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ohne worte.

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Kino in all seinen Implikationen war immer schon Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen, nie bloße Fiktion oder Unterhaltung. Kino ist denkender Raum, Seismograph und Wegweiser.

 

Mag im neuen Jahrtausend sein Stern auch im Sinken begriffen sein, das Kino kann und darf nicht ernst genug genommen werden, da der Umstand, dass wir vielmehr immer schon im Kino sind und das Kino in uns ist – wir also längst gewohnt sind in seinen Bildern und Träumen zu denken – eine gewichtigere gesellschaftliche Auswirkung hat, als dass wir uns nur den Leinwandgöttern entsprechend kleiden und uns dann auf bunten Messen treffen.

 

Wenn wir im Kino nicht nur schauen, sondern auch sehen, sind es meist Ideologien, die wir mal im Versteckten, mal im Offensichtlichen, mal im Niedersten und mal im Höchsten entdecken. In seinen ästhetischen Möglichkeiten erkennen wir jenes politische Äquivalent, welches uns auf dem Nachhauseweg begegnet. Oder in einem Wort: Wer etwas über die Welt lernen will, muss ins Kino gehen.

 

Wenn also in einer großen deutschen Kino-Kette statt herkömmlicher Tickets nur noch Quittungen ausgegeben werden, ist das nicht nur zu kritisierender Pragmatismus, sondern mehr, nämlich ein weiteres Symptom einer Veränderung, die das Kino zum Supermarkt-Discounter nivelliert. Ein Gebrauchsgegenstand unter vielen in einer multimedialen Kulturindustrie zur totalen Zerstreuung des Konsumenten. Ein unnötiger Rückschritt in Zeiten der Attraktion und des Varieté. Gerade deswegen kann eine ideologiekritische Perspektive nur an Relevanz gewinnen, da das Kino nicht zu einem Nicht-Ort, zu einer einzigen großen Transitzone zwischen Arbeit und Freizeit verkümmern darf und wodurch Ideologien es noch einfacher hätten, sich wie geruchloses Gas unbemerkt zu verbreiten.

 

Unsere These: Die Ideologiekritik muss in angeblichen post-ideologischen Zeiten umso gewichtiger sein, um das Kino als Dispositiv und in seiner weitreichenden physischen Realität am Leben zu erhalten. Siegfried Kracauer hat einmal gesagt: »Die Filmleinwand ist Athenes blanker Schild«. Nur durch sie können wir die Realität erkennen. Dafür braucht es aber auch einen mutigen Perseus, der den Blick in den Spiegel wagt.

 

Unglücklicherweise wird aber diese Perspektive als etablierter Teil eines (an dieser Stelle hypothetisch angenommenen) Gesamtzugangs zum Film und zum Kino immer stiefmütterlicher behandelt, als zu sprachlich verklausuliert und zu per se kritisch verworfen. Zu sehr steht story telling, character arc und der individualisierte, rein meinungs- und nerdbasierte Zugang zum Film im Vordergrund. Subjektivismus ist en vogue. Ideologiekritik aber irritiert, lässt stolpern und schreckt ab. Unbequem eben.

 

Wenn das Schwert der Ideologiekritik sich in das Objekt seiner Betrachtung versenkt, verwechselt der Unkritische häufig das strömende Blut der Wunde mit dem eigentlichen Ziel des kritischen Denkens; nämlich in den tiefsten Kern der Sache einzudringen, dadurch die Befähigung zum Denken zu erproben, um die eigentliche Sache zu begreifen. Nichts liegt uns ferner, als ein Blutbad um seiner selbst willen anzurichten. Nichts liegt uns ferner, als prinzipieller Kulturpessimismus. Verzeihen Sie uns das überschwängliche Sinnbild, welches aber unserer Begeisterung gerecht werden soll: Stumpf aber darf die Klinge niemals werden.

 

Pessimismus soll an dieser Stelle ganz sicher nicht herkömmlich verstanden werden als die notorische Erwartung des Schlimmsten, sondern als Mut, das schon immer gegenwärtig Schlimme, die Abgründe der Kulturindustrie, zu sehen und sich ihnen illusionslos stellen zu können. Nur aus dieser Einstellung heraus kann sich wahrer Optimismus für das Kino und für den Film entwickeln, der zum Leitfaden für diesen Blog führt:

 

„We want to believe in cinema!“

 

Denken wir da an THEY LIVE! von John Carpenter, in der sich John Nada minutenlang mit seinem besten Freund Frank darum prügelt, die Brille, die den Schleier der Ideologie aufhebt, endlich aufzusetzen. In Zeiten, in der alles innerhalb der eigenen Blase gut konsumierbar sein muss, in der jeder Online-Text mit einer Lesedauer versehen wird, in der die reine Meinung zum Totschlagargument und das lebendige und denkende Argument als solches immer weniger Wert besitzt, stelle wir uns einen Blog über Kino und Film als eine ausgestellte Prügelei, vergleichbar mit dem gerade erwähnten Film vor, an der es sich, Leser wie Schreiberling, abzuarbeiten gilt. Ein vernetztes und breites Denken um und vor allem im Kino, welches wagt, einen oder zwei Schritte zurückzutreten, um die Grenzen des eigenen Vermägens zu sprengen, anstatt nur mit Floskeln wie „kontrovers“, „meinungsstark“ oder „unabhängig“ in die Leere zu führen. Wir sind überzeugt davon: Ideologiekritik ist rettende Kritik am Kino. Ideologiekritik ist Sprengung des Kinos durch das Kino zur Erhaltung des Kinos. Dann kann Kino die Wunden der Moderne heilen.

 

Das sind die Grenzen dessen, was wir vermögen. Der Rest gehört euch.

 

Lucas Curstädt, Vasco V. Ochoa und Roman Paul Widera