, Fink Verlag, Paderborn 2009

Winter, Rainer, Filmsoziologie: Eine Einführung in das Verhältnis von Film, Kultur und Gesellschaft, Quintessenz Verlag, München 1992

 

Internetquellen:

Foerster, Lukas, 2012, Ganz kalter Krieg. https://www.perlentaucher.de/im-kino/ganz- kalter- krieg.html?highlight=moneyball (Stand: 21.03.2016)

Kleingers, David, 2012. Baselball-Film „Moneyball“: Ganz großer Wurf, Brad Pitt! http://www.spiegel.de/kultur/kino/baseball-film-moneyball-ganz-grosser-wurf-brad-

pitt-a- 812424.html (Stand: 21.03.2016)

Petri, Stefan, 2014. Wie die Oakland Athletics die Sportwelt revolutionierten. Moneyball - die Kunst zu gewinnen? http://www.spox.com/de/sport/ussport/mlb/1408/Artikel/moneyball- brad-pitt-oakland- athletics-billy-beane-bill-james-baseball-statistiken,seite=3.html (Stand: 21.03.2016)

Spiller, Christian, 2012, Brad Pitt und die Erotik der Zahlen, http://www.zeit.de/sport/2012-

02/moneyball-pitt-statistik-fussball, (Stand: 21.03.2016)

Winker, Thomas, 2002: Der Trend zum Film „Moneyball“: Die Datenfresser kommen,

http://www.taz.de/!5101728/ (Stand: 21.03.2016)

 

Zeitschriftenbeiträge:

Häger, Kathrin, Die Kunst zu gewinnen – Moneyball (Kritik, In: Filmdienst 03/2011, Katholische Filmkommission für Deutschland (Hrsg.), Saarländische Druckerei und Verlag, Saarwellingen 2012

Schnelle, Frank, Die Kunst zu gewinnen – Moneyball (Kritik), In: Epd-Film Magazin 02/2012, Dr. Thomas Schiller (Hrsg.), Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, Frankfurt am Main 2012

Hirschauer, Stefan, Un/doing Difference: Die Kontigenz sozialer Zugehörigkeit, In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 43, Heft 3, Lucius & Lucius Verlag, Stuttgart 2014, S. 170-191

 

Lexikon-Einträge:

Köhler, Heinz-Jürgen, Wulff, Hans J., Sportfilm, In: Reclams Sachlexikon des Films,

Thomas Koebner (Hrsg.), Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, S. 674-679

 

Dieses Essay wurde in veränderter Form als Hausarbeit im Fach Filmwissenschaft an der Universität Mainz.