Eingangstür zu einem Saal des Cinéma Saint-André-des-Arts in Paris ©VVO
Eingangstür zu einem Saal des Cinéma Saint-André-des-Arts in Paris ©VVO

»Das Kino ist zu.«

von Vasco V. Ochoa

 Zurzeit demonstriert uns ein bizarres Szenario, was geschieht, wenn das Kino nicht mehr ist, und der Film entfesselt seine Wiege verlassen muss. Jener Ort, an dem er dieser Tage weiterläuft, steht seit dem letzten Jahrzehnt in Konkurrenz zu den dunklen Sälen. Heute aber sind es die Maßnahmen sozialer Distanzierung, die klar werden lassen, dass die Schließungen nicht unmittelbar das Kino oder den Film betreffen, vielmehr aber sein Publikum, welches das Kino popularisiert, modifiziert und nicht zuletzt, diversifiziert.

 

Längst hat der Film die Peripherien des Kinos für sich erobert und seine Rezeption steht zu jeder Zeit, an jedem Ort zur Verfügung. Doch was geschieht, wenn die Freiheit dieses selbst gewählten Individualismus zu einer Pflicht, gar zur Restriktion wird? Was geschieht mit uns, dem Auditorium, wenn die freiwillige Gemeinschaft des Kinos aufgelöst wird und unsere kollektiven Erfahrungen unterbunden sind? Solange diese freiwillige Gemeinschaft nur noch atomisiert in Zellen und nicht mehr im Kollektiv existiert, ist das Wesen des Kinos vorerst nicht mehr erfüllt.

 

„Keine Panik!“, so mag jemand schreien. „Kinematografische Begegnungen bleiben selbst mit dem Leerstand des Kinos weiter bestehen – online und in meinem Regal“. Ein valides Argument. Immerhin schafft das herrschende Vakuum eine Zeit für Kontemplation. Hervorheben sollte man aber die Tatsache, dass unsere Singularität ein Haltbarkeitsdatum hat. Die einzigartigen realweltlichen Erfahrungen während unserer Kinoabstinenz werden sich überhäufen, doch sie werden uns nicht überfordern, da das Kino unsere Sinne bereits lange geschult und gerüstet hat.

 

Das Kino hat unseren Umgang mit der Welt erweitert. Seine Akteurinnen und Akteure lassen uns in die Nischen der Welt blicken und von fern und nah träumen. Und so werden wir, das Publikum zum Kino zurückkehren, weil wir, die Zuschauerinnen und Zuschauer auch in Zukunft lernen wollen. Wir möchten Filme schauen und – gemäß des sowjetischen Filmemachers Andrei Tarkowski - bestenfalls sehen. Es bleibt der Raum für Sichtbarkeit, Erfahrung, Beschleunigung, und Entschleunigung - ein Ort der Begegnung.

 

Die französische Filmemacherin Agnès Varda sagte mal: „Kino ist niemals Wahrheit. Es versucht nur, sich der Wahrheit anzunähern.“ (1) Dies ist aber genug Motivation uns mit der Welt auseinanderzusetzen, selbst wenn ihre Population sich physisch distanziert. So stellen wir uns gemeinsam Schulter an Schulter und sagen den Kinobetreiberinnen und Kinobetreibern, dass wir, das Publikum, bei Euch sind! Gestärkt durch Zusammenhalt und den Schatz neuartiger realweltlicher Erfahrungen kehren wir bald in das kinematografische Laboratorium zurück.

 

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